Das Generationen-Paradox

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Man stelle sich einen Sitzungssaal vor, in dem drei Generationen – Großeltern, Eltern und erwachsene Kinder – an einem Tisch sitzen, wobei jede Generation eine Stimme, einen Anteil am Unternehmen und eine Vision für die Zukunft hat. Familienmitglieder leben heute länger und bleiben bis in ihre Siebziger oder Achtziger in ihren Unternehmen aktiv; das klassische Modell einer sauberen Übergabe von einer Generation an die nächste passt daher oft nicht mehr. Stattdessen durchleben Familien Jahrzehnte, in denen Rollen, Verantwortlichkeiten und Befugnisse ständig neu verhandelt werden.

Was in solchen Momenten oft als „Generationenkonflikt“ gedeutet wird, ist genauer betrachtet eine Reihe tieferer, struktureller Spannungen: darüber, wem was gehört, wer entscheidet und wer wirklich frei ist, seinen eigenen Weg zu wählen.

Honora Ducatillon, Leiterin Family Advisory, Pictet Wealth Management / Foto: Pictet

Angesichts dieser Spannungen reagieren Familien häufig damit, ihre Instrumente innerhalb des bestehenden Rahmens zu verfeinern: eine weitere Überarbeitung des Gesellschaftervertrags, ein neuer Ausschuss, zusätzliche Governance-Dokumente. In paradoxen Situationen kommt echter Wandel jedoch durch einen anderen Schritt zustande: das Hinterfragen des Rahmens selbst.
Drei Paradoxien tauchen dabei in Familiendynamiken typischerweise immer wieder auf.

1. Freiheit verkünden, jedoch ein ­implizites Skript vermitteln

Familien vermitteln jüngeren Mitgliedern oft, dass sie frei sind, ihren eigenen Weg zu wählen. In der Praxis stoßen manche Berufs- und Lebensstilentscheidungen jedoch auf positivere Reaktionen als andere. Vorbehalte gegenüber bestimmten Wegen werden nie wirklich erklärt. Denn Familien haben oft implizit eine Idee davon, was „ein gutes Leben“ bedeutet, ohne dies explizit zu kommunizieren. Wenn die Jüngeren die Vorbehalte spüren, betonen die Eltern erneut, dass sie frei in ihren Entscheidungen seien. Der Widerspruch liegt somit in den Signalen, nicht in den Worten. Erst ein sicheres Gespür für diese Signale ermöglicht es Familien, ihre zugrundeliegenden Überzeugungen zu hinterfragen und, falls nötig, anzupassen.

2. Schützen, um zu motivieren – ­einbeziehen, um vorzubereiten

Eltern schirmen ihre Kinder oft vor der Komplexität des Familienvermögens ab, um Bescheidenheit und Motivation zu bewahren. Dieser gut gemeinte Schutz verzögert Lernprozesse, die für einen verantwortungsvollen Umgang mit Vermögen wesentlich sind. Viele Erben entdecken das Ausmaß ihres Vermögens erst mit Mitte 30 oder später. Ein Mehr an Information und klarere Einweisungen sind dann zwar hilfreich, lassen aber die zugrundeliegende Prämisse unberührt: dass Motivation und Vorbereitung in entgegengesetzte Richtungen wirken. Erst wenn man diese Prämisse beiseitelässt, kann „Schutz“ selbst neu definiert werden: früh selbst Entscheidungen zu treffen und Konsequenzen und Risiken abzuwägen.

3. Eigentumsrechte übertragen, ­Autorität behalten

Anteile und Rollen werden formal übertragen, doch informelle Autorität bleibt oft bestehen, gestützt durch Gewohnheiten auf beiden Seiten. Es entsteht somit eine Kluft zwischen formalen Titeln und tatsächlicher Entscheidungsgewalt. Eine Nachfolgeplanung soll Prozesse definieren, legt jedoch oft den missverständlichen Rahmen zugrunde, dass Nachfolge eine einmalige Übertragung von Autorität zu einem bestimmten Zeitpunkt sei. Sobald dieser Rahmen beiseitegelassen wird, ändert sich die Schlüsselfrage. Die Herausforderung besteht nicht mehr darin, den Moment der Übergabe zu perfektionieren, sondern eine längere Phase der Koexistenz von Generationen zu organisieren und zu bewältigen.

Die Dinge beim Namen nennen

Um diese Paradoxien anzugehen, bedarf es mehr als nur neuer Regeln. Es erfordert Gespräche, um Erwartungen und „Skripte“ zu hinterfragen, gemeinsam die gleichen Lehren aus Familienerfahrungen zu ziehen, individuellen Perspektiven Raum zu geben, bevor kollektive Entscheidungen getroffen werden. Strukturelle Paradoxien sind der Familienführung inhärent, wenn drei Generationen jahrzehntelang zusammenleben. Sie verschwinden zwar nicht, wenn man sie benennt, aber sie werden handhabbar. Familien, die die Fähigkeit entwickeln, diese Spannungen ans Licht zu bringen, sind besser in der Lage, die Komplexität des Systems, in dem sie sich befinden, zu erkennen, anstatt sich von ihm treiben zu lassen. Sie können somit ihre Governance so gestalten, dass diese auch vermeintlich gegensätzliche Positionen einbezieht und sich somit gut an neue Realitäten anzupassen vermag.