Früher Panzerverschrottung, heute moderner Logistiker – das Familienunternehmen Loxxess hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Die Geschwister Christina Thurner und Claus-Peter Amberger führen die im Familienbesitz befindliche Aktiengesellschaft in zweiter Generation als Doppelspitze. Vor welchen Herausforderungen stehen sie?

Vom „Tatort“ hat schon länger niemand mehr bei ihr angerufen, was Christina Thurner (41) durchaus erfreulich findet. Sie argwöhnt: Wenn Krimimacher auf Drehort-Suche sich bei Logistikern melden, so wie es in der Vergangenheit bereits passiert ist, dann wollen sie wahrscheinlich schmuddelige Speditionshöfe finden. Weshalb sie seufzend sagt: „Was soll ich denen denn antworten? ‚Fahren Sie mal bei uns vorbei, da sieht’s ganz anders aus.‘“ Bei uns, das heißt bei einem der 26 Standorte einer modernen Holding: Die Loxxess-Gruppe hat heute mehr als 2.600 Beschäftigte, verzeichnet 19 Millionen Euro Eigenkapital, hat 2020 einen Umsatz von 175 Millionen Euro erwirtschaftet – und dem „Tatort“ offenbar keine zwielichtigen Settings zu bieten. Allerdings: An einigen älteren Standorten ihres Familienunternehmen könnten Militärhistoriker mit ein wenig Glück wenigstens noch die Überreste einstiger Panzerrampen entdecken. Sie gehören zum Erbe der Firma, die Christina Thurner und ihr Bruder Dr. Claus-Peter Amberger (48) in zweiter Generation gemeinsam leiten.

Was heute als Loxxess firmiert, hieß zu einem Teil ursprünglich „Materialdepot Service Gesellschaft“ und wickelte den Kalten Krieg ab: Die damals bundeseigene Gesellschaft sollte die Hinterlassenschaften der DDR-Armee lagern, zerlegen und verkaufen. Was eine umfangreiche, aber gleichwohl endliche Bestimmung war. Also, so berichtet Claus-Peter Amberger, suchte sich das Unternehmen neue Aufgaben „im klassisch kommerziellen Umfeld“: Logistikleistungen. Und es kam in private Hand, wurde 1998 schließlich vom Vater der beiden Geschwister übernommen, obwohl sich Unternehmer Peter Amberger (74) zuvor schon zweimal in den Ruhestand verabschieden wollte.

"Wir haben eine gesunde Streitkultur, das kann auch schon mal länger dauern," sagt Christina Thurner.

Foto: LOXXESS

Nach seinem Ingenieurstudium war Peter Amberger 1971 zunächst in die gleichnamige Spedition eingestiegen, die sein Vater im Oktober 1945 mit einem einzigen Lastwagen in Ingolstadt gegründet hatte: dem 3,5-Tonner der elterlichen Antoni-Bräu, die ihrerseits, so berichten die Enkel, dem Bruder von Peter Amberger als Nachfolger zugedacht war. Wachstum bescherte dem jungen Fuhrunternehmen dann vor allem die Autoindustrie: 1952 bekam es den Auftrag für Transporte zu Großhändlern der Marke DKW, später übernahm die Spedition die Ersatzteilauslieferung für Audi in Bayern, Hessen und dem Saarland. Es folgten zusätzliche renommierte Kunden wie Schlecker, BMW, Rewe oder Hipp – und eine Amberger-Erfindung: das hydraulisch anhebbare Hubdach für Jumbo-Lastwagen, unter dem sich dann zum Beispiel gleich zwei Gitterboxen mit Reifen übereinanderstapeln ließen. 1985 schlossen sich 25 Mittelständler aus dem Transportgewerbe zur sogenannten LOG Sped zusammen, unter ihnen die Spedition Amberger mit ihren 600 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 140 Millionen D-Mark.

