Jeannette zu Fürstenberg könnte sich auf ihrem Titel ausruhen. Stattdessen treibt sie als Investorin den digitalen Wandel voran.

Als Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg ein Mädchen war, nahm ihr Großvater sie oft mit zu Ausstellungen und Konzerten, darunter auch eines von Anne-Sophie Mutter. Das Mädchen war verzaubert von der Geigerin, die Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ in einem Abendkleid mit Blumenstickereien spielte. Dem Großvater hingegen bescherte das Konzert mehr als nur ein berauschendes Musikerlebnis. Er machte daraus auch noch einen Geschäftserfolg.

Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg, geborene Griesel, erinnert sich lebhaft an dieses Ereignis ihrer Kindheit, jetzt, im Frühjahr 2017, auf einem Sofa mit dicken Kissen sitzend, in einem mit dunklem Holz vertäfelten Raum im Schloss Heiligenberg am Bodensee. 2010 hat sie Erbprinz Christian zu Fürstenberg geheiratet. Die Fürstenbergs gehören zum europäischen Hochadel, die Familie ist der zweitgrößte private Waldbesitzer Deutschlands. Sie selbst stammt aus der Familie des Duisburger Traditionsunternehmens Krohne, eines Spezialisten für Messtechnik. Heute sitzt die 34-Jährige dort im Beirat, vergibt zusammen mit ihrem Mann Stipendien für junge Künstler und steht hauptberuflich an der Spitze von La Famiglia, einem Wagniskapital-Fonds. Dessen Ziel: die alte und die neue Wirtschaft zusammenzubringen.

Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg – Der Großvater als Vorbild

Ihr Vorbild dabei ist bis heute ihr Großvater. „Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu ihm“, sagt Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg. Als junger Mann war er Künstler, lebte in Paris. Doch als sein Onkel, der damalige Chef des Familienunternehmens, in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs starb, bat ihn seine Großmutter, die Firma zu übernehmen. Er dachte eigentlich, dass er sie nur wenige Jahre führen würde. So lange, bis jemand anders gefunden sein würde. „Daraus ist aber eine Lebensaufgabe geworden“, sagt zu Fürstenberg. „Er hat seine Leidenschaft darin gefunden.“

Der Großvater war trotz der mangelnden Fachkenntnis erfolgreich, mit ihm wuchs und gedieh Krohne. Heute macht das Unternehmen knapp eine halbe Milliarde Euro Umsatz im Jahr. Er selbst sei aber immer bescheiden geblieben, sagt seine Enkelin. Der Krieg, die Armut, der Hunger hätten ihm bewusstgemacht, wie vergänglich Dinge sein könnten.

Die Kunst gab der Großvater nie auf, er wurde zum Förderer und Sammler. Das kam etwa an den Wänden der Werkhallen zum Ausdruck: Statt Erotikkalendern hingen Kunstwerke an den Wänden. Auch zu Hause waren oft Künstler zu Gast. „Wir waren eine große und bunte Truppe an einem riesigen Tisch mit Mitarbeitern, Künstlern und Familie“, sagt zu Fürstenberg. „Das war ein Tisch, an dem viel diskutiert und Ideen ausgetauscht wurden.“

Zum Austausch von Kunst und Unternehmertum kam es in gewisser Weise auch während jenes Konzerts mit Anne-Sophie Mutter. Deshalb ist diese Anekdote Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg auch heute noch so wichtig. Denn neben der Musik nahm ihr Großvater aus dem Konzert noch etwas anderes mit: Der Anblick einer schwingenden Geigensaite brachte ihn auf eine Idee, mit der er schließlich eine bis dahin bestehende Messungenauigkeit beseitigen konnte. „Es gibt eine Analogie zwischen einer ästhetischen Wahrnehmung und unternehmerischer Kompetenz“, ist zu Fürstenberg überzeugt. Kunst und Unternehmertum prägen auch ihr eigenes Leben.

Zum Studieren zog sie nach München, dann nach London und Paris, wo sie ihren Abschluss in Wirtschaftswissenschaften machte. „Im Studium sind mir viele Fragen unbeantwortet geblieben. Betriebswirtschaft allein reicht nicht für unternehmerisches Denken und Handeln.“ Das Phänomen, das sie bei ihrem Großvater beobachtet hatte, habe sie da nicht so recht wiedergefunden. „Ich wollte es noch besser begreifen.“ Also machte sie sich an eine Dissertation über die Medici in Florenz. Die italienische Dynastie stieg im 14. und 15. Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit zu einer der reichsten Familien Europas auf. Treibender Kopf dahinter war Cosimo, der nicht nur ein klassischer Geschäftsmann war, sondern damals waghalsige Projekte wie den Kuppelbau von San Lorenzo in Florenz förderte.

