Einsam liegt das Schloss von Dietmar Müller-Elmau in den Bergen, im hintersten Zipfel Bayerns. Keine Bahnstrecke führt hier hoch, nur eine schmale, mautpflichtige Privatstraße. Hier, direkt vor dem Wettersteinmassiv, ist Schluss. Weit und breit nur Natur und bimmelnde Schafherden, sonst nichts.
Und doch herrscht reger Betrieb „auf der Elmau“, wie die Stammgäste vom Schloss Elmau sagen. Geländewagen halten auf der Kiesauffahrt, entlassen Familien mit lärmenden Kindern und Unmengen Koffern, daneben steigen reifere Herren aus Sportwagen und verschwinden samt klischeegerecht junger Begleitung durchs Eingangsportal.
Schloss Elmau ist ein Luxushotel, Fünf-Sterne-Plus: Wohlstand trifft auf Bildungsbürgertum, der schnieke Berater auf den schlurfenden Philosophen, bekannt aus Funk und Fernsehen. Loriot hat hier, im Fürstenzimmer, viele seiner Sketche verfasst und einen gezeichneten Elefanten hinterlassen: „Hier bist Du ein geliebter Gast, auch wenn Du keinen Rüssel hast.“ Dietmar Müller-Elmau heißt der Hausherr, der diese bunte Klientel in die Einöde lockt, neulich wurde er dafür zum „Hotelier des Jahres 2012“ ernannt. „Dabei bin ich gar kein gelernter Hotelier“, sagt der 57 Jahre alte Mann mit dem halblangen Haar, dessen Karriere einige Kurven genommen hat: Studium von BWL, Theologie und Philosophie, Software-Unternehmer, ehe er – nach einigem Zwist – das vom Großvater gegründete Schlosshotel in Angriff nahm und dabei Erstaunliches lernte: zum Beispiel, dass auch begüterte Gäste stehlen, was nicht niet- und nagelfest ist; von Bademänteln bis zu Luxus-HiFi-Anlagen oder Flachbildschirmen. „Wir müssen alles festschrauben“, sagt Müller-Elmau.
Suche nach einem neuen Geist
Zwischen 4.500 und 7.000 Euro kostet bei ihm eine Woche Familienurlaub. Wer hierher kommt, achtet auf Exklusivität. Warnschilder unten an der Straße weisen Wanderer und Mountainbiker darauf hin, dass sie hier nicht einfach einkehren können. Neugierige Blicke stören die Atmosphäre in dem „Hideaway“, wie sich das 1916 erbaute Traditionshaus heute modernistisch nennt. Ausgedacht hat sich das Konzept Dietmar Müller-Elmau, einst das „schwarze Schaf der Familie“, wie er selbst sagt: ein Abtrünniger mit liberalen, angelsächsisch geprägten Idealen. Nicht das, wonach der Rest des Clans lechzte, aber der Rebell Dietmar Müller-Elmau hatte, was Mitte der neunziger Jahre dringend gegen den Niedergang des Schlosses gebraucht wurde: Ideen und Geld. Letzteres hatte er vor allem nach dem Verkauf seiner Start-up-Firma. Dabei hatte er das Schloss seit Jugendtagen gehasst, diesen ganz speziellen „Geist von Elmau“, der auf seinen Großvater zurückging: Johannes Müller, noch ohne den Namenszusatz Elmau, war um das Jahr 1900 ein populärer protestantischer Prediger und Philosoph, er maß sich mit Theologen wie Adolf von Harnack und Karl Barth, brach bald mit der verfassten Kirche und verfasste unzählige Schriften mit Natur- und Lebensweisheiten.
Als seine Anhängerschaft wuchs, suchte er ein Refugium – und entdeckte auf einer seiner Reisen die Einsiedelei Elmau, hinter Garmisch gelegen. Hier errichtete er sein Schloss, „einen Freiraum des persönlichen Lebens“, für sich und seine gelehrten Gefährten, darunter Max von Baden und Hans- Georg Gadamer. Bezahlt hat den Bau eine Verehrerin: Elsa Gräfin Waldersee, eine geborene Haniel.
Die Schriften des Großvaters, die „Grünen Blätter“, füllen heute ein ganzes Regal in der Schlossbibliothek. Müller- Elmau hat sie alle gelesen. Er wollte seinen Großvater verstehen – verstehen, wie er Adolf Hitler anhimmeln konnte, obwohl er doch das Judentum bewunderte. Die Antwort fand er in jenem „Gemeinschaftswahn, der alles gleichschaltet, Fremdes ausblendet, nur eines gelten lässt“.
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Wer auf Schloss Elmau als Gast oder „Gastin“ anreiste, wurde Teil der „Gemeinde“ – so wurde es noch praktiziert, als der Krieg längst vorbei und der Großvater gestorben war. Gegessen wurde an langen Zehnertischen, täglich an einem anderen Platz. Obligatorisch war der Tanz, die Elmau-Quadrille, bei der Mann und Frau sich näher kamen. „Beim Tanz war ja alles erlaubt“, spottet Müller-Elmau. „Bigott war das alles.“
Elmau hatte einen einschlägigen Ruf, besonders unter adligen Männern bis hoch nach Norddeutschland. Im Schloss in den Bergen, so hatte es sich herumgesprochen, diente das hübscheste Personal, die sogenannten „Helferinnen“. Höhere Töchter, die hier für ein Taschengeld arbeiteten – und hoffen konnten, einen hochvermögenden Gatten kennenzulernen. Etliche Ehen fanden so ihren Anfang, mit heimlichen Präsenten und freizügigen Jungmädchenküssen. Niemand sprach darüber.