1994 trennte sich Peter Amberger von seinen Anteilen an LOG Sped, die Beteiligungsgesellschaft Agiv übernahm den Verbund. Sohn Claus-Peter Amberger sagt: „Sie sollte das Unternehmen noch größer machen, in Deutschland und auch international.“ Sein Vater wiederum stieg nur wenige Monate später in die nächste Logistikfirma ein, zusammen mit den Gebrüdern Martin und Christoph Schoeller von der Schoeller Holding kaufte er die kriselnde Trans-O-Flex. „Der ging es damals nicht gut. Aber den Gesellschaftern war klar, wie sie das drehen konnten“, berichtet Tochter Christina Thurner. Tatsächlich war der Schnelllieferdienst drei Jahre später saniert und wechselte erneut den Besitzer: Er ging an die Deutsche Post, die, sagt die Unternehmerin, zuvor „hohe Überredungskunst“ aufgeboten hatte. Danach hätte sich Peter Amberger mit Anfang 50 endgültig ins Privatleben zurückziehen und sich dem Zeitvertreib in seiner Bootshütte am Tegernsee widmen können.

Abwickeln und aufbauen

Warum er das nicht getan und stattdessen 1998 eine vormalige Panzerverschrotter-Gesellschaft gekauft hat, darüber gehen die Meinungen in der Familie offenbar ein wenig auseinander. Seine Kinder sagen: Vor allem habe er damals gemerkt, dass ein Leben ohne eine eigene Firma nichts für ihn sei. Wenn er selbst darüber spreche, dann klinge es allerdings mittlerweile eher so, als habe er das neue Unternehmen vor allem für seine Nachkommen gekauft. Fest steht jedenfalls: Peter Ambergers Einstieg in die heutige Loxxess fällt ungefähr in die Zeit, in der sein Sohn Claus-Peter ein Jura-Studium in München beendet. Dass der Junior anschließend in die Wirtschaft gehen will, ist da schon klar. Es zieht ihn in die Logistik. Um sich darauf zu konzentrieren, bricht er die zunächst begonnene Ausbildung zum Fachanwalt für Insolvenzrecht ab.

Die Branche erkundet Claus-Peter Amberger zunächst in anderen Firmen und im Ausland, ehe er 2004 ins väterliche Unternehmen wechselt. Er übernimmt nach und nach immer mehr Verantwortung, bis der Vater 2010 an die Spitze des Aufsichtsrats wechselt. Von dort aus überwacht der mittlerweile 74-Jährige seither das operative Geschäft, das inzwischen auch von seiner Tochter geleitet wird. Sie hat wie ihr Bruder die Branche schon von klein auf kennengelernt. Schließlich bekamen die Kinder mit, wie ihre Eltern zum Beispiel über den Preisdruck sprachen. Und sie taten, was heute mit Blick auf eine professionalisierte Arbeitssicherheit undenkbar wäre: Sie wuselten durch Betriebshallen. Besonders beeindruckt hat die kleine Christina die Rohrpost am Standort Ingolstadt.

Zwar träumte sie, wie sie heute lachend gesteht, zunächst eher von einer Laufbahn als Schauspielerin oder Moderatorin. Studiert hat sie dann aber doch Wirtschaftswissenschaften mit Logistik-Schwerpunkt. Sie sagt: „Ich habe sanften Druck in die richtige Richtung bekommen. Dass ich ins Unternehmen einsteige, war der große Wunsch meines Vaters. Aber wäre es nicht irgendwann auch meiner geworden, dann hätte es sich nicht so entwickelt.“ Erst einmal handelte die Tochter aber noch einen Deal aus, wie sie es selbst nennt: Entscheiden musste sie sich erst mit 33 Jahren. Tatsächlich stieg sie dann doch schon mit 29 Jahren ein. Allerdings, sagt sie, wollte sie Logistik „noch einmal von der Pike auf “ lernen, weshalb sie zunächst als Assistentin der Geschäftsführung bei der Tochter-Gesellschaft Loxxess Pharma anfing – und es dort „total gut“ fand, zum Beispiel weil sie sich das Büro mit mehreren Kollegen teilte, zu denen sie bis heute den Kontakt hält und die sie als „super Team“ beschreibt.

Doch vor allem meint sie: „Es hat mir gutgetan, ein bisschen weiter weg zu sein und entscheiden zu können, was ich mir anschaue. Und wo ich sagen kann: Da verstehe ich die Prozesse nicht, die will ich mir genauer anschauen.“ Zwei Jahre später rückte sie dann in die Geschäftsleitung der Holding ein, übernahm dort zum Beispiel die Verantwortung für – wie sie lachend sagt – „das Stiefkind Marketing, das keiner wollte“. Und für Human Resources, einen Bereich, der weg von herkömmlicher Lohnbuchhaltung und hin zur Personalentwicklung geformt werden sollte. Im Mai 2021 schließlich ist Thurner in den Vorstand berufen worden, steht also nun gleichrangig neben ihrem sieben Jahre älteren Bruder. Die Rolle Claus-Peter Ambergers dabei beschreiben die beiden Geschwister als die des Innenministers, während Christina Thurner als Counterpart der Doppelspitze eher die Außenministerin gibt.

