Frauen haben immer schon im Weinbau gearbeitet. Früher allerdings meist im Hintergrund. Jetzt treten mehr und mehr Winzerinnen in die erste Reihe und folgen ihren Vätern.

Wenn die Freundinnen im Sommer ins Freibad gingen, war Anette Closheim oft nicht dabei. Während sich die anderen auf dem Badetuch sonnten, stand sie im Weinberg und heftete Fruchttriebe in Drahtrahmen, damit die Traktoren die Rebgasse befahren konnten. Closheim ist Winzerin in vierter Generation. 15 Hektar bewirtschaftet ihre Familie an der Nahe zwischen Bingen und Bad Kreuznach. Schiefer, Löss, Lehm – 180 verschiedene Böden gibt es dort. Böden, die Riesling gedeihen lassen, der nach Limette schmeckt, und Burgunder, der an Mandarine erinnert. Nach der Schule wollte Closheim – Jahrgang 1977 – erst einmal raus, keine Lust auf Weinbau: „Ich wollte weg vom Kirchturm“, sagt sie. Eine kaufmännische Lehre und ein betriebswirtschaftliches Studium in Heilbronn folgten. Anschließend betreute sie als Produktmanagerin für einen Großkonzern Whisky und Wodka. Viereinhalb Jahre, die sie nicht missen möchte. So konnte sie einen Blick über den Tellerrand werfen: Wie geht es in einem Unternehmen zu, das hohe Budgets und internationale Kontakte hat?

Männerdomäne Weinbau

Der 30. Geburtstag war ein Schlüsselmoment. Der Augenblick, in dem Anette Closheim klar wurde, warum sie vom Weinbau nicht würde lassen können. Ein Produkt, das sie „vom Keller bis zu den Kunden“ begleiten könnte, ein Betrieb, in dem sie „ihr eigener Herr sein“ würde – das reizte sie. „Und ich hatte den Wunsch, das weiterzuführen, was meine Eltern aufgebaut haben“, sagt sie und meint damit das Weingut, dessen Mittelpunkt ein herrschaftliches Gutshaus aus dem Jahr 1867 ist, das mit seinen Lagen und Weinen wirtschaftlich auf „soliden Füßen“ steht, wie sie erzählt. Ihre jüngere Schwester konnte sich die Unternehmensnachfolge nicht vorstellen. Sie hilft zwar im Verkauf mit, arbeitet aber eigentlich als Erzieherin. „Es war klar: Wenn jemand das Weingut übernimmt, dann ich“, so Closheim.

Übernahm das Weingut nach dem plötzlichen Tod des Vaters: Theresa Breuer.

Foto: Marcia Breuer

Doch ihr Vater Konrad hatte Bedenken. „Es ist nicht so, dass er mir die Aufgabe nicht zugetraut hätte.“ Aber er habe ihr zu verstehen gegeben, dass es kein Job sei, den eine Person allein stemmen könne. „Es ist einfacher, wenn du einen Partner hast, der die gleichen Interessen hat.“ Den fand Anette Closheim: Ihr Mann Philipp, Vater der sechs und neun Jahre alten Kinder, hat in Geisenheim Önologie studiert. Eine klassische Übergabe des Weinbau-Familienbetriebs steht dennoch aus. „Als ich zurückgekommen bin, konnte ich mich mit meinem Vater nicht auf einen gemeinsamen Weg einigen. Ich wollte das eine, mein Vater das andere.“ Sie wollte Modernität, er Tradition, sie Neues, er Bewährtes. Ihre Lösung: Das Weingut haben sie gemeinsam als GbR organisiert. Gleichzeitig hat Closheim 2008 eine eigene Produktlinie gestartet, deren alleinige Geschäftsführerin sie ist. „Da kann ich mich komplett austoben.“ Es gibt Überlegungen, Tradition und Moderne eines Tages zusammenzuführen. Aber Closheim weiß: Familienunternehmer gehen nicht von einem Tag auf den anderen in Rente. „Es sind eher fließende Übergänge.“

