Es gibt nicht viele Familienunternehmen, die sich an der Börse Eigenkapital holen. Transparenz und Mitsprache – das schreckt viele ab. Andere fürchten sich nicht davor.

Knappes Eigenkapital ist und bleibt die Achillesverse des deutschen Mittelstands. Umso mehr erstaunt es, dass so wenige Familienunternehmen die Eigenkapitalquelle Börse anzapfen. Verlust der Unabhängigkeit, Mitsprache der Aktionäre, Transparenz und das Getriebensein von Quartalsbericht zu Quartalsbericht – das wollen Familienunternehmen schlichtweg nicht. Dabei gibt es durchaus Erfolgsgeschichten: Der Waschmittelkonzern Henkel oder der Schmierstoffhersteller Fuchs Petrolub zum Beispiel hätten ihr starkes internationales Wachstum aus eigener Kraft nicht finanzieren können. Natürlich gibt es auch Familien, die an der Börse kein Glück hatten: Die Familie Hymer zum Beispiel nahm ihr Unternehmen in diesem Jahr komplett von der Börse.

Der Wohnmobilhersteller befindet sich wieder zu 100 Prozent in Familienbesitz. Der Familienkonzern Douglas kehrt dem Börsenparkett auch den Rücken. Ein Aktionär – ausgerechnet ein anderer Familienunternehmer, Erwin Müller – hatte Unternehmen und Aktionärskreis aufgemischt. Die Douglas-Eigentümerfamilie Kreke rettete sich mit Hilfe des Finanzinvestors Advent. Darin liegt die Urangst: Man gibt ein Stück Eigentum ab und ist nicht mehr Alleinherrscher im eigenen Haus. Dabei entscheidet der Unternehmer selbst, von wie vielen Anteilen er sich trennt und ob er die Mehrheit abgibt oder nicht. Bei Henkel und Fuchs Petrolub liegt der Streubesitz unter 50 Prozent, auch die Stimmrechte liegen mehrheitlich bei den Familien.

Auch Dr. Werner Utz, Vorstandsvorsitzender der Uzin Utz AG, eines Herstellers von Bodensystemen mit einem Umsatz von etwa 200 Millionen Euro, hat das Zepter in der Hand. Seine Familie hält 55 Prozent der Anteile und Stimmrechte. 25 Prozent gehören dem Krefelder Familienunternehmen Alberdingk Boley, 3,4 Prozent einem Investor, und der Rest der Anteile befindet sich im Streubesitz. „Wir wollten uns nicht für große Investoren öffnen und halten daher unseren Free Float klein“, sagt Utz. Trotz Börsennotierung fühlt er sich durch und durch als Familienunternehmer. Zwei seiner Kinder arbeiten als vierte Generation bereits im Unternehmen.

Info

Das Institut für Familienunternehmen der WHU Otto Beisheim School of Management und die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC untersuchten in einer Studie 153 Börsengänge deutscher Unternehmen in den Jahren 2004 bis 2011. „Zum ersten Mal wurde wissenschaftlich belegt, dass Familienunternehmen beim Börsengang einen Abschlag in Kauf nehmen, um ein Stück Unabhängigkeit dadurch zu wahren, dass sie für einen größeren Streubesitz interessant sind“, sagt Dr. Peter Bartels, Partner bei PwC und Co-Autor der Studie.

Der börsennotierte Automobilzulieferer ElringKlinger AG, der über 1,1 Milliarden Euro umsetzt, gehört mehrheitlich mit über 60 Prozent der Familie Lechler. „Familie Lechler fühlt sich dem Unternehmen sehr eng verbunden. Tradition und Historie bedeuten ihr viel“, weiß Dr. Stefan Wolf, CEO und langjähriger Vertrauter der Familie. Das ist außergewöhnlich, da bereits in der zweiten Generation kein Mitglied der Familie mehr operativ mitgearbeitet hat. Wolf steht in engem Kontakt mit Walter Lechler, Vorsitzender des Aufsichtsrats von ElringKlinger, und er kennt alle Familienmitglieder persönlich.

Beiden Familien – Lechler und Utz – ist es ohnehin seit vielen Jahren fremd, Alleinbestimmer zu sein. Als Werner Utz in das väterliche Unternehmen einstieg, war die Eigenkapitalversorgung sehr knapp. „Mein Vater hatte damals den Mitgesellschaftern zu viel Geld ausgezahlt. Das hat das Unternehmen geschwächt“, erinnert er sich. Im Jahr 1981 nahm er daher zwei Gesellschafter mit an Bord: Alberdingk Boley und Dyckerhoff. Das Baustoffunternehmen Dyckerhoff wurde nach einigen Jahren begierig: Entweder solle Uzin Utz an Dyckerhoff verkaufen oder man wolle sich trennen. Das kam für die Familie Utz nicht in Frage. Mit dem Börsengang im Jahr 1995 finanzierte sie dann das Herauskaufen der Anteile von Dyckerhoff.