Claus-Peter Amberger allerdings lässt erkennen: Das zweiköpfige Gremium gibt es eigentlich nur, weil das Familienunternehmen formal als Aktiengesellschaft firmiert. Doch die Gesellschafteranteile sind gleichmäßig zwischen Vater, Sohn und Tochter aufgeteilt. Weshalb er die AG-Struktur als einen „übergestülpten Mantel“ beschreibt: Fürs operative Geschäft sei dann doch die Geschäftsführung zuständig, der Christina Thurner ohnehin schon seit fast zehn Jahren angehört. Außerdem sitzt in diesem Gremium eine Handvoll Manager, die der 48-Jährige durchaus auf Augenhöhe mit sich und seiner Schwester sieht. Schmunzelnd sagt er: „Es kann schon sein, dass die Kollegen mal anders entscheiden als wir Geschwister – sehr zu unserem Missfallen.“ Das bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass Bruder und Schwester immer sofort und automatisch derselben Meinung sind. Christina Thurner sagt: „Wir haben eine gesunde Streitkultur, das kann auch schon mal länger dauern.“

Allerdings gibt es ein ehernes Gesetz: Falls auch sie zunächst uneins waren, dann wird das niemand erfahren. Über die Rolle ihres Vaters wiederum berichten die Geschwister, dass er sich aus dem Tagesgeschäft weitgehend zurückgezogen hat. Claus-Peter Amberger ergänzt schmunzelnd: „Entscheiden muss der Vorstand, als Aufsichtsratsvorsitzender kann er sich ja später beschweren.“ Bisweilen schalte sich der Vater allerdings schon noch intensiver ein, vor allem bei weitreichenden strategischen Entscheidungen wie etwa Investitionen oder Firmenübernahmen. „Er kommt aus der Unternehmerhaut nicht raus.“ Was auch gut so sei, sagt sein Sohn: „Er sieht einfach, was schiefläuft.“ Außerdem ist der Vater als Mitgesellschafter und Aufsichtsrat ohnehin gefragt, wenn grundlegende Entscheidungen anstehen. So bleibt der Senior auf dem Laufenden und auch in räumlicher Nähe, denn er lebt dort, wo auch der Firmenhauptsitz ist: in Tegernsee.

Bei Loxxess triff Geschäft Familienleben

Sein Sohn und seine Tochter wiederum wohnen mit ihren jeweils zwei Kindern im nahen München. Also finden inoffizielle Gesellschafterversammlungen alle paar Tage statt: als familiäre Treffen mitsamt den Enkeln, etwa zum Frühstück, bei dem dann auch übers Geschäft gesprochen werden kann. Oder bei förmlicheren Besprechungen, wenn kompliziertere Fragen zu klären sind. Eine besonders einschneidende ist vor einigen Jahren sogar unterm Christbaum besprochen worden: Just zur Weihnachtszeit 2015 mussten die Unternehmerfamilie entscheiden, ob sie die 1998 verkaufte Trans-O-Flex zum zweiten Mal übernimmt. Denn Kartellwächter hatten dafür gesorgt, dass die Deutsche Post den Schnelllieferdienst wieder abstoßen musste, weshalb ihn 2007 zunächst die Österreichische Post als Mehrheitseigentümer übernahm.

Claus-Peter Amberger sieht das Unternehmen LOXESS als Nischenanbieter. Mit großen Vorteilen.

