Brigitte Mohn, Sie sind Mitglied des Vorstands der Bertelsmann Stiftung, die mit über 300 Mitarbeitern die Größe eines mittelständischen Unternehmens hat. Wie führt man ein solches Stiftungsunternehmen?
Nicht anders als ein mittelständisches Unternehmen auch. Sie brauchen ein gutes Managementsystem und ein Berichtswesen. Sie müssen Ihre Mitarbeiter motivieren. Es gibt sogar einen richtigen Wettbewerb, in dem Sie sich behaupten müssen. Im internationalen Stiftungswesen gibt es eine intensive Konkurrenz um die besten Ideen. Die Bertelsmann Stiftung ist da draußen nur eine von vielen.
Haben Sie sich systematisch auf diese Managementaufgabe vorbereitet?
Ja und nein. Mein MBA und meine Zeit bei McKinsey haben mir sicherlich das theoretische Rüstzeug gegeben. Was Führung aber wirklich bedeutet, lernt man erst im Job. In eine Führungsrolle muss man hineinwachsen. Natürlich haben unsere Eltern uns schon früh miteinbezogen. So haben wir bereits in unserer Kindheit unsere Eltern als Führungspersönlichkeiten erlebt. Für unsere eigene Entwicklung haben sie uns immer viel Gestaltungsspielraum gelassen, so dass wir schrittweise Verantwortung übernehmen konnten.
Wann haben Sie die Entscheidung getroffen, im Stiftungswesen zu arbeiten?
Nach meiner Zeit in New York, in der ich für verschiedene Verlage gearbeitet habe, und meiner Tätigkeit bei McKinsey hat mich meine Mutter gebeten, ihre Aufgabe in der Deutschen Schlaganfall-Hilfe zu übernehmen. Sie selber hat einfach sehr viele andere Tätigkeitsfelder. Ich musste einige Wochen darüber nachdenken. Aber schließlich bin ich nach Gütersloh zurückgekommen und habe die Aufgabe übernommen. Später kam dann die Arbeit in der Bertelsmann Stiftung hinzu.
Wie stark war der Druck, sich im Familienunternehmen zu engagieren?
Meine Zeit in den USA, abseits von Konzern und Familie, war sicherlich wichtig, um auf eigenen Füßen zu stehen. Aber irgendwann musste ich mich meiner Verantwortung auch einfach stellen. Meine Eltern haben mich nicht gedrängt. Ich habe die Entscheidung selber getroffen. Das ist meiner Meinung nach essentiell. Beide Seiten – Eltern und Kinder – müssen sich wirklich sicher sein, dass sie eine solche Zusammenarbeit wollen. Außerdem hat mich natürlich die Unabhängigkeit der Stiftung gereizt. Bei nur wenigen anderen Institutionen hätte ich so unabhängig arbeiten können.
In welchen Bereichen engagiert sich die Bertelsmann Stiftung?
Wir engagieren uns in den Bereichen Politik, Bildung, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und Gesundheit. Darüber hinaus gibt es sektorübergreifende Querschnittsthemen wie beispielsweise den demographischen Wandel oder soziale Integration.
Damit sind Sie extrem breit aufgestellt. Was wollen Sie in den einzelnen Bereichen erreichen?
Im Kern geht es uns in allen Bereichen um Systemveränderungen zum Wohle des Menschen. Das Thema „soziale Teilhabe“ steht im Mittelpunkt. Für die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen haben wir noch immer keine Antworten. Wir suchen sehr langfristig nach solchen Antworten.
Die Stiftungsziele hat Ihr Vater, Reinhard Mohn, vor 30 Jahren festgelegt. Sind diese heute noch aktuell?
Viele Themen sind aktueller denn je. Zum Beispiel das Thema demographischer Wandel. Die Frage: „Wie wollen wir als Gesellschaft eigentlich mit alten Menschen umgehen?“ haben wir bislang nicht beantwortet. Die aktuelle Diskussion um Hospize und Sterbehilfe ist längst überfällig. Auch das Thema Migration und Integration könnte kaum aktueller sein. Natürlich gibt es zentrale Fragen, die in den letzten Jahren zwar an Bedeutung gewonnen haben – Umweltschutz, Energieversorgung, die wachsende Kluft zwischen den Weltreligionen –, die wir aber nicht abdecken. Aber wir können nicht in allen Bereichen aktiv sein.
