Wie der Wiener Juwelier A.E. Köchert Nachfolge gestaltet

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Viele Familienunternehmen geben sich selbst einen Mythos: eine Art konstituierende Geschichte über die Gründung oder eine bestimmte Station in ihrer Entwicklung, die über Generationen weitergetragen und damit zum Bezugsrahmen wird, gegenüber der Öffentlichkeit und auch innerhalb der Familie. Wohl kaum eine dieser Geschichten ist so schillernd wie die folgende: Kurz nach ihrer Hochzeit schenkte Kaiser Franz Joseph von Österreich seiner jungen Frau, vormals Herzogin Elisabeth in Bayern, kurz „Sisi“, mehrere diamantenbesetzte Sterne. Die junge Kaiserin konnte sie wahlweise als Collier, Diadem, Anhänger, Broschen und Haarschmuck tragen. Letztere Verwendung ist legendär geworden: Auf dem millionenfach reproduzierten ikonischen Porträt der Kaiserin von Franz Xaver Winterhalter aus dem Jahr 1865 hat der Künstler auch neun der Schmuckstücke verewigt.

Strahlender Bezugspunkt: die Neuauflage der Diamantsterne, die A.E. Köchert einst für Kaiserin Sisi fertigte. / Foto: A.E. Köchert

Auftragnehmer für die Herstellung der insgesamt 27 Sterne war Alexander Emanuel Köchert. Köchert war Goldschmied in zweiter Generation: Sein Vater Jakob Heinrich Köchert stieg 1819 beim Wiener Goldschmied Emanuel Pioté als Lehrling ein. Später heiratete er Piotés Schwägerin und wurde dessen Geschäftspartner. Die Zeiten waren günstig: Nach dem Wiener Kongress war Fürst Metternich darauf bedacht, Spitzenhandwerker in der Kaiserstadt Wien anzusiedeln, um die Ausgaben für Luxusprodukte im eigenen Land zu halten, statt sie nach Paris oder St. Petersburg verschwinden zu sehen.

Davon profitierten auch Pioté und Köchert. In den Folgejahren ergatterten beide die Titel „k.u.k. Hof- und Kammerjuwelier und Goldschmied“. 1844 trat Köcherts Sohn Alexander Emmanuel, nach dem die heutige A.E. Köchert Juweliere GmbH bekannt ist, ins Unternehmen ein. 1854, im Jahr der Hochzeit von Sisi und Franz Josef, übernahm der Junior den Betrieb, ein Jahr später ging der Auftrag für die Sisi-Sterne ein. Je nach Erzählung stehen sie wahlweise für die Sterne der Königin der Nacht, die die Kaiserin in Mozarts „Zauberflöte“ gesehen hatte – oder, noch romantischer, als Symbol für das erste Edelweiß der Saison, das der Kaiser seiner Frau von seinen Jagdausflügen mitgebracht hatte.

Firma Köchert: Ein Marketing-Traum

Anders als das österreichische Kaisertum gibt es das Familienunternehmen Köchert heute immer noch. Die A.E. Köchert Juweliere GmbH ist ein Betrieb mit rund 20 Mitarbeitern und wird in sechster Generation von Wolfgang (59), Christoph (59) und Florian Köchert (46) geführt. Die Geschichte der Sisi-Sterne ist das Erste, was die drei im Gespräch über die Historie des Familienunternehmens erzählen – von der glanzvollen Nähe zu Königen und Kaisern lebt das Unternehmen bis heute. „Der Titel Kammerjuwelier war schon immer ein unglaubliches Marketinginstrument“, sagt Christoph Köchert. Seit Anfang der 1990er Jahre haben Köcherts zusätzlich zu ihrem bestehenden Sortiment die Sisi-Sterne in Variationen neu aufgelegt, als Anhänger, Brosche, Diadem, mit mehr oder weniger Steinen und für verschiedene Budgets. Das kaiserliche Erbe ist schon fast eine „Übergeschichte“, ein historisch verbriefter Marketing-Traum mit nahezu unendlichem Potential. Doch hilft sie auch dabei, die nächste Generation zu begeistern?

