Das Nachhaltigkeitsmanagement von Miele ist komplex. Wie man diese Komplexität in den Griff bekommt und dafür sorgt, dass 16.700 Mitarbeiter nachhaltig denken und handeln – darüber sprach „wir“ mit Reinhard Zinkann, geschäftsführender Gesellschafter der Miele & Cie. KG.

Herr Dr. Reinhard Zinkann, mit dem Nachhaltigkeitsbericht nach den GRI-Richtlinien hat Miele einen hohen Grad an Professionalisierung in der Datenerhebung erreicht. Wie ist das gelungen?

Wir haben sehr viele Abteilungen und Bereiche eingebunden und Themenverantwortliche benannt, die ihrerseits in den Werken Ansprechpartner haben. So gewinnen wir die notwendigen Informationen. Ohne derartige Strukturen könnten wir die Daten in der Breite und Tiefe gar nicht erheben. Je länger man sozusagen dran ist, desto besser spielt sich alles ein. Man kann sagen: Wir sind an den Aufgaben gewachsen und haben viel gelernt.

Wie sieht die Miele-Lernkurve aus?

Ein sehr großer Schritt war 2008 der erste Bericht, den wir nach GRI erstellt haben. Das war ein gewaltiger Kraftakt. Viele Dinge waren dort aber noch nicht umfassend genug beschrieben. Wir haben gelernt, wo wir Zahlenmaterial anders darstellen müssen, wo wir stärker unterfüttern und welche Bereiche wir zusätzlich einbinden müssen.

Wie ressourcenintensiv ist es, nach GRI zu berichten?

Die Erstellung des Nachhaltigkeitsberichts erfordert striktes Projektmanagement und ein „Dranbleiben“. Unsere Unternehmenskommunikation und das Umweltreferat beschäftigen sich kontinuierlich mit dem Daten- und Informationsmanagement. Auf unseren Bericht sind unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übrigens, wie auch ich selbst, sehr stolz. Immer mehr machen begeistert mit. Und das steckt an.

Wie schafft Miele es, dass so viele Mitarbeiter beim Thema Nachhaltigkeit so engagiert mitziehen?

Das war tatsächlich nicht so ganz einfach zu erreichen. Das Thema hat ja – von sehr wenigen Ausnahmen abgesehen – im Unternehmen sonst niemand zum Hauptberuf. Ob Arbeitskreise oder Datenerfassung – das kommt sozusagen „on top“ und muss in den Arbeitsalltag integriert werden.

Dass dies gelungen ist, verdanken wir zum einen einem kleinen Team, das sich mit sehr viel Steh – vermögen und Leidenschaft den relevanten Themen schon immer gewidmet hat. Zum anderen verdanken wir es unserer traditionell nachhaltigen Unternehmenskultur und schließlich und endlich dem Engagement vieler Kolleginnen und Kollegen.

Was meinen Sie mit nachhaltiger Unternehmenskultur?

Nachhaltigkeit ist tief in unserem genetischen Code verankert. Das mag merkwürdig klingen. Aber: Das wichtigste Ziel für Familienunternehmen – und damit meine ich nicht nur Miele – ist es, das Unternehmen in die nächste Generation zu übertragen. Auch als Vater denke ich langfristig. Unsere Gründer haben auf jedes Produkt geschrieben: „Immer besser“. Denn sie wussten, dass Miele nur wachsen und gedeihen konnte, wenn jedes neue Produkt immer besser sein würde als das vorherige. Schon damals verfolgte man das ehrgeizige Ziel, Geräte herzustellen, die 20 Jahre lang halten. Das gilt noch heute. Es kommt sogar vor, dass wir Kunden enttäuschen müssen, weil wir für ihr 30 Jahre altes Gerät keine Ersatzteile liefern können.

Der Anspruch „Immer besser“ führt automatisch zu mehr Nachhaltigkeit?

Dazu möchte ich Ihnen einige Beispiele nennen: Unsere Waschmaschinen sollen besonders stabil stehen, lange halten und zu über 90 Prozent recyclingfähig sein. Daher rüsten wir sie mit einem gusseisernen Trommelkreuz und ebensolchen Ausgleichs – gewichten aus. Diese stammen aus unserer eigenen Gießerei, wo Effizienz der hohen Energiekosten wegen per se schon immer ein wichtiges Thema war.

