Alexander Koeberle-Schmid über NextGen und Nachfolge

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Dr. Alexander Koeberle-Schmid, welches sind die zentralen Fragen, die NextGens für sich beantworten müssen, bevor sie die Nachfolge antreten?

Kann ich? Will ich? Darf ich? Beim Können geht es darum, die eigenen Kompetenzen zu kennen, um das Unternehmen weiterzubringen – Führungs- und Ergebnisverantwortung zu übernehmen. Beim Wollen geht es um die eigene Motivation. Will ich das Unternehmen wirklich übernehmen – oder ist es mehr eine Pflicht, die ich erfülle? Und beim Dürfen hängt es vom Vorgänger und den Mit-Gesellschaftern ab: Findet zum Beispiel auch meine Schwester es genau richtig, dass ich übernehme, oder findet sie, dass ihr Mann viel besser geeignet ist als ich? Dann hätten wir nämlich einen Konflikt.

Welche typischen Konflikte treten in der Nachfolge auf?

Früher habe ich versucht, Nachfolgekonflikte nur mit Modellen und Strukturen zu lösen. Doch im Zuge meiner eigenen Entwicklung zum Konfliktversteher achte ich heute mehr darauf, was zwischen den Menschen steht. Das sind meist Beziehungsthemen, die emotional aufgeladen sind. Um den Konflikt zu lösen, muss ich die Themen verstehen, die hinter dem Konflikt liegen. Meist sind das fehlende Dankbarkeit und Anerkennung, unterschiedliche Gerechtigkeitsmaßstäbe, Ausschluss, verstrickte Loyalitäten und unterschiedliche Motive. Der Übergeber strebt nach Sicherheit, der Nachfolger will Veränderung, Risiko und Selbstverwirklichung. Das steht sich oftmals unversöhnlich gegenüber.

Was ist besser: eine zielstrebige Nachfolge, die viele Jahr lang geplant ist, oder ein eher zufälliges Hineingeraten ins Familienunternehmen?

Ich habe noch nie beobachtet, dass in den mehr als 150 Familien, die ich begleitet habe, ein Hineinschlittern ins Unternehmen sich als besonders passend herausgestellt hätte. Das führte meist zu Unzufriedenheit und oftmals zum Konflikt. Nachfolgen und Übergeben müssen eine bewusste Entscheidung sein. Früher war es implizit so, dass der Sohn nachfolgen musste. Heute leben wir in einem anderen Zeitalter. Die NextGen will mitreden, mitgestalten – ihren Lebensweg selbst gestalten. Zudem haben sie einen viel differenzierteren Blick auf das, was sie können, ihre Kompetenzen. Deshalb müssen die beiden Generationen auf Augenhöhe miteinander darüber ringen, was das beste Nachfolgemodell ist und welcher Plan dazu passt: auf Anteils- und Führungsebene. Alles andere verkennt den Zeitgeist und die Bedürfnisse derjenigen Generation, in deren Händen die Zukunft liegt.

Hat an der Uni Bamberg Germanistik, Philosophie und Kommunikationswissenschaften studiert. Zuvor arbeitete sie als Redakteurin am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Bei dem Magazin brand eins in Hamburg entdeckte sie ihre Liebe zum Wirtschaftsjournalismus, der sie seit März 2023 beim wir-Magazin frönen darf.