Selten entscheidet man allein

Auch bei ElringKlinger mussten sich vor vielen Jahren mehrere Gesellschafterfamilien miteinander abstimmen, weil sie über eine Holding, die aus der Historie heraus entstanden war, miteinander verwoben waren. „Wenn ein Unternehmer schalten und walten will, wie er möchte, ist eine Börsennotierung nicht der richtige Weg“, sagt Nico Baader, Mitglied des Vorstands der Baader Bank AG, die sich darauf spezialisiert hat, mittelständische Unternehmen an die Börse zu führen. Ob man mit Mitsprache leben kann oder nicht, ist letztlich auch eine Typfrage. „Meinen Vater hätte das wahnsinnig geärgert, wenn sich ein Aktionär auf der Hauptversammlung beschwert“, sagt Werner Utz. „Ich nehme das nicht persönlich.“

Das, was die Familien Lechler und Utz für ihren Besitzverlust bekommen haben, war ein Gewinn für die Unternehmen. Werner Utz möchte auf die Professionalisierung durch die Börse nicht mehr verzichten. Leitlinien für das strategische Wachstum im In- und Ausland wurden fixiert. „Etwas, was wir vorher in der Form nicht gemacht haben.“ Stefan Wolf lobt den höheren Grad an Disziplin, den die Notierung an der Börse in den Controllingprozess gebracht hat. Und Nico Baader beobachtet: „Meistens kommt ein ‚echter‘ CFO ins Unternehmen. In vielen Fällen entscheidet der Eigentümer über Finanzierungsstrukturen, obwohl das nicht sein Fachgebiet ist.“

Auch Achim Winter konzentriert sich lieber auf das, was er für das Abgeben seiner Anteile erhalten hat, nicht auf das, was ihm „genommen“ wurde. Anfang der neunziger Jahre hatte er wie ein Besessener gemeinsam mit seinem Bruder die CCR Logistics Systems AG aufgebaut hat, einen Spezialisten für Rücknahmelogistik, der 200 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von rund 100 Millionen Euro erwirtschaftet.

Wachstum nur mit Eigenkapital

Kurz nach der Gründung hatten sie Großkunden wie BMW und VW gewonnen. Sie mussten investieren, um den Bedürfnissen dieser Kunden gerecht zu werden. Doch es fehlten die finanziellen Ressourcen hierfür. Die Gründer verkauften 1997 daher 49 Prozent an fünf Privatgesellschafter, im Jahr 1998 erfolgte der Börsengang. Achim Winter ist zwar „nur“ noch Minderheitsaktionär – aber er hat in relativ kurzer Zeit ein starkes, international agierendes Unternehmen geschaffen. Er widmet sich als Aufsichtsrat noch aktiv der Lobbyarbeit und der Akquise von Großkunden. „Natürlich fühle ich mich dem Unternehmen verbunden“, sagt er. So sehr, dass ihm die Weiterentwicklung des Unternehmens mehr am Herzen liegt als der vollständige Erhalt in Familienbesitz.

Die Transparenz, die der Börsengang CCR Logistics Systems abverlangte, „hat uns erwachsen gemacht“, sagt Achim Winter heute. „Wir haben endlich gesehen, wo was nicht stimmt. Das hat uns auch in der strategischen Ausrichtung weitergebracht.“ Außerdem hätten die Kunden zuvor immer von der „Firma Winter“ gesprochen, obwohl diese Firma schon längst eine AG war. „Seit dem Börsengang werden wir anders, vielleicht mehr auf Augenhöhe, wahrgenommen.“ Die Sorge vieler Unternehmer, Kunden nutzten die Transparenz, um Konditionen zu drücken, teilt Werner Utz nicht. „Wir bestechen durch Qualität. Der Preis ist nicht entscheidend. Nur in Einzelfällen gab es durch die höhere Transparenz Gesprächsbedarf mit dem einen oder anderen Kunden.“

Eigenkapital ist und bleibt ein knappes Gut im Mittelstand. Die Kreditvergabe durch die Banken wird schwer berechenbar bleiben. „Langfristig betrachtet, also in den nächsten 10 bis 20 Jahren, werden wir mehr Börsengange sehen“, schätzt Nico Baader. „Wenn die lokale Bank Wachstum mitfinanziert, ist das kein Problem. Aber wir werden häufiger Krisen und Schocks wie 2008/2009 erleben. Dann werden Banken sehr schnell vorsichtig.“

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