Knapp 60 Jahre gibt es den Firmensitz der Kartonagen- und Hülsenfabrik Erich Müller bereits. Immer wieder wurde seit 1967 im kleinen Wörth an der Donau, mit gut 4.000 Einwohnern östlich von Regensburg gelegen, an der Ostenstraße angebaut, verschoben und improvisiert. Ein echtes Konzept für den Unternehmenssitz und dessen Ausbau gab es nie, sagt Dietrich Müller, der gemeinsam mit seinem Bruder Erich das Unternehmen in vierter Generation führt.
Schon am Unternehmensnamen erkennt man: Familie Müller steht mit ihren Produkten für eine Nische. 1897 als Buchbinderei gestartet, produziert die Kartonagen- und Hülsenfabrik Erich Müller GmbH & Co. KG heute Wickelbretter und Hartpapierhülsen sowie deren Verpackungen. „Es geht nicht darum, tonnenweise zu produzieren“, sagt Nachfolger und Prokurist Simon Müller, „sondern um Qualität in Spezialgebieten.“ Damit kommt das Familienunternehmen mit dem aktuellen Firmensitz auf rund 15 Millionen Euro Umsatz und 130 Mitarbeitende.

Wie überall haben sich auch in dieser Nische die Anforderungen und Prozesse über Jahre und Generationen verändert. Um auf diese Veränderungen zu reagieren und das Unternehmen zukunftsfähig aufzustellen, hat die Unternehmerfamilie entschieden, den Firmenstandort zu verlegen. Und ein weiterer Grund spielte in die Entscheidung hinein: Simon Müller hatte sein Interesse an der Weiterführung der Firma bekundet. Ohne einen Nachfolger aus der Familie wäre es nicht zur Planung des neuen Firmensitzes gekommen, sagt Vater Erich Müller.
Erich und sein Bruder Dietrich verbinden den Standort ihres Unternehmens mit dem Örtchen Wörth. Aber von dort muss sich die Firma nun verabschieden, wenn die neue Betriebsstätte den neuesten technologischen und ökologischen Standards entsprechen soll. Denn in Wörth fehlt schlicht der Platz, da das Nachbargelände nicht genutzt werden kann. So wollen die Müllers ihre regionale Verbundenheit nach Kirchroth umsiedeln, die Nachbargemeinde von Wörth, zehn Minuten mit dem Auto entfernt.
Kartonagen- und Hülsenfabrik Erich Müller: Auf gleicher Höhe mit dem Planer
Für die Planung und Umsetzung des Umzugs und Neubaus hat sich die Unternehmerfamilie Müller mit der Koch-Gruppe zusammengetan. Diese wird von Axel Koch als Geschäftsführendem Gesellschafter geführt. Seine Söhne Johannes und Florian sind ebenfalls im Unternehmen tätig.

Dieser Umstand half Familie Müller bei der Entscheidung. „Mit Herrn Koch können wir auf Augenhöhe sprechen“, erklärt Simon Müller die Wahl. „Wir haben keine Rechtsabteilung und wollten für den Bau keine komplizierten Verträge aufsetzen. Da fiel es uns leicht, von Familienunternehmer zu Familienunternehmer zu sprechen. Ein Handschlag und eine Abmachung unter uns Unternehmern sind viel wert.“
Axel Koch beschreibt sich in seiner Rolle nicht als Generalplaner, sondern sieht sich eher als Gestalter. Denn er und sein Team wollen weitaus mehr sein als nur Projektmanager und Planer für den Bau neuer Betriebsstätten. Bei vielen seiner Kunden stehe die Produktion im Mittelpunkt des Geschäftsmodells, sagt Koch. Hier ergeben sich die Fragen: Tut es der alte Firmensitz noch, wenn er auf den neuesten Stand gebracht werden soll? Oder muss man auf der grünen Wiese neu planen? Und kann man es sich leisten, den Betrieb für eine Neuaufstellung ruhen zu lassen?
Die Müllers behaupten von sich, eine gute Beziehung zu ihren Kunden zu haben. Viele davon sind selbst Familienunternehmen und seit Jahren treue Abnehmer. Trotz allem: Den Betrieb zu schließen, um ihn zu modernisieren, das hätte selbst die beste Kundenbeziehung mit einer individuellen Speziallösung nicht verkraftet, ist sich Erich Müller sicher. Lieferzeiten von Produkten, wie sie die Müllers herstellen, überschreiten selten neun Werktage. Und die Konkurrenzsituation im Markt ist durchaus gegeben. „Ein Umbau, selbst wenn er platztechnisch möglich gewesen wäre, hätte bei laufendem Betrieb stattfinden müssen, sonst hätten wir viele Kunden verloren“, sagt Dietrich Müller.