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Arbeitet die Stiftung heute anders als zur Zeit ihrer Gründung?
Ich würde sagen, wir arbeiten heute deutlich internationaler als früher. Zwar hat mein Vater schon immer einen Blick für die Entwicklung in anderen Ländern gehabt. So hat er beispielsweise die Idee der amerikanischen Community Foundations nach Deutschland gebracht und die Entwicklung der Bürgerstiftungen hierzulande forciert. Seitdem wurden mehr als 200 Bürgerstiftungen in Deutschland gegründet. Aber wirklich international wurde unsere Arbeit erst in den letzten Jahren. Das wollen wir mit einer Niederlassung in Washington unterstreichen. Ziel ist, stärker mit amerikanischen Stiftungen zusammenzuarbeiten und Reformstrategien auszutauschen.
Wir suchen auf der ganzen Welt nach Best-Practice-Beispielen, und auch unsere operativen Projekte beschränken sich nicht mehr allein auf Deutschland. Mit den Problemen, die beispielsweise der demographische Wandel hervorruft, kämpfen Länder wie Japan, die USA oder China in ähnlichem Maß wie wir. Eine allein deutsche Perspektive bietet hier nur begrenzte Lösungskapazitäten.
Auch Ihr Vater und Ihre Mutter sind über ihre Sitze im Vorstand bzw. im Kuratorium in die Aktivitäten der Stiftung involviert. Entstehen da in der täglichen Arbeit typische Generationenkonflikte?
Natürlich haben Vertreter nachfolgender Generationen einen unterschiedlichen Blick auf die Dinge. Vielleicht haben sie auch andere Arbeitsweisen oder Managementmethoden. Aber im Vorstand der Stiftung, in dem auch noch weitere Personen vertreten sind, gibt es keinen Platz für Eltern-Kind-Konflikte.
Gibt es Organisationen im dritten Sektor, die eine Vorbildfunktion für die Bertelsmann Stiftung haben?
Die Bertelsmann Stiftung hat eine eigene gewachsene Struktur. Aber es gibt durchaus Institutionen mit Vorbildcharakter, so z.B. die großen Think Tanks in den USA wie die Carnegie Foundation, den Commonwealth Fund oder die Kaufmann Foundation. Es handelt sich in diesen Fällen zwar um fördernde Stiftungen – die Bertelsmann Stiftung arbeitet operativ –, aber wir tauschen uns auf der inhaltlichen Ebene aus. Ich habe während meiner Zeit in den USA einige brillante Köpfe aus diesen Think Tanks getroffen und war von deren Arbeit sehr beeindruckt.
Sie mischen sich in vielen Bereichen ein, die traditionell dem Staat vorbehalten sind. Gerade in den letzten Jahren hat sich die Arbeit des Staates noch intensiviert, und die Staatsquote ist weiter gestiegen. Beeinflusst diese Entwicklung Ihre Arbeit?
Ich stelle eine andere Entwicklung fest. Der Staat zieht sich aus vielen Bereichen immer mehr zurück, weil er sich bestimmte Leistungen schlichtweg nicht mehr leisten kann. In vielen Bereichen kann der Staat sein Leistungsniveau nicht mehr halten. Hier kann der dritte Sektor helfen, Lösungen zu finden. Das ist zwar viele Jahre in Deutschland nicht unbedingt gewollt gewesen, aber mittlerweile funktioniert der Dialog mit der Politik sehr gut. Unser großer Vorteil gegenüber der Politik ist, dass wir keinen Zeitdruck haben. Wir sind nicht an eine Legislaturperiode oder an eine Partei gebunden. Dadurch sind wir unabhängig und manchmal unbequem in der Darstellung von gesellschaftlich relevanten Ergebnissen.
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Es wird immer wieder kritisiert, dass sich die Stiftung in Themenfeldern engagiert, in denen auch der Konzern tätig ist. So berät die Stiftung Kommunen, und die Bertelsmann-Tochter Arvato bietet Outsourcing-Dienstleistungen für Kommunen an. Wie gehen Sie mit dieser Kritik um?
