Johannes Sill über 9 Jahre beim „wir“-Magazin

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Gleich bei meinem allerersten Interviewtermin für das „wir“-Magazin – frisch runter von der Uni – durfte ich erkennen, dass dieses Magazin inklusive seiner Zielgruppe etwas ganz Spezielles an sich hat. Der Unternehmer, den ich in Nürnberg besuchte, begrüßte mich im Konferenzraum mit der schroffen Frage, ob ich denn jemals ein Interview geführt habe. Zumindest im „wir“-Kontext musste ich das tatsächlich verneinen. Trotz des forschen Beginns legte er mir – wie viele Interviewpartner nach ihm – dann sehr offen dar, wie es um sein Unternehmen steht. Am Ende schenkte er mir einen halben Koffer seiner Produkte. Aber sein erster, entlarvender Satz wird mir immer in Erinnerung bleiben.

Beim Schreiben und Veröffentlichen des anschließenden Artikels, den mir Chefin Petra Gessner mit sehr, sehr, sehr viel Rot im Dokument redigierte, gab es vonseiten des Unternehmers bei der Zitatabstimmung indes keine bösen Überraschungen.

Zitatabstimmungen oder Taktieren mit Wörtern

Der Prozess des Hin und Her zwischen uns und den im Magazin dargestellten Personen schreibt aber auch des Öfteren seine eigenen Geschichten. In einem ewig langen Abstimmungsprozess kämpften die PR-Abteilung eines Unternehmens und ich sprichwörtlich um ein einzelnes Wort im Artikel. Nachdem nach Wochen endlich die Entscheidung über ein ganz spezielles Wort gefallen war, an dem – zumindest dachte ich das – der ganze Artikel hing, schickte ich den Artikel ins Korrektorat. Nur um herauszufinden, dass unsere Lektorin den ganzen Absatz für irrelevant hielt und ihn – inklusive des hart erkämpften Wortes – gänzlich aus dem Artikel nahm.

Dass auch auf der anderen Seite des Abstimmungsprozesses Ego und Hybris an den Tag gelegt werden, erlebte ich ebenfalls. Eines Montagmorgens öffnete ich mein Postfach und blieb verdutzt zurück. Die Zitate, die ich wörtlich unserem Gespräch entnommen und am Freitag zur Freigabe geschickt hatte, schlugen beim Interviewpartner wohl ein wie eine Bombe – obwohl es seine eigenen Worte waren. Die betreffenden Absätze im Artikel hätten ihm das ganze Wochenende zerstört, auf das er sich so gefreut hatte, schrieb er mir. Fangen Sie als Volontär im ersten Ausbildungsjahr das einmal mental auf.

Ein Teller zu wenig

Damit es aber nicht so aussieht, als hätte ich in mehr als neun Jahren beim wir-Magazin nur Unglückliches zu erzählen, hier noch ein paar Schmankerl. Ein Geschäftsführender Gesellschafter lud mich einst zum Mittagessen beim Italiener ein. Da war Corona noch nicht lange ins Land gegangen. Als es zum Dessert ging, lehnte ich ab. Das angebotene Tiramisu sah zwar klasse aus, aber ins Kalorienkoma wollte ich mich nicht begeben. Schließlich stand noch der zweite Teil des Interviews an. Der Unternehmer – verständlicherweise etwas lockerer in dieser Situation als ich – meinte, wir könnten doch teilen. Darauf ließ ich mich ein … nicht wissend, dass wir anschließend vom gleichen Teller essen würden. Zumindest gab es zwei Löffel, aber meine journalistische Perspektive sah für einige bange, wenn auch leckere Momente ganz anders aus.

Info

Gefällt Ihnen, was Sie lesen? Das wir-Magazin widmet sich seit 20 Jahren Themen rund um Unternehmerfamilien. Zu unserem Jubiläum haben wir eine ganz besondere Zusammenfassung gestaltet: 20 Jahre „wir-Magazin“ – Wie überdauern Familienunternehmen?

Apropos neue Perspektiven: Die eröffnete mir unser Objektleiter Dominik Schubert bei einem „wir“-Roundtable Single Family Office in Stuttgart. Dort im Literaturhaus, wo ich moderieren durfte, steht beziehungsweise bewegt sich immer noch ein Paternoster. Gemeinsam standen wir fasziniert vor diesem Kunstwerk der Ingenieurskunst. Dass wir damit fahren würden, stand außer Frage. Und so sehr wir als Teil der F.A.Z.-Gruppe für Unabhängigkeit zwischen Sales und Redaktion stehen: komplett einmal im Kreis zu fahren, ohne vor den sehr ruckeligen Passagen bei der Kehrtwende oben und unten auszusteigen, brachte uns doch näher zusammen.

Lost auf der Alb

Die Fahrt war indes nicht die erste mit einem Fortbewegungsmittel, das ich ohne das „wir“-Magazin wohl nie genutzt hätte. Eines Nachmittags stand ich panisch an einer DB-Haltestelle auf der Schwäbischen Alb. Beim Interview zuvor hatte mich der Geschäftsführende Gesellschafter schon ausgelacht, weil ich auf seine Small-Talk-Frage, wie und ob ich denn gut hergefunden habe, antworten musste, dass ich von Köln aus bei jedem der mehrfachen Umstiege immer in einen jeweils qualitativ schlechteren Zug geraten war. „Also mit den Öffis ist noch keiner hierhergefahren“, sagte der Geschäftsführer und lachte. Passend dazu waren der Aus- und Einstieg bei der Rückfahrt an einer sogenannten Bedarfshaltestelle, die nur angefahren wird, wenn der Wunsch dazu besteht. Und mein Wunsch war enorm groß, denn die Züge auf der eingleisigen Strecke waren rar gesät, und der junge Redakteur drückte den Knopf an jener Bedarfshaltestelle mehr als fünfmal, nachdem das Licht am Schalter bereits zu versichern versuchte, dass der Zug halten würden.

Aber das war und ist die Ansage im Verlag: Wenn man es schaffen kann, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem Interview zu kommen, dann gilt es, das auch so zu tun. Daher kann ich locker an einer Hand abzählen, wie oft ich in wie vielen Jahren einen Mietwagen genommen habe, um zu einem Termin zu fahren. Ironischerweise ging es bei einer der Fahrten mit einem Mietauto wieder auf die Alb, in deren Schatten ich in Ulm aufgewachsen bin. Aber an beiden Orten – Bedarfshaltestelle wie Mietwagenziel – war ich zuvor aber nie gewesen. So habe ich meine Heimat durch das „wir“-Magazin mehrfach neu erleben dürfen, und die Schneemassen, durch die ich mit dem Mietwagen zum Interview fuhr, ließen mich daran zweifeln, ob ich meine Heimat wirklich gut kannte: weniger als eine Stunde entfernt von der Ulmer Wohnung meiner Mutter, im schwäbischen Winter Wonderland. Auch der Unternehmer dort gab mir übrigens ein Essen aus, das ich diesmal komplett vom eigenen Teller essen durfte. Die Suppen, die er mit seinen Brüdern herstellte und mir mitgab, ermöglichten mir einen tollen, winterlich passenden Snack am Abend – und eine witzige Situation mit dem Mitarbeiter der Autovermietung, dem ich im Weihnachtsspirit und glücklich, aus dem Schneechaos heil herausgekommen zu sein, einen Suppenkarton schenkte.

In diesem Sinne: Merry/Happy Jubiläum, „wir“-Magazin.

Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.