HRS-Chef Tobias Ragge zeigt, wozu die neue Generation in Familienunternehmen imstande ist, wenn man sie denn lässt.

Tobias Ragge (35) ist der Inbegriff dessen, was man unter „smart“ versteht. Kurzer präziser Haarschnitt, ungeduldiger Blick, disziplinierter Auftritt. Schnelle treffsichere Formulierungen. Schnelle Wechsel zwischen einem gewinnenden ColgateLächeln und unmissverständlichen Anweisungen. Ein Jungmanager mit European-Business-School-Abschluss und internationaler Konzernerfahrung, wie er im Buche steht. Und was passiert, wenn man so einen ans Steuer des eigenen Familienunternehmens lässt? Seit Tobias Ragge 2004 in HRS, den vom Vater gegründeten Spezialisten für Hotelreservierungen, einstieg, ist das Unternehmen nicht wiederzuerkennen. Damals hatte HRS 130 Mitarbeiter. Heute sind es über 550. Und rechnet man die Mitarbeiter von hotel.de dazu, dem Wettbewerber, an dem sich HRS im Oktober 2011 mehrheitlich beteiligt hat, sind es fast noch einmal so viele.

HRS hat Tobias Ragge schon immer interessiert. „Mit acht, neun Jahren habe ich Kataloge eingetütet, mit fünfzehn Jahren im Call Center von HRS gejobbt.“ Während seines BWL-Studiums und der Zeit als Trainee bei Lufthansa hatte Ragge dann eher weniger mit dem Familienunternehmen zu tun. Als 2004 nach drei Jahren Lufthansa für Tobias Ragge die nächste karrieretechnische Weichenstellung anstand, entschied er sich für HRS. Die Konzernstrukturen waren nichts für Ragge: „Entscheidungen im Konzern sind oft so politisch, und sie dauern einfach zu lange. Ich wollte Ideen schnell umsetzen und Entscheidungen selbst in die Hand nehmen. Da lag der Einstieg bei HRS nahe“, sagt er heute.

Direkt gefragt habe ihn sein Vater Robert Ragge nicht. Aber das läge auch nicht in seinem Naturell. Ragge senior, damals 67 Jahre alt, hätte seine Kinder nie zum Einstieg in die Firma gedrängt. Er stammt selbst aus einem Unternehmerhaushalt und hatte damit in seiner Jugend keine guten Erfahrungen gemacht. Auf sanfte Vermittlung der Mutter setzten sich Vater und Sohn im Jahr 2004 an einen Tisch. Schnell war ausgemacht: „Du fängst dann morgen mal an.“ Tobias Ragge erinnert sich und lacht: „Ich war wohl so was wie Assistent der Geschäftsleitung.”

Eine definierte Aufgabe oder gar ein Stellenprofil habe es nicht gegeben. „Es gab nur eine kleine Führungsmannschaft. Die meisten Entscheidungen wurden von meinem Vater getroffen. Mein Vater war quasi die Firma!“ Tobias Ragge suchte sich seine Aufgaben selbst. Die erste stellte sich in Form von Hotelverträgen, die waschkörbeweise bei HRS ankamen. „Verträge mit 100.000 Hotels. Alles auf Papier. Die mussten alle digitalisiert werden.“ Dann habe er den Einkauf „gefräst“ und schließlich die Marketingabteilung aufgebaut. Wer die massiven Billboards mit der einprägsamen „Wir kriegen sie alle ins Bett“-Werbung an Deutschlands Bahnhöfen und Flughäfen kennt, kann sich gar nicht vorstellen, dass es die im Jahr 2004 noch nicht gab. „Das Online-Marketing steckte damals noch in den Kinderschuhen“, erinnert sich Ragge. Die heutige mediale Omnipräsenz von HRS in allen relevanten Reiseportalen trägt klar die Handschrift des Juniors: „In Google muss man investieren. Das geht heute alles über Performance-Marketing. Hier investieren wir viel Geld.“

Tobias Ragge: Kein Konzerntyp

Massive Werbung, hohe Investitionen in Online-Marketing – wahrscheinlich nicht die Art und Weise, wie Senior Robert Ragge das schwer verdiente Geld reinvestiert hätte? „Mein Vater hat mir ziemlich freie Hand gelassen“, sagt Tobias Ragge. Dabei musste er „im Gefühl haben“, was geht und was nicht. Eine Budgetplanung gab es damals noch nicht. Manches hat Tobias mit seinem Vater besprochen, anderes nicht. Es hat funktioniert. Seit 2008 ist Tobias Ragge Geschäftsführer.

