Tom Rüsen: „Ein möglicher Verkauf wird tabubefreiter diskutiert“

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Prof. Dr. Tom Rüsen: Wenn wir auf die Ergebnisse des 6. „wir“-Barometers zur Frage nach den größten Bedrohungen für den Erhalt von Familienvermögen blicken, haben sich im Vergleich zum Vorjahr zwei Werte verschlechtert: 30 Prozent der befragten Familienunternehmer sehen in Konflikten im Gesellschafterkreis ein Gefahrenpotential – im Vorjahr waren es nur 24 Prozent. 19 Prozent nennen mangelndes Interesse der Gesellschafter, im Vorjahr waren es nur 14 Prozent. Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Diese Ergebnisse haben mich überrascht. Ich führe sie zurück auf die totale Unsicherheit, die wir weltweit durch die Zoll- und Handelskonflikte sowie die Kriege sehen, und auf unseren Standort Deutschland, der unter der Bürokratie ächzt und dessen Wirtschaft seit drei Jahren stagniert. Da die große Mehrheit der Befragten Geschäftsführende Gesellschafter oder Mitglieder in den Aufsichtsgremien von Familienunternehmen sind, erleben sie derzeit direkt und mittelbar die Auswirkungen auf das operative Geschäft. Die große Frage, wie die Unternehmensstrategie in diesen Zeiten ausgerichtet wird, dürfte angesichts der Komplexität für Diskussionsstoff in den Gesellschafterkreisen sorgen und zu unterschiedlichen Meinungen führen. Möglicherweise befürchten die Befragten aus diesem Grund, dass sich vor allem die passiven Gesellschafter vom Familienunternehmen abwenden und weniger Interesse zeigen. Ich denke aber, dass ein weiterer Faktor für Unruhe im Gesellschafterkreis sorgt: Die allergrößte Gefahr sehen die Befragten in einer Erhöhung von Steuern und Abgaben. Das geht einher mit der Diskussion, die in der Öffentlichkeit über die Erbschaftsteuer oder Vermögensteuer geführt wird und die für einige Familienunternehmen auch als Existenzfrage wahrgenommen wird. Wir sehen, dass die Frage nach einem möglichen Verkauf des Unternehmens offener und tabubefreiter diskutiert wird – sicherlich auch kontrovers. Auch das könnte eine Erklärung für die steigenden Konflikte im Gesellschafterkreis sein.

Das führt uns zum nächsten Ergebnis: 39 Prozent sehen im Ansehen von Unternehmertum eine Bedrohung, in den Jahren 2025 und 2024 lag der Wert bei 33 beziehungsweise 29 Prozent.

Das Ansehen von Unternehmertum in der Gesellschaft leidet massiv. Dieses Ergebnis muss als Weckruf, als Hilferuf verstanden werden, es ist wirklich besorgniserregend. Wir sehen in den Zahlen, dass die Vertreter dieser einzigartigen Wirtschaftsstruktur zunehmend frustrierter, aber auch misstrauischer werden. Jede wirtschaftspolitische Maßnahme müsste eigentlich Familienunternehmen berücksichtigen. Und wir als Gesellschaft müssen uns die Frage stellen: Wollen wir unsere einzigartige Wirtschaftsstruktur erhalten? Ja oder nein? Man müsste die Debatte umdrehen: Was würde eigentlich passieren, wenn die Familienunternehmen alle verkaufen würden? Sie würden einmal Verkaufsteuer zahlen, vielleicht ins Ausland gehen und Wegzugsteuer zahlen. Dann hätten wir das englische Modell – ein paar wenige Unternehmen oder Family Offices in den Städten, aber in der Fläche kaum eigentümergeführte Industrie. Da gibt es dann irgendwelche Investoren, die beliebig ihre Standorte wechseln können.

Info

Wenn Sie Interesse an den ausführlichen Ergebnissen des „wir“-Barometers haben, können Sie es nach Anmeldung unter diesem Link einsehen: „wir“-Barometer #6 – So sichern Unternehmerfamilien ihr Vermögen.

Wie bewerten Sie das Ergebnis zur Frage, ob die Befragten eine Stiftung als Nachfolgelösung in Betracht ziehen? 2024 gaben 52 Prozent an, eine Stiftungsgründung für diesen Zweck nicht in Betracht zu ziehen. 2025 waren es 50 Prozent, jetzt im Jahr 2026 nur noch 46 Prozent.

