Unternehmer Ulrich Stiebel ist in dem Bewusstsein aufgewachsen, dass ein Familienunternehmen auch eine große Last sein kann. 2013 hat er seine Anteile am Elektrohersteller STIEBEL ELTRON in eine Familienstiftung eingebracht. Was verspricht er sich davon für sich und seine Kinder?

Wenn Dr. Ulrich Stiebel (72) sich mit seinem Bruder Frank (64) verabredet, um mit ihm über das Geschäft der STIEBEL ELTRON GmbH & Co. KG zu sprechen, dann scheint daran erst mal nichts besonders ungewöhnlich. Beide sind Familienunternehmer in zweiter Generation. Ihr Vater Theodor Stiebel hatte den Elektrohersteller, der heute vor allem für seine Wärmepumpen bekannt ist, 1924 gegründet. Seither ist die Firma mit Sitz im niedersächsischen Holzminden stark gewachsen, heute beschäftigt sie mehr als 4.000 Mitarbeiter und verzeichnet über 800 Millionen Euro Umsatz. Von 1980 bis 1984 war Ulrich Stiebel Geschäftsführender Gesellschafter, später wechselte er in den Aufsichtsrat. Bruder Frank lebt seit langem in den Vereinigten Staaten, ist Präsident der dortigen Stiebel Eltron Inc. und ebenfalls im Aufsichtsrat der deutschen GmbH & Co. KG.

Zwei Brüder als Gesellschafter, paritätisch beteiligt – so weit, so normal. Bei Stiebel aber ist etwas anders: Im Jahr 2013 hat Ulrich Stiebel seine Unternehmensanteile auf eine Familienstiftung übertragen, deren Vorstand er bis heute ist. Bei den Gesellschaftertreffen sitzt er nun also nicht mehr als Anteilseigner, sondern als Vertreter der eigentlichen Eigentümerin. Wie kam es dazu?

Wenn Ulrich Stiebel an die Zeit vor der Stiftungsgründung denkt, fallen ihm erst mal Steuerthemen ein, genauer: die ungewisse Lage zur Erbschafsteuerreform Ende der 2000er Jahre. „Meine Idee war ursprünglich, dass meine Kinder, die zu dem Zeitpunkt ja schon erwachsen waren, die Anteile an der Firma einmal erben werden“, so Stiebel. Das politische Hin und Her rund um Konjunkturaufholungsgesetz und Fallbeil-Situation, Verschonung und Abschmelzmodell habe für Verunsicherung und einen gewissen zeitlichen Druck gesorgt. „Es war klar, dass sich die Belastungen durch die Erbschaftsteuer in Zukunft eher verschärfen würden.“

Getrennte Wege

Tatsächlich wird die Familienstiftung, die die Bewahrung des Vermögens und die Versorgung der Familie zum Ziel hat, oft im Zusammenhang mit Steuerfragen genannt. „Eine rechtsfähige Stiftung gehört sich selbst“, heißt es oft: Sie ist eine juristische Person, ohne Eigentümer. Anders als eine gemeinnützige Stiftung ist die Familienstiftung nicht per se steuerlich begünstigt, bietet aber viele Anknüpfungspunkte für die steuerliche Ausgestaltung und auch eine deutlich höhere Planbarkeit, da zum Beispiel Zahlungen wie die Erbersatzsteuer zu bekannten Terminen anfallen und nicht im womöglich unerwarteten Todes- beziehungsweise Erbfall. Allerdings: Je länger Ulrich Stiebel über Firma, Familie und Stiftung spricht, umso klarer wird, dass die eigentliche Motivation für die Stiftungsgründung in der Konstellation von Unternehmen und Familie liegt – und das ist bei Stiebel eine ganz eigene Geschichte.

Ein zentraler Dreh- und Angelpunkt ist das Jahr 1960, als Firmengründer Theodor Stiebel sich das Leben nimmt. Da ist Ulrich Stiebel gerade elf Jahre alt. „Mein Vater war eine Lichtgestalt“, sagt er. Umso schwieriger ist es für ihn, sich selbst in den Fußstapfen des Vaters zu sehen. Hinzu kommt, dass die Situation in der Gesellschafterfamilie immer komplizierter wird. Ulrich und Frank Stiebel haben jeweils 37 Prozent der Unternehmensanteile geerbt, ihre Schwester und ihre Mutter jeweils 13 Prozent. Doch die Vorstellungen und Bedürfnisse innerhalb des Gesellschafterkreises unterscheiden sich deutlich. Um die verfahrene Situation zu lösen, zahlen Ulrich und Frank Stiebel Schwester und Mutter 1982 aus, seit diesem Zeitpunkt halten beide jeweils 50 Prozent der Anteile.