Es hat funktioniert, aber nicht ohne Reibung. Die Managementstile seien einfach unterschiedlich, sagt Tobias Ragge: „Ich bin eher ein analytischer Mensch, der sich nicht nur auf sein Bauchgefühl verlässt, sondern auch Zahlen sehr genau studiert. Von breiter Wissensstreuung hält mein Vater eher wenig. Natürlich sind wir uns da auch schon mal in die Quere gekommen.“ Das sei auch für manchen Mitarbeiter nicht immer ideal gewesen, aber eskaliert seien die Konflikte nie. Das mag auch daran liegen, dass Senior Ragge seinem Sohn irgendwann das Feld überlassen hat. Mit über 70 Jahren ist Ragge zwar immer noch sehr aktiv im Geschäft und die gute Seele des Hauses. Gesicht und Stimme des Unternehmens nach außen wie innen ist aber Tobias. Der schätzt den Rat seines Vaters: „Mein Vater ist der Einzige, bei dem ich mir sicher sein kann, dass er offen sagt, was er denkt, und keine Hidden Agenda eine Rolle spielt.“

Info

Tobias Ragge (35) führt gemeinsam mit seinem Vater Robert Ragge (74) HRS. Die Anteile liegen noch vollständig bei Robert Ragge. Seine ein Jahr jüngere Schwester Daniela Ragge führt gemeinsam mit ihrer Mutter Gisela Ragge das Kölner Savoy Hotel. Die beiden jüngeren Brüder engagieren sich nach BWL-Studium bzw. Hotelkaufmann-Ausbildung beim Aufbau des ebenfalls zur Firmengruppe gehörenden Sportportals www.easysport.de.

Auch in anderer Hinsicht weiß Tobias Ragge seinen Vater zu schätzen. Zum Beispiel seine Fähigkeit, Menschen sehr schnell sehr gut einschätzen zu können. „Außerdem kennt mein Vater die Branche und die Kunden wie kein anderer. Er kann Trends früh erkennen. Denn viele vermeintliche Trends waren auf die eine oder andere Art schon mal da.“ „Die Branche“, damit meint Ragge die Hotelindustrie, die traditionell ein gespaltenes Verhältnis zum Reservierer HRS hat, der einerseits für eine höhere Auslastung sorgt und andererseits auf die Preise drückt. Mit der gestiegenen Marktmacht durch den Einstieg bei hotel.de dürfte das Verhältnis kaum einfacher geworden sein. Aber eben diesen Balanceakt beherrscht HRS wie kein anderer.

„Hinter HRS stehen 250.000 Hotels, mit denen wir Verträge abgeschlossen haben“, berichtet Tobias Ragge. 150 Mitarbeiter arbeiten bei HRS allein im Hoteleinkauf. Das ist die Grundlage, die Senior Robert Ragge in 40 Jahren Unternehmerleben gelegt hat. Denn anders als viele denken, ist HRS kein typisches Internet-Start-up. Robert Ragge war mit der Hotelvermittlung erfolgreich, lange bevor es das Internet überhaupt gab.