Das ist eine der spannendsten Entwicklungen. Dass die Stiftung von einer größeren Anzahl von Familienunternehmern als Alternative in Erwägung gezogen wird, erlebe ich auch in unserem nahen Umfeld: Unternehmensträgerstiftung und Familienstiftung sind aktuell die Organisationsformen, mit denen sich viele zumindest gedanklich beschäftigen. Diese Entwicklung würde ich aber eher unabhängig von Steuerfragen oder vom Ansehen des Unternehmertums wie oben beschrieben sehen. Hinter dieser Entwicklung stecken eher die altbekannten Themen: Viele wollen das Unternehmen nicht in die Hände von Kindern geben, die das Unternehmen vielleicht versilbern. Man will die Eigentümerstruktur konsolidieren, nicht individualisieren, weil größer werdende Gesellschafterkreise sich in der Regel vom Unternehmen und seinen Traditionen und Werten entfernen. In einer Stiftungslösung wird der Versuch gesehen, das Eigentum anders zu organisieren. Die Kernbotschaft lautet: Wir wissen nicht, was unsere Nachkommen mit dem Unternehmen machen. Daher strukturieren wir es so, dass die Nachkommen das von drei, vier oder fünf Generationen Erarbeitete nicht individualisieren.

Sie forschen auch zum Thema Vermögenssozialisation. Die Antworten auf die Barometerfrage, in welchem Rahmen über die Vermögensstrategie diskutiert wird, zeigen, dass es eine Veränderung gibt: Die Vermögensinhaber beziehen die Familienmitglieder und auch Berater in die Gespräche ein.

Das ist eine gute Nachricht: Das Modell des „Lonesome Wolf “, bei dem der Patriarch die Vermögensfragen allein, manchmal auch mit Beratern, klärt, ist ein Auslaufmodell. Nur noch 9 Prozent handhaben es so, zeigt die Barometerumfrage. Stattdessen gibt es offensichtlich strukturiertere Prozesse mit den Mitgliedern der Familie, so dass alle mit ins Boot geholt werden. Dennoch bleibt die Vermögenssozialisation die große Baustelle in Unternehmerfamilien. Viele haben keinen richtigen emotionalen Zugang zum Vermögen. Das liegt daran, dass auch Unternehmerfamilien in einer Gesellschaft aufwachsen, die ein gespaltenes Verhältnis zu Vermögen hat. Die wenigsten Nachkommen rufen: „Hurra, ich bin reich, ich kaufe mir als Erstes einen Ferrari.“ Stattdessen herrscht ein ambivalentes Gefühl vor: Man hat viel empfangen, aber selbst nichts dafür gegeben. Entscheidend ist, einen Purpose zu entwickeln – eine Antwort auf die Frage zu finden: „Was mache ich damit?“ Wenn Vermögen einfach leistungslos da ist, man plötzlich Millionen auf dem Konto hat und man nichts zurückgeben kann, wirkt das auf einen Teil der Menschen destruktiv. Nur wenn ein Sinn dahintersteht, können junge Erben sagen: „Das ist ein Ansporn, mich dem würdig zu erweisen.“ Um diesen konstruktiven Umgang zu stärken, braucht es eine familieninterne Debatte. Das alte Prinzip „Über Geld spricht man nicht“ – kulturell und historisch tief bei uns verankert – muss überwunden werden. Die Zahlen des Barometers zeigen: Diese Entwicklung findet nun zunehmend statt. Immer mehr Familien führen strukturierte Gespräche über Vermögen und beziehen die Generationen ein.

Was müsste sich ändern, damit sich das Bild von Unternehmertum in Deutschland verbessert?

Wir brauchen eine gesamtgesellschaftliche Debatte darüber, ob wir wirklich unser Unternehmertum verteufeln und Unternehmer, die Arbeitsplätze schaffen und Risiken eingehen, als reiche Steuersubjekte abstempeln wollen. Traditionell sind Familienunternehmen sehr schweigsam, weil öffentliche Äußerungen immer auch auf die Familie zurückschlagen. Aber es könnte wirklich helfen, wenn sie mehr in der Öffentlichkeit sprechen würden. Die Bereitschaft hierfür nimmt zwar zu und mittlerweile partizipieren mehr Unternehmer in Talkshows. Das ist auf jeden Fall hilfreich, aber auch herausfordernd, weil man es dann mit rhetorisch geschulten Politikern aufnehmen muss. Zentral erscheint mir, dass sich Familienunternehmer auch den kritischen Debatten stellen. Das ist der Beitrag, den sie leisten können und müssen. Vereinzelte Auftritte oder Social-Media-Präsenz allein reichen nicht aus, um das Ansehen von Unternehmertum in Deutschland nachhaltig zu verbessern.

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.