Deshalb haben wir diese getreu dem Motto „Immer besser“ Mitte der neunziger Jahre auf besonders energieeffiziente Elektroschmelzöfen umgerüstet. Oder: Schon 1951 haben wir das betriebliche Vorschlagswesen eingerichtet und 1970 den produktbezogenen Umweltschutz eingeführt. Nachhaltigkeit war schon immer eng mit unserem Unternehmenserfolg verknüpft.

Wie beziehen Sie die Auslandsgesellschaften in die Nachhaltigkeitsstrategie ein?

Wir sind in 47 Ländern mit eigenen Vertriebsgesellschaften präsent und in 50 weiteren Ländern über Importeure vertreten. Die Länder sind total verschieden. Nachhaltigkeit ist in Europa ein Thema, zunehmend auch an der Westküste in den USA, in den asiatischen Ländern und in Australien. Aber wir können unsere Kunden und Märkte im Ausland mit einem Thema wie dem Energieverbrauch allein nicht begeistern, denn unsere wichtigsten Wettbewerber haben sich dieses Thema ebenfalls auf ihre Fahnen geschrieben.

Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Unser Differenzierungsmerkmal gegenüber Wettbewerbern lautet: Wir sind anders, weil wir als Familienunternehmen langfristig und nachhaltig denken und für langlebige Produkte stehen. Viele Auslandskollegen wünschen mehr Input zu unserer Geschichte und unseren Werten. Das scheint in vielen Märkten ein stärkerer „Verkaufsschlager“ zu sein als zum Beispiel der Stromverbrauch unserer Geräte. Auch in osteuropäischen Ländern, denen ihre Geschichte regelrecht gestohlen wurde, spielen Tradition, Herkunft und Kontinuität eine wichtige Rolle.

Info

Miele wollte es wissen. Vor über elf Jahren entschied die Geschäftsführung, den ersten Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Der jüngst veröffentlichte Bericht wurde wie seine beiden Vorgänger nach den GRI-Richtlinien erarbeitet. GRI steht für Global Reporting Initiative – eine Organisation, die zahlreiche Indikatoren festlegt, über die ein Unternehmen zu berichten hat, das sich zu nachhaltigem Wirtschaften verpflichtet. Die Kriterien umfassen ökologische, ökonomische und soziale Leistungen des Unternehmens.

Seit Miele nach GRI berichtet, werden Hunderte einzelner Daten erhoben. Zum Beispiel Daten zur CO2-Bilanz des Unternehmens, zu Strom- und Wasserverbräuchen der Produkte, aber auch Angaben über Weiterbildungsmaßnahmen, zum Anteil der Leiharbeiter oder der Voll- und Teilzeitkräfte. Konkrete, messbare Ziele, zum Beispiel für Produkte und Fertigungsprozesse, zu Lieferketten, das Nachwuchsmanagement oder für Vielfalt und Chancengleichheit, sind definiert, Maßnahmen niedergeschrieben und Zieltermine festgehalten.

GRI attestiert Miele für den Bericht 2013 das höchste Anwendungslevel A, also den höchsten Grad an Information. Das Institut für ökologische Wirtschaftsforschung (IÖW) und future e.V. prämieren regelmäßig Nachhaltigkeitsberichte: Miele landete als höchstplatziertes Familienunternehmen und bestes Unternehmen der Branche auf Rang sieben.

Der Anstoß, systematisch und umfassend die Nachhaltigkeit bei Miele zu steuern, kam aus dem Technikbereich. Die beiden Geschäftsführer Dr. Markus Miele und Dr. Eduard Sailer beschäftigen sich seit jeher mit Energieeffizienz und Ressourcenschonung in den Entwicklungs- und Fertigungsprozessen. Doch die beiden wollten mehr.

Denn Nachhaltigkeit beschränkt sich schon längst nicht mehr nur auf Umweltthemen, für die Miele in den neunziger Jahren einen Umweltlenkungsbeirat installiert hatte, sondern reicht hinein in Themen wie Produktqualität, Sozialstandards in den Lieferketten, Nachwuchsförderung, Mitarbeiterführung oder Arbeitssicherheit.

Im Jahr 2011 fiel der Startschuss für einen umfassenden Strategieprozess. Dazu gehörte auch eine sogenannte Materialitätsanalyse, um die nachhaltigkeitsrelevanten Themen zu bestimmen. Dazu tagten Arbeitskreise und fanden Workshops statt. Detailliert wurden interne und externe sogenannte Stakeholder befragt.

