Mit dem Verkauf des Unternehmens verlor die Familie Looser ihr Bindeglied. Der Rückkauf eines Unternehmensteils führte die Familienstämme wieder zusammen.

Martin Looser sitzt in einem kleinen Konferenzraum in der Universität St. Gallen und erklärt das Universum der Unternehmerfamilie Looser. Wie komplex die Struktur aus Industriegruppe, Family Office, Immobiliengesellschaft, Stiftung und Familienorganisation ist, wird ihm immer wieder klar, wenn er das Interessen- und Aufgabengeflecht der Familie Außenstehenden erklären muss. Martin Looser gehört der dritten Generation der Schweizer Industriellenfamilie Looser an. Gemeinsam mit vier Familienmitgliedern hat er eine Familienverfassung und einen Aktionärspoolvertrag für die börsennotierte Looser Holding ausgearbeitet, an der die Familie 49,5 Prozent hält. Das hat den 43-Jährigen in den Augen der 40 Familienangehörigen qualifiziert, um ihn zum Vorsitzenden des Familienrates und zum Präsidenten des Family Offices zu wählen. Durch die Family Governance sind die fünf Familienstämme, die sich auf zwei Kontinente verteilen, wieder enger zusammengerückt.

Verlorene Wurzeln

Dabei hatte die Familie Looser mit dem Thema Familienunternehmen und Unternehmerfamilie längst abgeschlossen, nachdem sie 1995 die ELCO Looser Holding AG, einen Hersteller von Feuerungsanlagen, an die Preussag AG verkauft hatte. Die Familie konnte oder wollte damals dem Konkurrenzdruck auf dem Heizungsmarkt, der die ELCO-Gruppe nahe an die Verlustzone gebracht hatte, nicht länger Stand halten. Zwei Jahre zuvor hatte sie bereits die Walter Rentsch AG, ein börsennotiertes Vertriebsunternehmen für Canon- Produkte, veräußert. Der Verkauf von ELCO traf vor allem die zweite Generation hart. Sechs von sieben Kindern des Firmengründers Emil Looser hatten sich über Jahrzehnte in der Geschäftsleitung und im Verwaltungsrat des Unter nehmens engagiert und sich sehr stark mit dem Familienunternehmen identifiziert. Der Verkaufserlös floss in das Family Office L.N. Asset Management, das – nach dem Ausscheiden eines Bruders – die verbliebenen fünf Familienstämme bereits 1993 gemeinsam gegründet hatten. „Die Trennung vom Familienunternehmen hatte enorme Auswirkungen auf die Beziehung der Geschwister“, sagt Looser rückblickend. „Es fanden keine geschäftlichen Treffen mehr statt. Der persönliche Kontakt wurde zwar sporadisch aufrechterhalten, aber es fehlte einfach das verbindende Element.“

Eine neue Chance

Ein Zufall bringt den Anstoß für ein neues gemeinsames Ziel: Ein Jahr nach dem Verkauf initiiert Preussag für die ELCOTochter FLH einen Bieterwettbewerb. Schließlich erhalten die ehemaligen Eigentümer den Zuschlag und beginnen ihr zweites Unternehmerleben: In den folgenden acht Jahren erwirbt die FLH-Gruppe 13 Unternehmen und avanciert zu einem internationalen Produzenten für Farben und Lacke. Dabei gehen die fünf Kinder des Firmengründers aufs Ganze. Nach und nach verkaufen sie fast ihr gesamtes Immobilienvermögen, um die Zukäufe zu finanzieren. Als sich das Wachstum nicht mehr aus eigenen Mitteln finanzieren lässt und die unternehmerischen Risiken zu groß werden, beschließt die Familie, 2006 an die Schweizer Börse zu gehen.

Durch den unternehmerischen Neubeginn findet die zweite Generation wieder zusammen. Doch für die dritte Generation ist das Thema Unternehmerfamilie weit weg. „Wir hatten uns gut in unseren eigenen Berufen eingerichtet und nur noch wenig Kontakt“, sagt Looser. „Wir machten uns keine Gedanken über das Thema Nachfolge.“ Schließlich bringt die Notwendigkeit, das Erbe und damit den Übergang auf die kommenden Generationen zu regeln, die ganze Familie an einen Tisch. Eine Phase der Neufindung beginnt: „Unserer Generation fehlte das Bindeglied der gemeinsamen unternehmerischen Tätigkeit. Wir mussten den Zusammenhalt erst finden“, sagt Looser, „und neben Werten und Zielen auch eine Strategie festlegen, die den nachfolgenden Generationen Perspektive gibt. Zudem musste die Rolle der Familie nach dem Börsengang geklärt werden.“

Eine Familienverfassung muss her. Strategisch klug, legt die Senior-Generation diese Aufgabe in die Hände der Junioren. Ein Jahr lang arbeitet ein fünfköpfiges Team, bestehend aus einem Vertreter jedes Stammes, an dem Entwurf einer Familiencharta, die 2007 einstimmig angenommen wird.