Trio: die Brüder Christoph und Florian Köchert mit Großcousin Wolfgang (v.r.). / Foto: A.E. Köchert

Zwei der drei heutigen Geschäftsführer von Köchert, Christoph und Florian, sind Brüder, Wolfgang ist ihr Großcousin. Diese Dreierkonstellation ist eine vergleichsweise junge Entwicklung. Seit Theodor Köchert, der Urgroßvater der heutigen Geschäftsführer, das Geschäft unter seinen beiden Söhnen Erich und Wilfried aufteilte, gibt es bei Köchert zwei Familienstämme und eine operative Doppelspitze aus je einem Vertreter jedes Stammes. So sah es zunächst auch in der sechsten Generation aus: 1991 übernahmen Wolfgang und Christoph Köchert gemeinsam und mit gerade Mitte 20 die Geschäftsführung des Traditionsbetriebs, nachdem ihre Väter früh verstorben waren. In beiden Fällen war die Nachfolge vorgezeichnet: Die Großcousins absolvierten nach der Schule beziehungsweise dem Studium eine Ausbildung als Goldschmiede, auf die Gesellenprüfung bereiteten sie sich im Familienbetrieb vor.

Die Governance wächst mit

Rund zehn Jahre nach dem Wechsel von der fünften auf die sechste Generation kündigte sich eine erste Erweiterung der bisher meist praktizierten Doppelspitze an: Florian Köchert ist 13 Jahre jünger als sein Bruder Christoph. Wie alle Kinder der Familie ist er mit dem Wissen um das historische Erbe der Firma aufgewachsen und erinnert sich zum Beispiel auch daran, wie er als Kind aus Kerzenwachs und Alufolie eigene Ringe formte. Dennoch sah er sich lange nicht in einer aktiven Rolle bei Köchert. Nach dem Tod seines Vaters Dieter wechselte Florian mit 14 Jahren auf ein britisches Internat, wo er unter anderem Kunstgeschichte belegte, anschließend studierte er Kunstmanagement. Seine Zukunft stellte er sich im Kunsthandel vor. Bei einem Praktikum beim Auktionshaus Christie’s in London arbeitete er an der Aufbereitung von Schmuckstücken mit, die kurz zuvor aus einem 1890 vor Southampton gesunkenen Schiff geborgen wurden. „Da hatte ich den Gedanken: Vielleicht könnte das Familienunternehmen doch etwas für mich sein“, sagt Florian Köchert.

Governance-seitig war die Lage zu diesem Zeitpunkt wie folgt: Kurz vor dem Tod von Dieter Köchert und dem Antritt der sechsten Generation gab es die bis dato letzte Änderung im Gesellschaftervertrag. Seitdem ist die Geschäftsführung im Unternehmen an Anteile gebunden, wobei grundsätzlich aus jedem Stamm zwei Personen in der Führung mitarbeiten dürfen, dann jeweils mit einem Anteil von 25 Prozent. Auch eine Unternehmens- und Eigentumsnachfolge durch Töchter ist seitdem ausdrücklich erlaubt. Ein Verkauf der Anteile ist grundsätzlich möglich, wobei die anderen Gesellschafter ein unmittelbares Vorkaufsrecht haben.

Info

Die A.E. Köchert Juweliere GmbH ist seit 2014 Mitglied der „Association Les Hénokiens“ , einer Organisation für Familienunternehmen, die seit mindestens 200 Jahren im Mehrheitsbesitz der Gründerfamilie sind und von einem Familienmitglied geführt werden. Die Vereinigung wurde 1981 von dem Franzosen Gérard Glotin, dem damaligen Generaldirektor des französischen Spirituosenherstellers Marie Brizard, gegründet. Benannt wurde sie nach Henoch, dem Vater des Methusalem, der nach Darstellung in der Bibel 365 Jahre alt wurde.

Heute hat die Vereinigung 56 Mitglieder: 15 aus Frankreich, 14 aus Italien, 10 aus Japan, 5 aus der Schweiz, 4 aus Deutschland, jeweils 2 aus den Niederlanden, Belgien und Österreich sowie jeweils 1 aus England und Portugal. Die deutschen Mitglieder sind The Coatinc Company, Schwarze und Schlichte, die Möllergroup und J.D. Neuhaus. Das älteste Mitglied ist das japanische Gasthaus Hōshi Ryokan.

