NextGen-Interview mit Louisa Wiedemann und Ludwig Biffar

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Ludwig Biffar, Sie arbeiten im Familienunternehmen. Wie kam es dazu?

Ludwig Biffar: Ich habe Wirtschaftsinformatik studiert und bin vor zwei Jahren in das Unternehmen Biffar eingestiegen. Allerdings erstmal nicht in die Geschäftsführung, sondern als IT-Projektleiter. Biffar stellt Türen und Fenster her, mit dem Schwerpunkt auf das Thema Sicherheit. Digitalisierung spielt für unser Unternehmen eine wichtige Rolle – nicht nur in Bezug auf die Produkte, sondern vor allem innerhalb des Unternehmens. Und genau das ist aktuell meine Aufgabe: ein Enterprise-Resource-Planning-System, kurz ERP-System, im Zuge dieses Projektes zu implementieren. Das ist für mich eine spannende Aufgabe, denn das System umfasst alle Bereiche des Unternehmens. So lerne ich die ganze Firma wirklich kennen, bevor ich perspektivisch dann, in vier bis fünf Jahren, in die Geschäftsführung einsteige.

Louisa Wiedemann, wie war das bei Ihnen?

Louisa Wiedemann: Die Kleinste ist es geworden, deswegen muss ich am längsten arbeiten, hat meine Mutter immer gesagt. Sie ist schon in den 1980er Jahren Geschäftsführerin von Wiedemann geworden und hat vier Kinder – und ich bin die jüngste von ihnen. Weibliche Führung ist für Wiedemann seit 40 Jahren ganz normal. Meine Mutter ist alleinerziehend, mein Vater lebt in Kanada und ist Rancher.

Haben Sie auch mal darüber nachgedacht, nach Kanada zu gehen und Rancher zu werden, anstatt bei Wiedemann einzusteigen?

Louisa Wiedemann: Nein, das stand für mich von klein auf fest. Ich habe als Kind immer gesagt: Meine Mama verkauft Klos, und das will ich auch mal machen. (lacht) Wobei unser Geschäftsmodell in Wirklichkeit natürlich etwas komplexer ist: Wir sind Fachlieferant für Gebäudetechnik, agieren also zwischen Industrie und Handwerk. Aber das hatte ich als Kind noch nicht verstanden.

Ludwig Biffar, stand es bei Ihnen auch von Kindheit an fest, dass Sie im Familienunternehmen tätig sein würden?

Ludwig Biffar: Ich hatte tatsächlich mal einen anderen Lebensentwurf. Vor meinem Studium der Wirtschaftsinformatik hatte ich angefangen, Biotechnologie zu studieren, einfach weil das Thema mich interessiert hat. Ich habe es auch abgeschlossen, aber während des Studiums schon festgestellt, dass das nicht das Richtige für mich ist. Ich habe dann eine ganz tolle Berufsberatung gemacht, die mir Wirtschaftsinformatik empfohlen hat. Ein Teil des ERP-Projektes wurde meine Bachelorarbeit in Wirtschaftsinformatik und gleichzeitig das Projekt, über das ich ins Familienunternehmen eingestiegen bin.

Welchen Beruf hätten Sie ergriffen, wenn Sie stattdessen der Biotechnologie treu geblieben wären?

Ludwig Biffar: Das war es ja gerade: Ich wusste es nicht genau! (lacht)

Gab oder gibt es Regeln für die Nachfolge?

Ludwig Biffar: Meine Eltern hatten gesagt: Jeder darf, keiner muss. Mein Bruder Lukas wollte immer ins Familienunternehmen einsteigen. Meine Schwester ist Ärztin, und mein anderer Bruder studiert Zahnmedizin. Mittlerweile kann ich mir nichts anderes mehr vorstellen, als hier zu arbeiten. Es ist schön, so viel mitgestalten zu können. Alle strategischen Entscheidungen treffen mein Bruder, meine Mutter und ich gemeinsam, obwohl meine Mutter alleinige Geschäftsführerin ist.

Louisa Wiedemann: Dass ich die Nachfolge antreten werde, steht schon seit geraumer Zeit fest. Aber wie genau wir die Nachfolge regeln, haben wir erst vor kurzem entschieden. Im Dezember haben wir noch eine Familienstiftung gegründet und waren selbst erstaunt darüber, dass es so schnell geklappt hat. Eigentlich waren wir davon ausgegangen, dass das realistisch erst dieses Jahr fertig werden würde. Ich bin ganz erleichtert in den Weihnachtsurlaub gefahren, denn das war schon anstrengend. Sich mit 25 so oft vorzustellen, was passiert, wenn man selbst stirbt – oder die eigene Mutter –, das ist schon heftig.