Axel Koch beobachtet, dass sich die meisten Mittelständler schwertun, den vorhandenen Standort und die gewachsenen Strukturen dort in Frage zu stellen. „Die Veränderungen werden als so massiv wahrgenommen und die Aufgaben erscheinen so groß, dass man sich den kompletten Umzug nur schwer vorstellen kann“, sagt er. Dabei ergebe ein Neubau in den meisten Fällen Sinn. Denn man könne zwar in ein Provisorium umziehen, den Betrieb so am Laufen halten und schließlich in die alte, aber modernisierte Stätte zurückkehren. Aber mit dieser Lösung würde der Prozess doppelt so viel Kraft kosten, da sich die Belegschaft des Unternehmens zweimal auf eine veränderte Atmosphäre und Abläufe einstellen müsse, sagt Koch.
Für die Müllers kam die Modernisierung der alten Stätte durch den eingeschränkten Platz in Wörth ohnehin gar nicht in Frage. Somit wird es einen gänzlich neuen Firmensitz geben, der im Jahr 2026 bezugsfertig sein soll. In Kirchroth wird aber kein schmuckes Headquarter für repräsentative Zwecke entstehen. „Natürlich hatten wir alle unsere Ideen und Wünsche, was den Bau anging. Aber am Ende des Tages geht es uns um Intralogistik und wir ordnen einer gut laufenden Produktion alles unter“, sagt Dietrich Müller. Der Koffer, mit dem sein Vater einst aus dem Osten an die Donau floh, um dort nach der Enteignung unternehmerisch wieder neu anzufangen, werde einen prominenten Platz finden, andere Relikte aus der Unternehmensgeschichte seit der Gründung 1897 ebenfalls.
Bader Hotel: Ein Stück Schweden in Bayern
Ganz anders im Osten Münchens: Dort hat Monika Hobmeier mit dem Bader Hotel auf dem Grundstück ihrer Eltern ein Stück Schweden nach Bayern geholt. Inspiriert sind das Hotel und sein Design durch ihren Mann, der Schwede ist und mit dem sie eine Zeitlang in Schweden lebte. „Das Gebäude ist unsere Corporate Identity“, sagt Hobmeier. „Wir wollten kein Design, damit man die Räume gut sauber halten kann, sondern die Zimmer sollen einem gewissen Stil entsprechen.“

Im Jahr 2015 hat sie das Bader Hotel eröffnet. Ihre Familie ist eigentlich in der Landwirtschaft zu Hause, für Monika Hobmeier keine Option. Sie hegte schon immer den Wunsch, selbständig zu sein. Jetzt trägt sie Verantwortung für zwölf feste Mitarbeiter und 20 Aushilfen im Service und an der Rezeption.
Das Hotel in Parsdorf, 30 Minuten vom Münchener Stadtkern entfernt, war von Beginn an ein Familienprojekt. Der Name Bader Hotel geht auf den Nachnamen ihres Mannes zurück, erklärt Hobmeier. Ihr Schwiegervater war federführend für das Interior. Einer von Hobmeiers Brüdern, ein Landschaftsgärtner, hat das Exterieur des Hotels gestaltet. Ihr anderer Bruder ist Medientechniker und somit lag auf der Hand, wer die Konferenzräume des Hotels ausgestaltet. Und die nächste Generation soll entsprechend weiter werkeln. „Ich will meinen Kindern etwas hinterlassen, was für sie ein Ort sein kann, sich ebenfalls – wie ich – zu entfalten“, sagt Monika Hobmeier. Ein bisschen Platz für Anbauten wäre im Gegensatz zu den Örtlichkeiten der Müllers auch da. Zudem hat Hobmeier wissentlich auf Holz als Fassade gesetzt. Dadurch werde die Gestaltung mit der Zeit noch schöner, beschreibt sie die Vision für die Zukunft des Hotels.
CO₂-neutral wurde ebenfalls gebaut, es gibt einen eigenen Brunnen auf dem Grundstück, geheizt wird mit Erdwärme. Das Essen kommt von lokalen Anbietern. Da werden sich kommende Generationen wohlfühlen, so die These der Unternehmerin. Hinter den Kulissen sind ihre Kinder auch schon dabei. Aber noch nicht in leitender Position.

Im neuen Firmensitz zählt der Mensch
Das Hotel wurde ebenfalls unter dem Management von Axel Koch und seiner Unternehmensgruppe gebaut. Für ihn unterscheidet sich die Planung eines Hotels von der einer neuen Produktionsstätte kaum. „Die Abläufe, Fragen und Stolpersteine sind im Grunde immer die gleichen“, sagt er. Zumal er die größte Herausforderung gar nicht in der Kompromissfindung zwischen Aussehen und praktischen Elementen sieht, sondern vielmehr in der Bereitschaft der Mitarbeiter, die Veränderungen rund um einen neuen Standort oder ein neues Gebäude mitzugehen. „Viele Mittelständler unterschätzen den Faktor Mensch im Prozess, weil sie primär auf das Gebäude und dessen Funktionsweise schauen“, meint Koch. „Oft wird im Zuge eines Neubaus auch automatisiert, so dass ein Teil der Belegschaft Angst um seine Jobs hat. Darauf stellen sich viele Inhaber nicht ein“, sagt Koch. Für den ein oder anderen Kunden habe seine Unternehmensgruppe im Zuge solcher Prozesse sogar interimsmäßig das Management der neuen Standorte übernommen, weil die Gesamtsituation im neuen Betrieb den Kunden über den Kopf gewachsen sei.
Familie Müller begegnet der Herausforderung, indem sie schon früh auf die Belegschaft zugegangen ist und sie in neue Prozesse und Abläufe eingeweiht hat. Aber ein paar Mitarbeiter werden den Schritt von Wörth nach Kirchroth auch nicht mitgehen, gesteht sich Nachfolger Simon Müller ein. Um die Pendler weiter zu binden, organisiert die Familie für diejenigen, die kein Auto haben, einen Bus, der zum neuen Firmensitz fährt. Dort sind es dann grundlegende Argumente, die für die neue Arbeitsatmosphäre sprechen sollen. „Wir haben den Vorteil, dass unsere Mitarbeitenden genau wissen, wo in der Produktion im Moment der Schuh drückt. Über höhere Decken und eine bessere Lüftung werden sie sich freuen“, sagt Simon Müller. So viel zu der Debatte über Design und Praktikabilität beim Firmensitz.
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