Dietrich Müller-Elmau verachtet die Scheinheiligkeit
Dietrich Müller-Elmau, der mit den Eltern hinter dem Hotel aufwächst, verachtet die Scheinheiligkeit, erhält häufig Hausverbot, weil er gegen die ungeschriebenen Gesetzes des „Sanatoriums der Sinne“ verstößt. Nach dem Abitur flieht er: „Und ich wollte nie zurückkehren.“ Der Hochbegabte studiert in München Philosophie, Theologie und Wirtschaft, hängt in Amerika einen MBA sowie ein Informatik-Studium dran („Das reizte mich, weil ich davon keinerlei Ahnung hatte“). Jung und voller Esprit ist er damals, verschuldet, geschieden und Vater dreier Kinder.
Mit Freunden gründet er in München eine Software-Firma für die Hotellerie: „Fidelio“, bald mit Ablegern in Indien, Israel, Amerika. Der IT-Pionier ist ständig unterwegs, was ihm zunehmend weniger behagt: „Ich wusste manchmal kaum mehr, in welcher Zeitzone ich mich befand.“ Um der Mühle zu entkommen, verkaufen die Gründer im Jahr 1996 ihre Firma Fidelio, zu dem Zeitpunkt bereits Weltmarktführer, für 28 Millionen Euro – mehr als die Hälfte des Erlöses geht an Müller-Elmau.
Ein Feuer beendet Familienfehde
Sein Vater bekniet ihn, das Geld ins Schloss zu stecken, das Erbe zu retten, da die Banken zu der Zeit keine Kredite mehr bewilligen. Schließlich kehrt Dietmar Müller-Elmau zurück – mit dem festen Vorsatz, die Elmau, wie er sie als Kind kannte, zu vernichten. Als Erstes sägt er die Zehnertische im Speisesaal entzwei, ein symbolischer Akt, und provoziert damit die alte Garde: allen voran Tante und Onkel, ihm seit Jugendtagen zutiefst verhasst, die noch immer den Ton angeben, gestützt von einem einflussreichen Kreis von Stammgästen, den sogenannten „Freunden der Elmau“: Johannes Rau, damals Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, ruft zur Revolte gegen den Unruhestifter auf. Alles auf dem Schloss sollte so bleiben, wie es war; die langen Tafeln, der Tanz, die Mädchen.
Dietmar Müller-Elmau aber hält dagegen. Nun, da er mit zweiter Frau und drei weiteren Kindern wieder hinter dem Hotel lebt, ist ihm die Elmau zur Lebensaufgabe geworden. Es entspinnt sich ein zäher, absurder Kampf innerhalb der Familie: Onkel und Neffe bekriegen sich, so gut sie können. Für seine frischen Ideen der Zerstreuung lockt der Junge angesagte Stars aus Kunst, Politik und Wissenschaft aufs Schloss, der Onkel lädt weiterhin zur Quadrille. Beide boykottieren gegenseitig die Veranstaltungen des anderen. Man zieht gegeneinander vor Gericht. Geklärt wird der Streit erst durch ein Unglück, genauer gesagt durch einen Brand: Im Sommer 2005 vernichtet ein Feuer den Großteil des Hotels – schuld war eine defekte Heizdecke, ausgerechnet in der Wohnung des Onkels. Der setzt darauf nie wieder einen Fuß in das Hotel – und lässt sich auszahlen. Der Weg für Dietmar Müller-Elmau ist frei, nur seine Geschwister halten heute noch ein paar Unternehmensanteile.
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Er baut einen neuen, modernen Trakt, gestaltet viele Einzelzimmer in Familiensuiten um. In den Ferien toben nun Kinder – dann ein Drittel der Gäste – durch das etliche Hektar große Anwesen, wo ihnen Workshops („Können Blumen glücklich sein?“), Fußball-Camps und Outdoor-Abenteuer geboten werden. „Wir wollen ja keine gerontologische Reha sein“, sagt Müller-Elmau.
55 Millionen Euro hat der Neubau gekostet, einen Teil trug die Versicherung, den größeren Teil er. Seit der Wiedereröffnung im Jahr 2007 ist das Hotel zu 80 Prozent ausgelastet und damit profitabel. Dazu muss er mehr bieten als Luxus und Natur. Klangvolle Namen halten die Elmau im Gespräch. „Hier werden die Diskurse der Zukunft geführt“, prahlt der Hausherr. Hochkarätige Musiker treten auf, Literaten, Staatsmänner oder einfach nur Promis, allesamt ohne Gage, wie man beteuert, der Aufenthalt sei Lohn genug. Der vielfach preisgekrönte Schriftsteller Hanns-Josef Ortheil hat im Schloss seinen jüngsten Roman „Liebesnähe“ geschrieben, mit dem Hotel und dessen realer Buchhändlerin in einer tragenden Rolle, und es im Ballsaal vorgestellt.
Dietmar Müller-Elmau sitzt bei solchen Gelegenheiten am liebsten hinten auf der Fensterbank, eng neben seiner holländischen Frau, lauscht, beobachtet und genießt. Unbeachtet von den Gästen. „Ich kann Menschenansammlungen nicht ertragen. Familienfeste und Partys sind mir ein Graus.“ Seine Abscheu gegen zu enge Gemeinschaft bleibt, der Geist auf der Elmau ist neu.
Der Artikel ist am 10. Juni 2012 in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung erschienen. Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main