Mit dieser Kritik müssen wir leben. Es wird immer wieder vorkommen, dass es thematische Überschneidungen zwischen Konzern und Stiftung gibt. Allerdings haben wir einen satzungsmäßig festgelegten Stiftungszweck. Die Stiftungsaufsicht kontrolliert Jahr für Jahr sehr genau, ob wir diesem Zweck auch gerecht werden.
Der Stiftung stehen jährlich rund 72 Millionen Euro zur Verfügung. Damit werden die verschiedensten Projekte finanziert. Wie messen und kontrollieren Sie den Erfolg der Projekte?
Wir haben unterschiedliche Evaluationsmethoden. Wir lassen Projekte extern evaluieren. Wir führen einen Qualitätsdialog mit dem Kuratorium. Der beste Indikator für den Erfolg ist jedoch, wenn unsere Projekte weitergeführt werden, nachdem sich die Stiftung zurückgezogen hat. Wir übergeben unsere Projekte in der Regel nach vier bis sechs Jahren an den jeweiligen Entwicklungspartner. Nehmen Sie das Projekt anschub.de, das sich die Förderung der Gesundheit in Schulen zum Ziel gesetzt hat. Mit einigen Bundesländern wurden Länderverträge unterzeichnet, so dass diese das Projekt mittlerweile komplett selbständig durchführen.
Gibt es auch harte Kennzahlen, an denen Sie sich messen lassen, z.B. den Verwaltungskostenanteil der Stiftung?
Da wir keine Spendenorganisation sind, müssen wir unsere Overhead-Quote nicht ausweisen, tun das aber in unserem Tätigkeitsbericht. Sie liegt bei 14 Prozent.
Auf welche Leistung der Bertelsmann Stiftung sind Sie besonders stolz?
Der größte Erfolg ist, wenn wir eine nachhaltige Veränderung im sozialen System erreicht haben oder wenn die Gesellschaft beginnt, über bestimmte Themen nachzudenken und Lösungen zu entwickeln.
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Haben Sie persönliche Vorbilder?
Das ist ganz klar mein Vater. Vor allem für seine hohe Sachlichkeit, für seine Fairness und für seinen unternehmerischen Weitblick bewundere ich ihn.
Werden Sie im Stiftungswesen bleiben?
Ich arbeite sehr gerne im dritten Sektor. Hier gibt es eine ganz andere Art, über Lösungen nachzudenken als in einem Unternehmen. In einem Unternehmen geht es letzten Endes um Cashflow und Gewinne. Hier geht es um die Systementwicklung. Die Erfolgsparameter sind gänzlich anders. Wir arbeiten an sehr langfristigen, nachhaltigen Strukturveränderungen, die nur gelingen können, wenn Kooperationen auf höchster Ebene entstehen. Wir sind alle allein zu klein, um diese Probleme zu lösen. Oder andersherum gesagt: Die Probleme sind einfach zu groß.
Sie sitzen im Verwaltungsrat der BVG und im Aufsichtsrat der Bertelsmann AG und haben damit eine Aufsichtspflicht für einen Konzern mit mehr als 100.000 Mitarbeitern. Wann haben Sie sich dieser Aufgabe gewachsen gefühlt?
Das kam mit der Zeit. Auch in diese Aufgabe wächst man rein.
Viele Unternehmerfamilien engagieren sich im sozialen Bereich, machen ihre Aktivitäten aber nur ungern öffentlich. Die Familie Mohn ist da weniger zurückhaltend. Wie kommt das?
In den USA ist Stiftungsarbeit eine Selbstverständlichkeit. In Deutschland führen wir immer noch diese Neiddebatte. Ich finde, es sollte eine Selbstverständlichkeit sein, Gutes zu tun und darüber zu reden. Viele reden so ungern über das, was sie tun, weil sie immer noch denken, dass Wissen Macht ist und sie sich einen Wissensvorsprung gegenüber anderen verschaffen wollen. Ich wünschte, wir wären offener bei solchen Themen.
Sie arbeiten oft an hochpolitischen Themen. Einer Lösung stehen die gegensätzlichen Interessen der Beteiligten, Besitzstands denken, Wahlkampfthemen oder leere Kassen entgegen. Haben Sie eine überdurchschnittlich hohe Frustrationstoleranz?
Sagen wir es einmal so: Man lernt, geduldig zu sein. Es gibt einfach keine schnellen Lösungen.