Die Brüder beschließen ihren Rückzug aus dem operativen Geschäft der deutschen Muttergesellschaft, 1983 wechseln beide in den Aufsichtsrat, Frank Stiebel bleibt endgültig in den USA. „Es war klar, dass die Situation in der Familie in der Vergangenheit keinen guten Einfluss auf das Unternehmen hatte“, sagt Stiebel. „Wir haben uns auf eine klare Philosophie geeinigt: Die Familie hält sich raus.“ Zugleich ist ihr gemeinsamer Wunsch, die paritätische Aufteilung als stabilisierendes Element zu sichern. 1984 wird Ulrich Stiebel Vater von Zwillingen, zwei Jahre später kommt eine Tochter dazu. „Mein Bruder sagte mir schon vor Jahren: Regele es bitte so, dass deine Kinder die Anteile möglichst nicht verkaufen können.“

Stiebel ist nicht grundsätzlich dagegen, die Verantwortung in die Hände desjenigen zu legen, der auch operativ unternehmerisch tätig ist. „Wenn es einen operativen Nachfolger aus der Familie gegeben hätte, müssten dem eigentlich auch die Anteile gehören. Die anderen Kinder hätten dann erbrechtlich mit Pflichtanteilen abgefunden werden müssen. Das ist bei den heutigen ertragsteuerlichen Wertansätzen schlicht nicht mehr darstellbar!“ Zudem habe sich schon früh abgezeichnet, dass seine Kinder nicht dazu tendieren, operativ ins Familienunternehmen einzusteigen – was Stiebel ihnen nicht verdenken kann: „Sie haben ja an mir gesehen, was das für ein Ballast sein kann.“ Das bestärkt ihn in seiner Suche nach einer alternativen, zukunftsfähigen Aufstellung des Eigentums. Unter anderem gründet er 2010 eine eigene GmbH & Co. KG, in der seine Anteile gebündelt werden und an der die Kinder zu je einem Drittel beteiligt sind. Ideal scheint ihm das aber nicht. „Die Zwillinge stehen sich sehr nahe, die hätten die jüngere Schwester leicht unterbuttern können“, sagt er. Mit der Stiftungsgründung löst er die Konstellation wieder auf, mit Zustimmung seiner Kinder: „Sie haben das akzeptiert, in der Hoffnung, dass ich die Entscheidung nicht zu ihrem Nachteil treffe.“

Vorstand, Kuratorium, Familienrat

Auf das Thema Familienstiftung kommt er durch eine Begegnung mit dem Unternehmer Jochen Opländer, der 2011 seine Anteile an dem Dortmunder Pumpenhersteller Wilo auch auf eine Familienstiftung übertragen hat. Das Konzept erfüllt mehrere Punkte, die für Stiebel wichtig sind. Bei entsprechender Formulierung kann der Verkauf von Anteilen erschwert oder ganz ausgeschlossen werden. Im Falle eines Verkaufs der Geschäftsanteile fließt der Gegenwert wieder in die Stiftung. Als Begünstigte können die Familienmitglieder finanziell durch die Stiftung versorgt und je nach Struktur und Besetzung der Gremien auch an der Entscheidungsfindung beteiligt werden. Das direkte Eigentumsverhältnis allerdings wird durch die Übertragung der Anteile aufgelöst – und damit auch die unmittelbare Last der Verantwortung als Inhaber verschoben, derer sich Ulrich Stiebel seit jeher klar bewusst ist. Im September 2013 gründet er die Familienstiftung. Stiebel setzt sich, wie es oft üblich ist, zunächst selbst als Vorstand ein, der das einzige verpflichtende Gremium darstellt. Daneben richtet er ein vierköpfiges Stiftungskuratorium ein. Dort ist er selbst Mitglied, neben zwei Externen und dem Entsandten aus dem Familienrat. Nach seinem Ableben wird die Personenzahl auf fünf erweitert: zwei Externe plus Stiebels drei Kinder. Dass hier unter der Leitung eines Externen im Moment noch Stiebel selbst und zwei Familienmitglieder sitzen, ist für ihn eine Übergangslösung. Bei seiner Stimmabgabe im Aufsichtsrat ist Stiebel im weiteren Sinne an das Votum des Kuratoriums gebunden. Auch über die Gewinnverwertung und andere Fragen entscheidet das Gremium für die Stiftung.

Neben dem Kuratorium gibt es den Familienrat, in dem Stiebels Frau und Kinder gemeinsam sitzen und das von seiner Tochter geleitet wird. Der Rat hat keine Entscheidungskompetenzen, ist für Stiebel aber wichtig mit Blick auf die Kommunikation und die Willensbildung in der Familie, deren Standpunkt perspektivisch durch einzelne Mitglieder im Kuratorium vertreten wird. Denn auch wenn der Familie die Anteile an der Firma nicht mehr gehören: So ganz ist sie die Verantwortung nicht los, und das hat Stiebel auch gar nicht beabsichtigt. Er betont, dass die Lösung von der Eigentümerrolle nicht mit mangelndem Vertrauen in die Fähigkeiten seiner Kinder zu tun hatte, sondern im Gegenteil eher dazu diente, ihnen ein gewisses Maß an Freiheit zu verschaffen.

Doch auch wer in den Gremien der Stiftung als Familienmitglied aktiv sein will, der braucht einen gewissen Einblick in das Geschäft des Unternehmens, davon ist Ulrich Stiebel überzeugt. Daher kommen seine Kinder schon seit Jahren mit zu den Aufsichtsratssitzungen, auch wenn sie dort kein Stimmrecht haben: „Wenn Sie wollen, dass die Kinder da reinwachsen, müssen Sie Ihnen auch die Chancen geben, es zu können.“ Wobei mit der Chance auch wieder eine gewisse Verpflichtung einhergeht. Die Last der Anteile, so könnte man vielleicht sagen, gehört in der Form der Stiftung sich selbst. Aber sie trägt sich nicht von allein.

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