Meine Mutter hat ihre Anteile in die Stiftung gegeben, deren zweite Vorstandsvorsitzende ich jetzt bin. Meine beiden ältesten Geschwister haben selber noch Anteile, jeweils 7 Prozent. Sie sind zwar nicht operativ im Unternehmen tätig, aber die nächste Generation steht schon in den Startlöchern: Ich habe fünf Nichten und Neffen. Gut möglich, dass einer von ihnen eines Tages mein Nachfolger oder meine Nachfolgerin wird.

Louisa Wiedemann, bei Ihnen war ja theoretisch schon klar, dass Sie auch operativ ins Familienunternehmen einsteigen würden. Aber wie lief das praktisch ab?

Louisa Wiedemann: Eingestiegen bin ich während der Corona-Pandemie, Anfang 2021. Erst wollte ich woanders anfangen, aber die wollten mich ins Homeoffice stecken. Was Schlimmeres könnte ich mir gar nicht vorstellen! Der Kaffee zwischendurch, der ist so wichtig. Die Menschen kennenzulernen, die hinter den Prozessen stecken.

Sind Sie stattdessen direkt nach dem Studium in die Geschäftsführung von Wiedemann eingestiegen?

Louisa Wiedemann: Ja, mehr oder weniger. Ich habe vorher noch ein paar Schnupperphasen gehabt, bin alle 70 Standorte abgefahren und habe als Praktikantin ein halbes Jahr lang alle Abteilungen durchlaufen. Außerdem habe ich bei einem belgischen Unternehmen, das das Gleiche macht wie wir, als Assistentin der Geschäftsführung gearbeitet. Einmal bin ich auch als Lkw-Fahrerin eingesprungen, als Not am Mann war.

Als Lkw-Fahrerin?

Louisa Wiedemann: Ja, ich habe den großen Führerschein, und anders wäre die Ware nicht zum Kunden gekommen. Das haben wir sonntags entschieden, und Montagfrüh um drei Uhr stand ich auf der Matte und hab meinen Lkw gepackt. Nicht allen Kunden war klar, wer ich bin. Deswegen habe ich an Reaktionen wirklich alles erlebt: Einmal sprangen zehn Monteure auf die Ladefläche, um mir beim Abladen zu helfen; ein andermal kam der Kommentar: Ja, wenn Sie zu schwach sind, um die Ware selber abzuladen, warum schicken die dann keinen Mann?

Bringen die Mitarbeiter Ihnen ebenso viel Respekt entgegen wie Ihrer Mutter?

Louisa Wiedemann: Natürlich geht man mit jüngeren Menschen anders um. Ich werde schon eher mal geduzt. Aber den Mitarbeitern ist auch klar, dass ich in einer anderen Position bin als sie. Die älteren Mitarbeiter wundern sich manchmal, weil ich mein Büro nicht abschließe, aber warum sollte ich? Alle meine Dokumente sind digitalisiert. In den Schränken ist ja nichts Wichtiges. Außer meiner Süßigkeitenschublade.

Ludwig Biffar, in Ihren Nachfolgeprozess involviert sind ja jetzt vor allem Ihre Mutter und Ihr Bruder. Wem von beiden bringen Sie mehr Vertrauen entgegen?

Ludwig Biffar: Ich wohne im Moment noch mit meiner Mutter zusammen, deswegen haben wir automatisch einen engeren Austausch. Trotzdem ist das Verhältnis zwischen Geschwistern nochmal ein anderes. Auf geschäftlicher Ebene haben wir unseren Jour Fixe zu dritt. Mein Bruder Lukas ist Niederlassungsleiter in München, so haben wir in unserer Arbeit nicht so viele Schnittpunkte. Ich könnte deshalb nicht sagen, wem von beiden ich mehr Vertrauen entgegenbringe. Ich habe zu beiden ein enges Verhältnis.

Info

Ihre Rolle als Nachfolger haben Louisa Wiedemann und Ludwig Biffar intensiv reflektiert – unter anderem auch gemeinsam, im Zuge eines NextGen-Retreats der INTES Akademie für Familienunternehmen und des Experten Alexander Koeberle-Schmid. Ein Interview mit ihm finden sie hier: <<Interview mit Alexander Koeberle-Schmid>>

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.