Foto: LOXXESS

Doch die hatte wenig Erfolg, sagt Christina Thurner: „Sie wollten Trans-O-Flex aus der Nische heraus in das allgemeine Transportgeschäft führen.“ Doch das sei das falsche Rezept für einen spezialisierten Dienstleister gewesen, der sich vor allem als Spezialist für den Transport besonders empfindlicher Güter wie Elektronik oder auch gekühlten Impfstoff profiliert hat. „Da wurden Dinge zusammen mit Medikamenten gefahren, die da nicht dazugehören.“ Also stand schließlich zur Debatte, dass die alte Allianz aus den Ambergers und den Gebrüdern Schoeller die Trans-O-Flex noch einmal saniert. Christina Thurner erinnert sich: „Am 23. Dezember saßen wir bei meinen Eltern, haben wild diskutiert – und wir waren uns sicher, das machen wir nicht. Am 26. oder 27. waren wir uns dann sicher, wir machen es doch. Und dann sind mein Vater und mein Bruder auch gleich los, um es fix zu machen.“ Ergebnis: Für 2018 vermeldete der spezialisierte Logistikdienstleister erstmals seit zehn Jahren wieder einen Gewinn.

Sensible Güter machen auch bei Loxxess einen wichtigen Anteil am Geschäft aus, das zunehmend von der Digitalisierung bestimmt wird. „Da müssen wir sehen: Was können wir aufnehmen, damit wir nicht überrollt werden?“, sagt Claus-Peter Amberger. Seine Schwester ergänzt: „Als Mittelständler haben wir keine eigene Innovationsabteilung.“ Also setzen sie auf Vernetzung, haben sich zum Beispiel an einem an einem Fonds für Start-ups beteiligt. Und sie bieten sich als Pilotkunden für Entwickler neuer Ideen an. Für das, was dabei herauskommen kann, haben sie gerade den Europäischen Logistik-Preis der European Logistics Association (ELA) abgeräumt. Prämiert wurde eine Lösung, die aus dem Zusammenspielt von Lageroptimierungssoftware, Künstlicher Intelligenz, technischen Hilfsmitteln und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Lager besteht. Sie wird für die Logistik der Online-Bestellungen für ein „namhaftes deutsches Drogerieunternehmen“ eingesetzt, wie es in der offiziellen Mitteilung heißt. „Wir erbringen für dm in einem dynamisch wachsenden Online-Geschäft quasi die logistische Dienstleistung der digitalen Filiale“, erläutert Christina Thurner. Und das Sortiment dieses Kunden ist logistisch durchaus eine Herausforderung. Denn zur Produktpalette gehören Babynahrung und Bioprodukte genauso wie Sprays und Waschmittel, die als Gefahrgut eingestuft sind, weshalb die Ware räumlich getrennt gelagert, gut verpackt und sicher befördert werden muss. Nun hilft Künstliche Intelligenz Loxxess dabei, die Prozesse im Lager im tschechischen Bor etwa mit Einlagerungsstrategien, Wegeoptimierungen für die Mitarbeiter und vorausschauender Personalplanung möglichst effizient zu gestalten.

Andere Branchen erwarten derweil von ihren Logistikern, dass diese in Mietkreisläufen zirkulierende Geräte wie Set-Top-Boxen auch gleich technisch überprüfen, ehe sie erneut ausgeliefert werden. Und natürlich wollen alle, dass alles immer möglichst schnell abgewickelt wird. „Für uns ist Amazon ein Standard“, sagt die 41-Jährige. Allerdings sehen sie und ihr Bruder sich und Loxxess eher als Nischenanbieter, der besonders individuell auf seine Kunden eingehen kann. „Da gibt es welche, die wollen fürs eine Paket eine grüne Schleife, fürs andere eine rote und fürs dritte eine blaue“, erläutert Claus-Peter Amberger. „So etwas können wir besser umsetzen als ein Konzern.“

Seine Schwester spricht von „low volume und high value“ und verweist auf die Pharma-Sparte von Loxxess, die ihr – nachdem sie dort eingestiegen ist – noch immer besonders am Herzen liegt. Sie sagt: „Es gibt heute individuell hergestellte onkologische Spritzen, die kosten pro Stück 50.000 Euro. Dafür brauchen wir Systeme, die alle fünf Minuten die Temperatur messen und den Standort des Fahrzeugs melden. Da geht es um absolute Sicherheit.“ Also will Christina Thurner nun vor allem zeigen, wie innovativ und modern Loxxess und Logistik ist. Kein Wunder, dass sie Anfragen wie die vom „Tatort“ weit von sich weist.

Aktuelle Beiträge

So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen
Whitepaper sichern »
Whitepaper sichern »
So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen