Ist das Start-up MYPOSTER ein Familienunternehmen?

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Wachstumsschmerzen sind ein klassischer Bestandteil erfolgreicher Start-up-Geschichten: Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem die Organisation nicht mehr mitkommt mit der Entwicklung. Es tritt Überforderung ein, Folgen fürs Geschäft drohen. Bei MYPOSTER war es 2013 so weit. Die beiden Brüder René und Marc Ruhland hatten das Start-up für individuellen Digitaldruck im Jahr 2010 gegründet. Zu dem Zeitpunkt hatten sie schon vier Jahre Erfahrungen mit Wanddekorationen gesammelt, Ölgemälde aus China importiert und 2008 ihren ersten professionellen Fotodrucker gekauft. Dass es im Digitaldruck-Markt bereits große und erfolgreiche Player gab, allen voran das Oldenburger Familienunternehmen CEWE, schreckte sie nicht ab. Sie verstehen sich bis heute als „Challenger“ im Markt: digitaler, individueller, anwenderfreundlicher.

Eine Frau bringt Struktur

Die Idee funktionierte. „Im November 2011 sind wir live gegangen, 18 Monate später waren wir profitabel“, sagt René Ruhland. 2012 bezogen sie die Produktionshalle und die Büros am heutigen Standort Breitenau nördlich von München. Anfang 2013 hatte MYPOSTER rund 15 Mitarbeiter und etwa 1 Million Euro Umsatz – und ein paar große Probleme, denn das Team wurde den Anforderungen des Wachstums nicht mehr gerecht.

Gemeinsam gestalten: Die Eheleute Anna und René Ruhland sind zwei der drei Geschäftsführer von MYPOSTER.
Gemeinsam gestalten: Die Eheleute Anna und René Ruhland sind zwei der drei Geschäftsführer von MYPOSTER. / Foto: MYPOSTER

„So gut es auch lief, waren wir 2013 in einer Notlage“, sagt René Ruhland. „Die Situation bei MYPOSTER war bei uns jeden Abend Thema“, erinnert sich seine Frau Anna, die heute mit in der Geschäftsführung der Firma sitzt. „Es gab zu diesem Zeitpunkt keinen einzigen Prozess.“ Keinen Kalender, keine Termine, keine Ablage, kein Organigramm, keinen Jour fixe. „Wenn man jemanden was fragen musste, ist man zu ihm hingegangen und hat gefragt: Können wir darüber reden? Was in einem Start-up total Sinn macht, aber ab einer bestimmten Größe funktioniert das nicht mehr“, sagt Anna Ruhland.

Auch Ziele und Strategien seien nicht klar kommuniziert worden. „René und Marc hatten das alles im Kopf. Die wussten zwar, wo sie langgehen, aber ihre Mitarbeiter oft nicht.“ Ihr Mann René ergänzt: „Der Produktion war unklar, nach wessen Anweisungen sie arbeiten sollte.“ Und das in einem wachsenden Unternehmen, das ohnehin fortwährend an der Obergrenze seiner Kapazitäten arbeitete. „Natürlich leidet man mit, wenn der andere Herzblut, Zeit und Geld in ein Unterfangen steckt, es dann aber nicht richtig läuft“, sagt Anna Ruhland. „Zugleich war mir schnell klar: Wir würden uns auch in der Zusammenarbeit gut ergänzen.“ Auch René und Marc Ruhland hielten das offenbar für eine gute Idee: Zum 1. Mai 2013 stieg Anna Ruhland als dritte Geschäftsführerin bei MYPOSTER ein.

Mit den Themen Herzblut, Zeit und Geld der Eigentümer hatte Anna Ruhland zu diesem Zeitpunkt schon einige Erfahrung. Sie gehört zur Unternehmerfamilie hinter dem Ulmer Maschinenbauer ZwickRoell. Ihr Vater Jan Stefan Roell war dort mehr als 20 Jahre Vorstandsvorsitzender, seit 2021 sitzt er dem Aufsichtsrat vor. Nach dem Studium hatte Anna Ruhland zunächst einige Jahre in einer internen Strategieberatung von BMW in München gearbeitet, 2009 wechselte sie als Projektmanagerin ins Familienunternehmen, wo sie auch Gesellschafterin ist und seit 2018 im Aufsichtsrat sitzt. Doch ihr Drang, etwas zu bewegen, wurde an keiner der Stationen ausgelastet. „Schon in meinem ersten Job bei BMW hat mein Chef zu mir gesagt: ‚Wenn Sie weiter so frech sind, werden Sie hier aber keine Karriere machen‘“, berichtet Anna Ruhland lachend. Auch die spätere Position als Projektleiterin bei ZwickRoell sei spannend gewesen. „Es war toll, das Unternehmen von innen kennenzulernen“, sagt sie. „Aber etwas ganz Eigenes zu machen war noch spannender!“

Bei MYPOSTER war das anders. Hier ging es um schnelles Wachstum und echte Grundlagenarbeit. „Meine erste Tat war, ein Organigramm zu malen“, sagt Anna Ruhland. Noch vor ihrem Einstieg hatte sie mit Ehemann René und Schwager Marc eine strikte Aufgabenverteilung festgelegt, die in etwa der von heute entspricht: René verantwortet Produktentwicklung, neue Geschäftsmodelle, Kreation und Kundenservice, Marc die Bereiche IT und Einkauf. Bei Anna liegen die Bereiche Produktion, Performance-Marketing, HR und Finanzen. Im Bereich Finanzen fing sie nach ihrem Einstieg als Erstes mit den Aufräumarbeiten an. „Die Rechnungsfreigabe war unklar, genauso die Bezahlung und die Kontierung“, sagt Anna Ruhland. „Ich habe erstmal einen Kontenplan ins Leben gerufen, damit wir überhaupt zuordnen können, wo wir was ausgeben.“

Anfängliches Chaos bei MYPOSTER

René Ruhland hat kein Problem damit, über die chaotische frühe Phase von MYPOSTER zu sprechen. „Mein Bruder und ich haben nie irgendwo anders gearbeitet. Wir haben direkt nach dem Studium gegründet. Das ist Teil der Story: Wir haben nicht wirklich viele gute Prozesse installiert, also ich sowieso nicht“, sagt René Ruhland und lacht. Er ist erklärtermaßen der Impulsive, Entscheidungsfreudige im Team, der mit jeder neuen Idee am liebsten sofort vorpreschen will – manchmal auch an seinem Bruder Marc vorbei: Ihn beschreibt René eher als klugen Denker, der bestehende Zusammenhänge hinterfrage.

Die Gefahr, dass durch das Ehepaar in der Geschäftsführung ein Ungleichgewicht und so etwas wie Lagerbildung entstehen könnte, sehen Anna und René Ruhland nicht. Anfänglich habe sich die praktische Nähe der Ehepartner manchmal bemerkbar gemacht, wenn sie beim Abendessen etwas abgesprochen und Marc Ruhland dann nicht einbezogen hätten. Auch in diesem Fall war Annas Lösung, wenig überraschend, Struktur: ordentliche Geschäftsführungssitzungen zu dritt. Sie und ihr Mann arbeiten fortwährend daran, ihre Rolle als Kollegen und als Partner auseinanderzuhalten. Wobei sie einwendet: „Man kann da dran arbeiten, aber ganz ablegen kann man das nie. Zu hundert Prozent wird es nie funktionieren, zu sagen: Jetzt habe ich nur den Hut als Ehefrau auf.“

Die Zusammenarbeit mit ihrem Schwager Marc scheint ihr gerade deswegen manchmal einfacher, weil weniger Emotionalität im Spiel ist. Auch vom Typ her scheinen sich die beiden näher zu sein. „Wenn man mal eine halbe Stunde mit jemandem etwas durchdenken muss, dann ist Marc dafür der Richtige“, sagt Anna Ruhland. Unterm Strich habe sich der Einstieg von Anna persönlich wie fachlich gut auf die Firma und ihre beiden Gründer ausgewirkt, sagt René Ruhland. „Es war einfach objektiv zu viel Arbeit für uns beide. Und Anna ist eben genau in die Bereiche gegangen, in denen wir als Gründer eher Schwächen haben.“

Typ- und Definitionsfragen

Haben die Stärken von Anna Ruhland etwas damit zu tun, dass sie selbst aus einer Unternehmerfamilie kommt? Sie selbst sieht das differenziert. Ihr Vater Jan Stefan Roell spielt für sie als Vorbild eine wichtige Rolle mit Blick auf Werte, Leitlinien, Führungsstil. Sie habe sein „Unternehmer-Gen“ geerbt, sagt Anna Ruhland, wolle die Dinge in die Hand nehmen und in größerem Umfang gestalten – genau deswegen sei sie eben nicht bei ZwickRoell gelandet, sondern bei MYPOSTER. Ihre Rolle als strukturierende Kraft in der Geschäftsführung des Start-ups schreibt sie eher nicht ihrer vorherigen Berufserfahrung im Familienunternehmen ihres Vaters zu. „Das ist, glaube ich, eine Typfrage. Ich denke stark in Strukturen“, sagt sie.

Zwar wird auch MYPOSTER von Familienmitgliedern geführt, das macht es für René, Anna und Marc Ruhland aber nicht zu einem Familienunternehmen. Klar ist: Wären die drei nicht (wahl-) verwandt, gäbe es die Geschäftsführung in der aktuellen Konstellation nicht. Zugleich sind sie der Überzeugung, dass das Vertrauen und die Werte, die sie als Gründer und Führungskräfte verbinden, nicht von einem Verwandtschaftsverhältnis abhängig sind. „Wir verstehen uns eher als Gründerunternehmen. Da ist es fast egal, ob man eine Familie ist oder ob drei beste Freunde zusammen was gründen“, sagt René Ruhland. „Wir heißen eben durch Zufall gleich.“ uch ob sie die Firma einmal an ihre Kinder weitergeben können, steht in den Sternen, findet René Ruhland. „Wir sind in einem Online-Markt, die langfristige Reise kann niemand sicher voraussehen.“

Gedankliche Parallelen zum klassischen Bild des Familienunternehmens sieht René Ruhland eher anderswo, zum Beispiel in der Eigentümerstruktur. Trotz des starken Wachstums gehört die Firma mehrheitlich ihm und seinem Bruder. Anna ist mit einer Minimalbeteiligung Gesellschafterin, ebenso ein paar Mitarbeiter und zwei frühe Business-Angels. Kein echtes Bootstrapping, aber sie müssen keinem Investor gerecht werden. Trotzdem bezeichnen sich die drei lieber als werteorientiertes Start-up denn als Familienunternehmen. „Ich beneide niemanden in zweiter, dritter oder vierter Generation“, sagt René Ruhland. Da es kein unternehmerisches Erbe zu verspielen gebe, könne das Team bei MYPOSTER viel freier entscheiden.

Ein größeres Ganzes

So oder so, verspielt wird bei dem Start-up aktuell offenbar nichts. Im Gegenteil: Im November 2020 überschritten die drei Geschäftsführer mit der Online-Marke MYPOSTER erstmals die Marke von 40 Millionen Euro Jahresumsatz, im Juli 2021 stellten sie dann in der Gruppe den 300. Mitarbeiter ein. Seit Annas Einstieg ist das Start-up expandiert und hat sich internationalisiert, mehrere weitere Firmen gegründet und hinzugekauft und unter dem Dach einer Holding gebündelt. Die Hauptverantwortung für jede dieser Firmen hat ein externer Geschäftsführer, mit jeweils einem der drei Ruhlands als Tandempartner. Zum 1. Juli 2023 soll diese Konstellation auch bei MYPOSTER gelten. Auf Ebene der Gruppe werden die drei die verantwortlichen Geschäftsführer bleiben. Die Formulierung „operativ aussteigen“ findet Anna Ruhland missverständlich. Auch eine Holding müsse geführt werden, zumal dort auch Querschnittsfunktionen wie HR, Finance und IT gebündelt werden.

Klar ist: Zu den Strukturen, die Anna Ruhland liebt, gehört auch eine kluge Governance. Ob das nun eine Typfrage ist oder womöglich doch ein Mitbringsel aus ihrer elterlichen Unternehmerfamilie, sei dahingestellt. Im Bereich Family Governance sieht sie selbst noch Luft nach oben. „Die Fragen müssen wir im Kopf haben, wenn wir irgendwann größer sind und vielleicht auch mal was ausschütten“, sagt sie.

Von ZwickRoell kennt Anna Ruhland Themen wie große Gesellschafterversammlungen, Unternehmerfamilientage und die Erarbeitung einer Familiencharta. Bei MYPOSTER sieht sie dafür aber noch keine Notwendigkeit. Auch die Frage, wer aus der Familie im Unternehmen mitarbeiten darf und wer nicht, ist eher Zukunftsmusik, die insgesamt sechs Kinder beider Familien sind vom Schritt ins Berufsleben zum Teil noch weit entfernt. Und dass Marc Ruhlands Frau beschließen könnte, ihre Expertise ins Familienunternehmen einzubringen, ist wohl unwahrscheinlich. Sie ist Konzertpianistin.

 

Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.