Ergebnis dieses Prozesses ist das „Strategiehaus“, das von fünf Säulen, den Handlungsfeldern, getragen wird: Produkte, Lieferkette, Prozesse, Mitarbeiter und Gesellschaft.

Für alle gibt es eine Fülle von Aufgaben und Zielvorgaben. Ganz oben auf der Relevanzskala stehen die Handlungsfelder verbrauchsoptimierte Produkte, Sicherung von Nachwuchs und Qualifikation, Energieeffizienz in Produktion und Infrastruktur sowie CO2-Reduktion.

Im Nachhaltigkeitsbeirat ist Reinhard Zinkann nicht im Vorsitz. Hier steuern Markus Miele und Eduard Sailer steuert die Umsetzung der Strategie als Vorsitzende.

Der Beirat tagt sechs- bis achtmal im Jahr. Mitarbeiter aus den Werkleitungen und den Bereichen Umweltschutz, Energiemanagement, Qualitätsmanagement, Zentraleinkauf, Konstruktion, Arbeitssicherheit und Kommunikation kommen hier zusammen.

In der Öffentlichkeit geraten regelmäßig die Lieferketten international agierender Unternehmen unter Beschuss. Ist deshalb auch bei Miele die Lieferkette ein Handlungsfeld Ihrer Nachhaltigkeitsstrategie?

Es würde nicht zu unserer Philosophie des „Immer besser“ passen, wenn wir unter so problematischen Bedingungen fertigen lassen würden, wie das etwa in der Textilindustrie nicht ungewöhnlich zu sein scheint. Auf diesem Feld hohe Standards zu definieren und diese auch durchzusetzen zählt auch zu den Anforderungen einer glaubwürdigen Nachhaltigkeitsberichterstattung. Wir suchen keine möglichst billigen Lieferanten, sondern solche, deren Produkte unsere Lebensdauertests aushalten und die in der Lage sind, relativ kleine Stückzahlen in vielen Varianten zu liefern. Dies ist oft nicht ganz einfach. Daher haben wir ohnehin eine hohe Fertigungstiefe, die je nach Produkt bis zu 50 Prozent beträgt.

Was kommt in den nächsten 10 bis 15 Jahren in puncto Nachhaltigkeit auf Miele zu?

Klar ist, dass Wasser und Strom beim Waschen auch künftig eine zentrale Rolle spielen werden. Klar ist auch, dass die physikalische Grenze der Energieeinsparung noch nicht erreicht ist, wenngleich die Schritte mühsamer und kleiner werden. Außerdem steigt die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen, etwa mit Blick auf Anschaffungspreis, Leistung und Bedienkomfort. Deshalb arbeiten unsere Ingenieure mit Hochdruck daran, jenseits der ausgetretenen Pfade und heute gängigen Technologien zu neuen, intelligenten Lösungen zu kommen.

Info

Der Hausgerätehersteller Miele & Cie. KG mit Sitz in Gütersloh wurde im Jahr 1899 von Carl Miele und Reinhard Zinkann gegründet. Das Unternehmen stellte zunächst Milchzentrifugen und Buttermaschinen her. Bereits ein Jahr nach Gründung wurde von Carl Miele und Reinhard Zinkann die erste Waschmaschine entwickelt. Im Jahr 1927 kamen Staubsauger hinzu, zwei Jahre später wurde die erste Geschirrspülmaschine hergestellt. Sogar Fahrräder, Motorräder und Autos produzierte Miele, beschloss aber bald, sich auf das zu konzentrieren, was man am besten kann: elektrische Haushaltsgeräte. Heute erwirtschaften über 16.700 Mitarbeiter, davon gut 10.000 in Deutschland, einen Umsatz von über 3 Milliarden Euro. Miele ist in 47 Ländern mit eigenen Vertriebsgesellschaften vertreten, in weiteren 50 Ländern werden die Produkte über Importeure vertrieben. Mit Dr. Markus Miele und Dr. Reinhard Zinkann sitzen zwei Vertreter der vierten Generation in der gleichberechtigten fünfköpfigen Geschäftsleitung. Die Familie Miele um Markus Miele hält 51 Prozent der Unternehmensanteile, die Familie Zinkann um Reinhard Zinkmann 49 Prozent. Der Gesellschafterkreis umfasst etwa 70 Personen.

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