Mit Energie und Durchsetzungvermögen

„Die Medici waren Akteure zwischen beiden Welten: Kunst und Wirtschaft“, sagt zu Fürstenberg. Auch sie pflegten einen runden Tisch, an dem diese beiden Welten sich austauschen konnten. Vielleicht war das ein Grund, warum Cosimo eine etwas andere Sichtweise auf die Ökonomie hatte. Er erkannte früh die Bedeutung des Geldwechsels und entwickelte ihn weiter, hin zu einer machtvollen Unternehmung. Die Promotionsprüfung, die zu Fürstenberg an der Freien Universität Berlin ablegte, bestand sie „summa cum laude“. Ihren Doktorvater Günter Faltin hat sie beeindruckt: Viel Energie und Durchsetzungskraft habe sie gehabt, berichtet er. „Verbunden mit ihrer Fähigkeit, Potentiale zu erkennen, ist das eine starke Mischung.“

Diese Eigenschaften kommen zu Fürstenberg bei ihrer heutigen Arbeit entgegen. Diskret hat sie mit einem Geschäftspartner den Fonds La Famiglia gegründet, zu dessen Kapitalgebern große europäische Industriefamilien wie Siemens, Viessmann, Miele und Swarovski gehören. „La Famiglia ist aus dem Gedanken entstanden, die besten Unternehmerköpfe Europas zusammenzubringen, und zwar aus der Old und der New Economy“, sagt zu Fürstenberg. Die einen haben die Welt binnen kürzester Zeit mit digitalen Geschäftsmodellen auf den Kopf gestellt, die anderen blicken auf Generationen erfolgreichen Unternehmertums zurück. Nun sollen beide voneinander profitieren. Der Fonds und das dahinterstehende Netzwerk, das zu Fürstenberg und andere Investoren mitbringen, sollen den Graben zwischen den Welten überbrücken.

Mit den Kontakten in die digitale Szene wollen zu Fürstenberg und ihr Fonds den Familienunternehmen die passenden Impulse geben. Umgekehrt soll den Neulingen durch den Zugang zu den großen alten Namen der Wirtschaft der Marktzugang erleichtert werden. Familienunternehmen bieten da nach zu Fürstenbergs Ansicht im Vergleich zu Großkonzernen den Vorteil, oft kürzere Entscheidungswege haben. „La Famiglia ist noch jung, wir sind selbst gewissermaßen noch ein Start-up, aber freuen uns umso mehr, wie gut das Konzept bis jetzt aufgeht“, sagt sie.

Rund 2.000 verschiedene Unternehmen wurden im vergangenen Jahr gesichtet, in acht hat der Fonds schließlich investiert. Ein Beispiel für die acht Ausgewählten ist Freight Hub, ein Berliner Start-up, das internationale Containertransporte komplett über eine digitale Plattform abwickelt. „Wir müssen sicherstellen, dass unsere Investoren auf zukunftsfähige Technologien setzen“, sagt zu Fürstenberg. Die Erstrundenfinanzierungen liegen typischerweise bei 1,5 Millionen Euro, wobei der Fonds in der Regel etwa 500.000 Euro beisteuert und versucht, ein bis zwei weitere passende Ko-Investoren ins Boot zu holen. Wenn es gut läuft, kommen in Folgefinanzierungen noch einmal bis zu 2 Millionen Euro je Unternehmen dazu.

Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg als Vertreterin der NextGen

In ihrer eigenen Familie ist Jeannette zu Fürstenberg die Älteste der sogenannten NextGen, der fünften Generation. Sie kommt damit aus der Old Economy, der alten Wirtschaft. Das klingt nach Rückständigkeit, aber das will zu Fürstenberg so nicht stehenlassen. „Für mich hat das keine negative Konnotation. Der Begriff bezeichnet einfach nur Unternehmen, die in einem anderen Industriezeitalter gewachsen sind.“ Seit einem Jahr ist sie Mitglied im Beirat von Krohne, vor allem die Digitalisierung liegt ihr am Herzen. „Das Problem ist, dass man als traditionelles Unternehmen an dem digitalen Wandel möglichst schnell teilhaben muss, aber in jahrelang gewachsenen Systemen verhaftet ist, die oft auch änderungsresistent sind“, sagt zu Fürstenberg.