Zukunftsmärkte

Das Internet hat HRS zur heutigen Größe verholfen. Laut Bundesanzeiger lag der Umsatz im Jahr 2009 bei 107 Millionen Euro. Tobias Ragge hat vor allem die Internationalisierung, die Steigerung der Markenbekanntheit und Wachstumsthemen wie Mobile & New Media auf seiner Agenda. Auch das wichtige Firmenkundengeschäft stellt ganz andere Anforderungen als die Vermittlung von Unterkünften für Privatleute. „Wenn Sie mit den Travel-Management-Abteilungen von Konzernen zu tun haben, brauchen Sie ganz andere Prozesskostenlösungen und müssen integrierte Dienstleistungen anbieten. Da werden wir immer mehr zum Travel Management Consultant“, erklärt Ragge seinen Fokus auf die Vertiefung der Wertschöpfungskette.

Beim Thema Internationalisierung schreckt Tobias Ragge auch vor Übernahmen nicht zurück. 2008 übernahm HRS mit der österreichischen Tiscover ein Portal für Privatunterkünfte im Alpenraum mit 80 Mitarbeitern. Ragge hat keine Berührungsängste bei neuen Themen und mehr als genug Selbstbewusstsein, Entscheidungen durchzuziehen. Bei der Integration von Tiscover ging nicht alles glatt: „Wir haben viel gelernt“, lächelt er vielsagend. Abgeschreckt hat ihn das alles nicht. Sein jüngster Coup: Der Kauf von 61,6 Prozent am größten deutschen Wettbewerber hotel.de für rund 43 Millionen Euro. Marktmacht ist für das Funktionieren des Geschäftsmodells nicht ganz unerheblich, und die Konkurrenz aus dem Ausland wie beispielsweise der US-Anbieter Booking.com drängt verstärkt in den deutschen Markt.

Info

1972 gegründet, ist HRS heute der größte Hotelvermittler in Europa. HRS beschäftigt mehr als 550 Mitarbeiter in Köln, Shanghai, London, Paris, Rom, Warschau, Moskau und Istanbul. Der Umsatz lag 2009 bei 107 Millionen Euro. 13 Prozent des über HRS gebuchten Hotelpreises landen beim Kölner Familienunternehmen. Im Oktober 2011 hat HRS die Mehrheit beim Konkurrenten hotel.de übernommen und damit die größte Übernahme in der Unternehmensgeschichte gewagt.

Deals von dieser Größenordnung sind selten bei Familienunternehmen. Tobias Ragge ist qua Naturell allerdings kein Bedenkenträger, sondern eher ein Macher. Aber einer moderner Ausprägung. Delegieren fällt ihm leicht. In den vergangenen Jahren hat er HRS zielsicher vom patriarchalischgeführten zum team-geführten Unternehmen entwickelt: „HRS ist heute viermal so groß wie zu meinen Anfangszeiten, und die Geschwindigkeit in der Arbeitswelt wird immer höher. Da muss ein Unternehmen anders geführt werden, und Entscheidungen dürfen nicht mehr nur von einer Person abhängen. Da braucht man schon die entsprechenden Strukturen“, erklärt Tobias Ragge. Sein Glück: Er konnte sich die Mannschaft selbst zusammenstellen. Denn auch das rasante Mitarbeiterwachstum fiel in seine Zeit.

Tobias Ragge weiß, was er will, und benimmt sich wie ein Unternehmer. Formal gesehen ist er „noch“ keiner. Denn die Anteile an HRS hält immer noch zu 100 Prozent sein Vater, und Tobias Ragge ist nur eines von vier Kindern. Machen die keine Ansprüche geltend? Tobias Ragge winkt ab. Seine Schwester führt gemeinsam mit seiner Mutter das ebenfalls zum Familienbesitz gehörende Savoy Hotel in Köln. Auch seine Brüder führen ein eigenes Unternehmen und engagieren sich beim Sportportal Easysport. „Mein Vater wird beim Thema Anteilsübertragung schon eine Lösung finden, die uns allen gerecht wird“, ist er überzeugt. Dass ihm so schnell eines seiner Geschwister die Führungsrolle bei HRS streitig machen könnte, fürchtet er nicht: „So einen Job kann man nicht mit 50 Stunden die Woche machen. Man muss schon bereit sein, vieles andere dafür aufzugeben“, sagt er.

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