Mitgewirkt haben Frauen in Weingütern immer schon. Früher allerdings fast immer in der zweiten Reihe, wie Closheim sagt. Jetzt hingegen sagen Winzerinnen: „Ich traue mir zu, einen eigenen Betrieb zu übernehmen.“ Mehr und mehr tauchen sie als Preisträgerinnen, in den Bestenlisten und in der Fachpresse auf. Die 200 Top-Weingüter mit Prädikat in Deutschland sind zwar noch mehrheitlich in Männerhand. Doch der Verband Deutscher Prädikatsweingüter listet derzeit 48 Winzerinnen auf. Die meisten kommen aus Weinbaufamilien. Unterstützung bekommen Frauen im Weinbau auch von Organisationen wie Vinissima, einem Verein mit mehr als 600 Mitgliedern. Vinissima bietet seit 1991 ein Netzwerk für Frauen, die in der Weinbranche arbeiten – ob als Gastronomin, Journalistin oder eben Winzerin wie Closheim. Sie ist eine der Regionalsprecherinnnen. Aus diesem Netzwerk kennt sie auch Yvonne Finkenauer, Winzerin aus Rheinhessen.

In Pink zur Fachmesse

In pinken Pumps ging Yvonne Finkenauer 2018 über die „ProWein“, die internationale Fachmesse für Wein in Düsseldorf. Der Farbklecks fiel auf – Kunden wie Konkurrenten. Seither ist Pink aus dem Bubenheimer Weingut in Rheinhessen nicht mehr wegzudenken. „Eigentlich war es nie mein Wunsch, in den Betrieb einzusteigen“, sagt Finkenauer. Sie war glücklich als Auktionsassistentin für Autoversteigerungen. Ihr Bruder Ulf sollte das Weingut weiterführen, das ihr Vater Wilfried aufgebaut hatte. Doch 2008 starb Ulf bei einem Verkehrsunfall. Und Yvonne Finkenauer, damals keine 30 Jahre alt und hochschwanger, zögerte nicht: „Ich mache das. Es war klar, dass das mein Weg ist.“

70.000 Rebstöcke auf 15 Hektar. Es gab Zeiten, in denen Finkenauer zweifelte: „Ich schaffe das nicht. Was mache ich hier eigentlich?“ Ein Winzerkollege sagte daraufhin zu ihr: „Noch nicht einmal dein Vater kann das ohne Hilfe – und der macht das seit 40 Jahren.“ Ein entscheidender Satz. Endlich begriff sie: Sie musste die Arbeit nicht allein bewältigen, sie konnte sich auf andere Menschen stützen, im Büro, im Keller, bei den Reben. Drei festangestellte Kräfte arbeiten jetzt für Finkenauer.

Ihr Vater zieht sich derweil langsam aus dem Weinbau zurück. Schritt für Schritt haben sie die Übergabe eingeleitet: Erst gehörten ihr 15, dann 30 und schließlich 70 Prozent. Seit 2018 ist sie alleinige Geschäftsführerin. Leicht ist dem Vater der Abschied nicht gefallen. „Papa, ich bin dein Kind, aber dein erwachsenes Kind“, hat Finkenauer zu ihm gesagt. So haben sie ein Verhältnis auf Augenhöhe entwickelt. „Er hat uns wirklich machen lassen“, erzählt Finkenauer vom vergangenen Jahr. „Er hat nur gefragt, ob er mal im Keller probieren darf.“

Das Familienunternehmen dehnt sich aus. Inzwischen geht es nicht mehr nur darum, den Betrieb in zweiter Generation fortzuführen; es geht auch darum, aus zwei Betrieben einen zu machen. Denn ins Leben der dreifachen Mutter ist ein neuer Mann getreten, der ebenfalls ein Weingut hat. Die Familien – und damit die Betriebe – wachsen schon jetzt zusammen: „Er ist im Grunde mit seinem Weingut zu uns gezogen.“ In Konkurrenz zueinander treten ihre Weine nicht. Er mag es schnörkellos, sie verspielt. Die Bewährungsprobe für ihre Beziehung war Corona. Mit nur drei Stunden Schlaf und aufgrund der Quarantäne ohne Mitarbeiter mussten sie ihre Lagen Honigberg, Kallenberg und Schwabenheimer Schlossberg bewirtschaften. An diesen Pandemieherbst denkt Finkenauer mit Dankbarkeit zurück. Die Schwiegereltern, die Kinder, die Freunde – jeder hat mit angepackt. Keiner musste gebeten werden: „Alle haben geholfen, ohne dass wir gefragt haben.“