Ihr eigener beruflicher Einsatz gelte voll und ganz La Famiglia, von früh morgens bis in die Nacht hinein, wie sie erzählt. Sie pendelt zwischen dem Büro zu Hause im Schloss am Bodensee und, wie es zur digitalen Branche passt, hippen Gemeinschaftsbüros in München und Berlin. Alle paar Wochen fliegt sie nach London oder Paris, um sich dort die neuesten Entwicklungen in der Szene anzuschauen und Gespräche zu führen. „Es ist eine spannende Aufgabe, verbunden mit einer hohen Verantwortung“, sagt zu Fürstenberg. Ihre Geschäftspartner loben diesen Einsatz, ihre Zielstrebigkeit, Energie – und ihr Bestreben, sich eher im Hintergrund zu halten. Im Gespräch wirkt sie vorsichtig und überlegt. Sie weiß, dass das Projekt auch schiefgehen kann. Aber das Wort „scheitern“ mag sie nicht. „Fehler passieren, und man kann aus Fehlern lernen“, sagt sie. Schnell wieder aufstehen und dankbar zu sein für das, was gelingt – das sei wichtig. Der Fonds sei ein zartes Pflänzchen, das sich aber gut entwickle. Das Prinzip sei ein bisschen wie damals bei ihrem Großvater. „Am Ende sind es verschiedene Menschen, die man an einem Ort zusammenbringt, an dem Status keine Rolle mehr spielt, weil es nur noch um die Sache geht.“

Machtvolle Projektionen

Als moderne Geschäftsfrau versteht sich Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg also, voll im Berufsleben, mit langen Arbeitstagen. Ist das für eine Prinzessin nicht reichlich ungewöhnlich? „Prinzessin ist ein Namensbestandteil“, entgegnet sie. „Arbeiten tun wir alle in der ein oder anderen Form. Das muss nicht sonderlich hervorgehoben werden.“ Doch mit dem Adelstitel komme einiges daher. Manchmal seien es sehr machtvolle Projektionen, die ihr begegneten, sagt sie, im positiven wie im negativen Sinn. „Ich versuche dem Interesse mit ehrlicher Aufmerksamkeit und Höflichkeit zu begegnen.“ Das bedeutet, repräsentative Aufgaben zu erfüllen, an regionalen Veranstaltungen zu erscheinen, bei Abi-Bällen Preise zu überreichen.

Nicht nur beruflich geht es Jeannette Erbprinzessin zu Fürstenberg darum, Prozesse zu optimieren. Auch im eigenen Haushalt ist vieles streng durchorganisiert. Sie setzt sich fixe Zeiten, die für ihre zwei kleinen Kinder, Tassilo und Maria Cecilia, reserviert sind. Sie legt Termine so, sagt zu Fürstenberg, dass sie Sohn und Tochter morgens noch sieht, bevor sie das Schloss und den kleinen Ort Heiligenberg in Richtung der europäischen Großstädte verlässt. Und am nächsten Tag abends wieder da ist, um sie ins Bett zu bringen, mit ihnen zu beten und Geschichten vorzulesen.

Viel Zeit mit den Kindern verbringt ihr Mann, der sich vom Schloss aus um die Geschäfte der Familie Fürstenberg kümmert – und obendrein gerne und gut kocht. „Wir teilen uns die Verantwortung“, sagt Jeannette zu Fürstenberg. Mit ihrem Mann hat sie 2011 ein Stipendienprogramm ins Leben gerufen. Damit werden junge Künstler unterstützt. Die Familie gibt den Stipendiaten nicht nur die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen, etwa im Familienmuseum in Donaueschingen. Sie öffnet ihnen auch die Tore zum Schloss. In dem Gebäude, das früher die Ställe beherbergte, befinden sich nun Wohnungen für die Künstler. Hin und wieder, sagt Jeannette zu Fürstenberg, kommen sie zum Grillen oder Pasta-Essen im Schloss vorbei. Auch die Fürstenbergs wollen von den Ideen der Künstler profitieren. Fast wie damals also, bei ihrem Großvater in Duisburg.

Info

Dieser Artikel ist am 30.4.2017 in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erschienen.

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