Strukturen verbinden

Kurz darauf wird ein weiteres familiäres Großprojekt in Angriff genommen: die Ausarbeitung eines Aktionärspoolvertrages. „Wir waren uns darin einig, dass die Familie mit der Looser Holding ein Unternehmen geschaffen hatte, in das wir langfristig unser Vertrauen setzen wollten“, sagt Looser. Der Poolvertrag soll für Verbindlichkeit und Berechenbarkeit innerhalb der Familie und gegenüber dem Unternehmen sorgen und Vertrauen am Kapitalmarkt schaffen. Zudem sichert er den Einfluss der Familie. Gleichzeitig bedeutet dies jedoch, dass ein großer Teil des Vermögens langfristig gebunden ist. „Diesen Schritt zu gehen war für viele Familienmitglieder nicht einfach“, sagt Looser. Die Familienaktionäre verfügen über zwei unterschiedliche Arten von Aktien. Ein Teil ist weitgehend unverkäuflich und auf gemeinsamen Depots hinterlegt. Ein anderes Paket aus liquiden Aktien soll den Liquiditätsinteressen der einzelnen Familienmitglieder gerecht werden. Sechs Monate arbeitet Looser mit Familienangehörigen an dem Konstrukt. Es kostet einige Überzeugungsarbeit, bis schließlich alle 14 Familienmitglieder zustimmen. Mit dem Ergebnis ist er heute zufrieden. „Ein Verkauf der gesamten Familienbeteiligung kann nur mit einer 5/6-Mehrheit erfolgen.“

Beginn einer neuen Ära

Seither sind fünf Jahre vergangen. Der Börsenkurs der Looser Holding ist inzwischen – gemessen am Ausgabekurs – um rund 30 Prozent gesunken. Doch gerade in schwierigen Zeiten gibt das langfristige Engagement der Familie Looser dem Unternehmen Stabilität. Auch aus Familiensicht hat sich die Bindung ans Unternehmen gelohnt: „Durch das Unternehmen haben wir uns als Familie neu gefunden“, resümiert Looser. „Es hat uns unsere Identität wiedergegeben und den Zusammenhalt in der Familie gestärkt.“

Inzwischen trifft sich die gesamte Familie einmal im Jahr. Regelmäßig werden Workshops für die zweite, dritte und vierte Generation durchgeführt. Denn auch die junge Generation soll schon jetzt auf ihre Aufgaben als verantwortungsvoller Eigentümer vorbereitet werden. Hinzu kommen Strategiesitzungen: Zwei Vertreter der dritten Generation besetzen derzeit zwei Sitze im Verwaltungsrat der Looser Holding AG. Aus Governance- Gründen soll kein Familienmitglied auf Managementstufe operativ in dem börsennotierten Unternehmen tätig sein. Stattdessen engagieren sich weitere Familienmitglieder operativ oder in den Kontroll- und Aufsichtsgremien der familieneigenen Immobiliengesellschaft Elmobilien AG, dem Family Office L.N. Asset Management und der gemeinnützigen Familien Looser-Stiftung.

Aktuell arbeitet die Familie gerade an der Dokumentation ihrer Familien- und Unternehmensgeschichte. Es gibt noch viel zu tun. „Und vielleicht“, verrät Looser, „entwickelt die dritte und vierte Generation sogar bald neue unternehmerische Aktivitäten“ – natürlich gemeinsam, als Familie.

Info

Das Unternehmen

Die Geschichte der Unternehmerfamilie Looser nahm 1928 mit der Gründung der E. Looser & Co. in Vilters (St. Gallen) in der Schweiz ihren Anfang. Das Unternehmen für mechanisierten Gerätebau entwickelte sich zu einem führenden Hersteller von Feuerungsanlagen in Europa. 1987 brachte die Familie Looser die Firma, inzwischen umbenannt in ELCO Looser, an die Schweizer Börse. 1995 wurde das Unternehmen mit 3.100 Mitarbeitern und 720 Millionen D-Mark Umsatz an die Preussag AG für 267,5 Millionen Schweizer Franken verkauft.

1996 erwirbt die Familie Looser die FLH Holding von der Preussag zurück und beginnt mit dem Aufbau einer auf Farben und Lacke spezialisierten Holding mit zahlreichen Zukäufen. 2004 wird die Looser Holding gegründet, in die die FLH Holding eingebracht wird. Weitere Zukäufe, darunter die Türenhersteller Prüm und Garant, folgen. 2006 geht die Looser Holding an die Schweizer Börse. Die Familie bleibt mit 49,5 Prozent Mehrheitsgesellschafter. Langfristig soll die Beteiligung auf mindestens 40 Prozent reduziert werden. Die Looser Holding mit Sitz in Arbon in der Schweiz erwirtschaftete im Jahr 2012 mit 2.250 Mitarbeitern einen Umsatz von 472,9 Millionen Schweizer Franken und einen Konzerngewinn von 22,2 Millionen Schweizer Franken. Die Gruppe ist in den Geschäftsfeldern Beschichtungen, Industriedienstleistungen, Temperierung und Türen mit 22 Gesellschaften in Europa, Asien und den USA tätig.

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