Diese Erweiterung des bisher starren Ein-­Vertreter-pro-Stamm-Prinzips der Erstgeborenen untermauerte Dieter ­Köchert noch durch eine testamentarische Entscheidung: Er vermachte auch seinem jüngeren Sohn Florian bei seinem Tod 25 Prozent. Das begünstigte später dessen Wunsch, ebenfalls operativ mitzuarbeiten. 2001 trat Florian Köchert als Trainee ins Familienunternehmen ein. Nach vier Jahren relevanter Berufserfahrung – auch das ist eine der neuen Forderungen im Gesellschaftervertrag, wobei die Erfahrung auch in einem anderen Unternehmen erworben werden kann – eröffnete er 2005 in Salzburg eine zweite Köchert-Filiale, die er bis heute verantwortet. Das ist in mehrerlei Hinsicht praktisch: Mit dem neuen Standort wächst das Geschäft des kleinen Betriebs analog zur personellen Verbreiterung. Zugleich hat Florian Köchert sein eigenes Einsatzgebiet, ohne dass das Stammhaus in Wien völlig umgekrempelt werden muss.

Der nächste Schritt

Mit der Erweiterung nach Salzburg scheint eine sinnvolle neue Unternehmens- und Führungsstruktur gefunden, zumindest vorläufig. Denn das Generationenproblem stellt sich immer wieder neu, und auch der Übergang in die siebte Generation ist noch lange nicht in trockenen Tüchern. Hier kommen verschiedene Fakten zusammen: Wie schon bei Florian Köchert ist bei den Kindern der folgenden Generation der Weg ins Unternehmen nicht mehr vorgezeichnet. Wolfgang Köchert hat drei Kinder im Alter zwischen 38 und 30 Jahren, Christoph Köcherts vier Kinder sind zwischen 23 und 15. Langsam verschieben sich die Generationen: Die beiden Kinder von Florian Köchert sind 4 und 1 Jahr alt.

Zwar ist es übliche Praxis, dass alle Familienmitglieder etwa im Oberstufenalter ein zweiwöchiges Praktikum im Betrieb machen; ein Teil der erwachsenen Kinder hat sogar schulbegleitend das Goldschmiedehandwerk gelernt. Doch danach führen die Karrierewege in ganz verschiedene Richtungen. „Es ist nicht mehr so leicht wie früher, es gibt so wahnsinnig viele Möglichkeiten“, sagt Wolfgang Köchert. Christoph Köchert sagt über seine Kinder: „Nachdem ich sehr früh im Juweliergeschäft war, habe ich meine Kinder ermutigt, sich die Welt anzusehen und herauszufinden, was sie interessiert.“

Dass der Weg ins Familienunternehmen von dort aus weit – vielleicht zu weit – sein kann, erleben Köcherts gerade jetzt. Der älteste Vertreter der siebten Generation ist Wolfgang Köcherts Sohn Emanuel (38). Er lebt mit Frau und Kindern in Berlin und arbeitet bei einem Technologie-Start-up für KI-basiertes Social-Media-Marketing. Sein Vater würde ihn gern im Familienunternehmen sehen, die Gespräche laufen. Gerade war der Sohn für einige Tage in Wien, um einen Einblick in die Arbeit der Firma zu bekommen. „Wenn er in den Betrieb kommen soll, müssen wir ihm eine gute, vernünftige Aufgabe geben können, die ihm entspricht“, sagt Vater Wolfgang.

Vom Geschäft her gedacht ist die Kernfrage: Was kann Emanuel mit seiner Qualifikation zum Geschäft beitragen, welche „Erweiterung“ könnte mit seinem Einstieg verbunden werden? Köcherts sehen Potential für eine moderate Expansion. Neueröffnungen von Filialen im Ausland durch Familienmitglieder, analog zu der unter Florian Köchert in Salzburg, können sich die Vertreter der sechsten Generation gut vorstellen. Weniger konkret sind die Ideen zu digitalen Geschäftsmodellen – wobei das etwas wäre, wo die siebte Generation Impulse einbringen kann, vorausgesetzt, sie bekommt den Freiraum dazu. Ob sich Emanuel Köchert und seine Familie für einen Umzug nach Österreich entscheiden, bleibt abzuwarten, ebenso wie die Frage nach einer möglichen neuen Führungsstruktur. Grundsätzlich hätten sie sich eine Altersgrenze gegeben, sagen Wolfgang und Christoph Köchert. Wo diese allerdings liegt, verraten sie nicht.

Immerhin wird das Thema Nachfolgergewinnung in der Familie inzwischen sogar wissenschaftlich bearbeitet: Konstantin, der älteste Sohn von Christoph Köchert, schreibt gerade seine Bachelorarbeit über die Diversifikation von Familienunternehmen und die Heranführung der jungen Generation über eigene Projekte. Und auch auf Governance-Ebene wollen Köcherts sich für verschiedene Modelle öffnen. „Es ist unser Wunsch, den Pool der Köpfe zu erweitern“, sagt Wolfgang Köchert. „Wir wollen offen sein für alle ambitionierten leiblichen Kinder, also die Tätigkeit nicht mehr an Gesellschafteranteile binden.“ Seit einigen Monaten arbeitet die Familien gemeinsam mit einem Berater daran, dafür ein einheitliches System aufzusetzen.

Die Entdeckung der Familie Köchert

Für alle diese Pläne braucht man aber vor allem eins: das ernstgemeinte Interesse der nächsten Generation. Dass allein die ruhmreiche k.u.k.-Geschichte der Firma dafür nicht reicht, zeigen die Wege der siebten Generation.. Nun zeichnet sich eine neue Strategie ab: Köcherts wollen sich als Familie wieder erlebbar machen. Denn anders als man vermuten könnte, waren die verschiedenen Teile der Familie in der Vergangenheit viel mehr auf das Unternehmen eingeschworen als auf die (Groß-)Familie.

Schon die Großcousins Wolfgang und Christoph Köchert hatten als Kinder nur wenig Kontakt zueinander, obwohl sie gleich alt sind. Sie sind in verschiedenen Teilen des Landes aufgewachsen, Wolfgang in Altmünster am Traunsee, Christoph in Wien. Eines der wenigen verbindenden Elemente, an das sich beide erinnern, waren sommerliche Segelausflüge auf dem Traunsee, wo Wolfgangs Stamm der Familie ein Anwesen besitzt, und zu denen sein Vater zuweilen auch Großcousin Christoph einlud. Bei Florian Köchert war der Wechsel an ein britisches Gymnasium noch ein Novum in der Familie. Heute gehört die fortschreitende – auch geografische – Diversifizierung der Lebensläufe zum Standard in Unternehmerfamilien, was Anknüpfungspunkte für die Familie erschwert.

Auf Anraten eines externen Beraters hat die Familie 2022 erstmals sogenannte Family-Days ausgerichtet, bei denen sich alle Familienmitglieder der Geschäftsführer getroffen haben. Die Firma ist dort kein Thema. „Wir haben den Fokus darauf gelegt, dass die Kinder sich besser kennenlernen, um eine Basis für zukünftigen Zusammenhalt zu schaffen“, sagt Christoph Köchert. Auch die Verschiebung zwischen den Generationen wurde bei dem Treffen deutlich sichtbar. Florian Köchert berichtet von einer Situation, in der die Berliner Enkeltochter seines Großcousins erstmals mit seiner eigenen Tochter gespielt habe, beide Mädchen waren zu dem Zeitpunkt zwei Jahre alt. „Das war ein Schlüsselmoment“, sagt Florian Köchert. Er ist überzeugt, dass die Verschiebung der Generationen eine Chance sein kann, vorausgesetzt, sie wird gut organisiert. Für dieses Jahr sucht die Familie noch nach einem Termin. Gar nicht so einfach, bei so vielen Menschen, Standorten, Altersgruppen und Lebensentwürfen. Doch Köcherts halten an dem Plan fest, die Familie für alle wieder stärker erlebbar zu machen. Und wer weiß: Vielleicht entwickelt der gute Draht zur eigenen Großnichte oder -tante eines Tages mehr Zugkraft ins Familienunternehmen als eine frühere Kaiserin.

Hat Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in Mainz und Paris studiert. Kam über die Kulturberichterstattung zur Tageszeitung. Seit 2007 Redakteurin in der F.A.Z.-Gruppe, seit 2015 fester Teil der wir-Redaktion, wo sie die Produktion des Magazins, das Programm der „wir-Tage“ und den Podcast verantwortet.