Erste Ausbildung abgebrochen

Weinbau statt Whiskey und Wodka: Anette Closheim kehrte ihrem Arbeitgeber und Spirituosenhersteller den Rücken, um das Weingut der Familie in vierter Generation zu führen.

Foto: Weingut Closheim

Jeder darf, keiner muss. Das war die Devise, mit der Theresa Breuer großgeworden ist. „Ich habe mich immer schon im Weinberg zu Hause gefühlt“, sagt sie. So hat sie mit elf, zwölf Jahren auf dem Weingut im Rheingau geholfen, um ihr Taschengeld aufzubessern. In den Herbstferien von morgens halb acht bis abends halb fünf. „Arbeit gab es immer.“ Gedrängt gefühlt hat sie sich trotzdem weder vom Vater, der das Weingut voranbrachte, noch von der Mutter, die sich ums Hotel kümmerte.

Die Eltern selbst hatten die Verpflichtung gespürt, die Familientraditionen weiterzuführen. Ihren beiden Töchtern wollten sie da mehr Freiheiten lassen. So ließ sich Marcia, die Ältere, zur Balletttänzerin ausbilden, während Theresa, die Jüngere, mit Architektur liebäugelte. Nach dem Abi war sie unentschlossen: „Ich wusste nicht so wirklich, wohin mit mir.“ Breuer begann eine kaufmännische Lehre in den Kurbetrieben in Wiesbaden. Nach
neun Monaten reichte sie die Kündigung ein. Zurück zum Weinbau? Der Weg dahin war Breuer allerdings noch unklar: erst ein Praktikum absolvieren, eine Ausbildung machen, für ein Studium in eine große Stadt umziehen? „Dann war es aber nicht mehr meine Entscheidung, sondern ein Lebensschicksal.“ Am 20. Mai 2004 starb Breuers Vater Bernhard überraschend mit Ende 50. „Es könnte kaum größere Fußstapfen geben, als die, die es jetzt zu füllen gilt“, notierten Marcia und Theresa Breuer damals im Internettagebuch des Weinguts. Und trotzdem trat Theresa Breuer das Erbe im Weinbau ohne Zögern an. In Geisenheim meldete sie sich zum Bachelorstudium an. Unterstützt von ihrem Onkel Heinrich und den langjährigen Mitarbeitern stürzte sie sich kompromisslos in die Doppelaufgabe. Nach nur fünf Semestern hatte sie ihren Abschluss erfolgreich in der Tasche.

Mit Mitte 30 verantwortet sie als alleinige Geschäftsführerin 40 Hektar, darunter Spitzenlagen wie Rauenthaler Nonnenberg, Lorcher Pfaffenwies und Rüdesheimer Berg Roseneck – Rieslinge, die das Weingut weltweit in 25 Länder verkauft. Sogar auf die Malediven. Dabei kann sie sich auf 16 Festangestellte verlassen: „Gerade Wein wächst durch viele Hände.“ Ihrer Schwester gehört das Weingut zur Hälfte, doch eine aktive Rolle hat Marcia nicht: Sie wohnt in Hamburg, wo sie als Fotografin tätig ist. Theresa Breuer hatte keine Gelegenheit, als Erwachsene mit ihrem Vater zusammenzuarbeiten. Aber sie weiß: „Wir verfolgen ein ähnliches Ziel, haben eine ähnliche Idee.“ Das Gefühl, sich abgrenzen zu müssen, hat sie nicht.

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