Sein Banner heißt Wohlstand, sein Schlachtruf Profit. Für sein Land hat er kein Quäntchen Liebe übrig. Eigennutz ist ihm alles.“ Einem Bankier muss man nicht alles glauben. Aber Holdo Stråle wusste genau, von wem er sprach: Mit André Oscar Wallenberg, Begründer eines der größten Familienvermögen Europas, saß er über Jahre in vielen Verwaltungsräten. Das Zitat ist über hundert Jahre alt und authentisch. Man muss lange nach solchen intimen Einschätzungen suchen, denn noch immer zählen viele Hintergründe des schwedischen Wallenberg-Imperiums zu den „untold Stories“.
Sohn eines evangelischen Bischofs und mäßig erfolgreichen Seemanns und Kapitäns, gründete André Oscar sein zunächst bescheidenes Geldhaus vor 152 Jahren. Heute ist die Skandinaviska Enskilda Banken (kurz: SEB) die uneinnehmbare Bastion der Wallenbergs. In fünfter Generation so vital wie kaum eine andere Milliardärsfamilie Europas, gebieten sie über ein Reich, dessen innere Mechanik nur sie verstehen, und vor allem: die nur sie beherrschen.
Das graue Image ist Teil des Spiels
In der Familie hielten meistens zwei Wallenbergs alles in der Hand. Letztlich war es aber immer einer, der noch ein paar entscheidende Stränge mehr für sich beanspruchte. Heute ist dies der 52-jährige Jacob II. Er ist Chairman der Managementholding Investor AB. Jacobs gleichaltriger Cousin Marcus wacht als Präsident über die Banken der Familie und über das Rüstungskonglomerat „Saab Defense“ (Saab Auto gehört General Motors).
„Wenn die Wallenbergs ein Geheimnis hüten, dann dies: Wir müssen arbeiten. Denn eigentlich haben wir kein Geld“, sagt Jacob. Was verdient er als oberster Chef des Hauses? „250.000 Euro. Circa.“ Sein Privatvermögen umschreibt er vage mit „um die 8 Millionen Euro“ – und entschuldigt sich gleich selbst: „I am very sorry for your disappointment.“
Hinter dem geradezu militanten Understatement, elegant zelebriert, steckt eine langfristig angelegte Strategie, auch um den Preis, dass vielen das öffentliche Auftreten der Wallenbergs als eher biedermännisch erscheint. Ihr graues Image ist sozusagen Teil des Spiels. Sie haben zwar ihre eigenen Jagdreviere (vor allem Rehe und Elche), sie jetten zum Helikopterskiing in die USA und halten im Schweizer Edelferienort Verbier Hof. Doch davon gibt es keine Fotos, keine TV-Berichte. Nichts. In der Öffentlichkeit fallen die Wallenbergs fast nie auf. Die Ehen der regierenden Cousins Jacob und Marcus gelten als vorbildlich, Scheidungen bleiben en famille und sind ohnehin selten. Der Flamboyant der fünften Generation ist Jacobs jüngerer Bruder Peter Åke. Die Schweden kennen ihn unter dem Namen „Poker“. Er führt als Präsident das familieneigene „Grand Hotel“ im Zentrum Stockholms.
Über das Privatleben der Familie erfährt die Öffentlichkeit nur, was sie erfahren soll. Die wichtigste schwedische Tageszeitung, „Svenska Dagbladed“, steht unter ihrer Kontrolle. Ein Chefredakteur bekam vom Senior der Familie, Peter Wallenberg, der das Imperium zwei Jahrzehnte lang führte, einmal zu hören: „Ein Chefredakteur, der seine Leute nicht wissen lassen kann, wem die Zeitung gehört, sollte nicht Chefredakteur sein.“ Solche nach außen dringenden emotionalen Ausbrüche sind selten. Die Zurückhaltung hat Tradition. Von einem Vorfahr ist bekannt, dass er sich im Jahr einen Anzug schneidern ließ. Ein anderer wechselte immerhin zweimal die Jackenfarbe: im Winter schwarz, jeweils vom 29.Mai an grau. Knut Agathon Wallenberg, ein Sohn André Oscars (der Stammvater zeugte 19 eheliche und mindestens drei uneheliche Kinder), schlug als einer der wenigen aus der Reihe. Als Bankier, später als Außenminister Schwedens (1914 bis 1917) ließ er Täcke Udden auf der Insel Djurgården (bei Stockholm) erbauen, einen majestätischen Familiensitz, in dessen feudalen Privatgemächern Schwedens Regierung heute öfters mal Staatsbesucher einquartiert.
Prominetester Gast war US-Außenminister Henry Kissinger, von dem nicht ganz klar war, ob er Schweden oder die international bestens vernetzten Wallenbergs besuchte. Knut erzählte seinen Gästen gern, sein Vater, der Gründer, habe ihm als Junge 25 Öre (eine Viertelkrone) an wöchentlichem Taschengeld zugestanden. Es wurde erwartet, dass er einen Teil davon sparte. Zwei Brüder Knuts, Axel und Gustaf, wurden Botschafter ihres Landes, der eine in Tokio, der andere in Washington. In diesen Jahren lag nicht nur ein beträchtlicher Teil der Wirtschaft, sondern auch der Außenpolitik Schwedens in der Hand der Familie. Es waren die entscheidenden Jahre, in denen die Wallenbergs ihre Vormachtstellung zementierten.
Das Geheimnis ihres Langzeiterfolgs ist eine 1916 geschaffene Konstruktion von gemeinnützigen Stiftungen. Sie halten fast den gesamten Aktienbesitz. Mehr oder weniger. Das „Mehr“ versteht sich von selbst, das „Weniger“ muss erklärt werden, weil es zeigt, wie die Familie mit relativ geringen Eigenmitteln das Imperium beherrscht.
Permanente Vermögensumschichtung
Das Beispiel: Jacobs 320-Quadratmeter-Villa am Väringarvägen in Djursholm am Stadtrand Stockholms hatte zunächst dessen Vater Peter für 4,2 Millionen Kronen gekauft und zwei Tage später für 740 000 Kronen (etwa 100.000 Euro) an den Sohn weiterverkauft. Der veräußerte die Immobilie vier Jahre später für 8 Millionen an die von der Familie beherrschte Investor und diese wiederum für 9,9 Millionen an die Wallenberg-Bank SEB. Heute ist Jacob Mieter bei der SEB – zu einem wahrscheinlich nicht gerade überzogenen Preis. Fairerweise ist zu erwähnen: Die Villa wurde in der Zwischenzeit sicherheitstechnisch aufgerüstet, was einen Teil der Wertsteigerung erklärt. Permanentes Kaufen und Verkaufen, ständiges Verschieben von Vermögensteilen sind ein Merkmal des nur nach außen statisch erscheinenden Vermögens von rund 7 Milliarden Euro.
Ihre Stiftungen sind den Wallenbergs heilig: als steuersparende, gemeinnützige Institutionen und als patente Herrschaftsinstrumente. Gemeinnutz, anders als schierer Milliardenbesitz, ist gesellschaftsfähig. Die geniale Konstruktion hält über Wirtschaftskrisen, Kriege und Globalisierungsdruck hinweg vermutlich bis in alle Ewigkeit. Der Ertrag der Stiftungen – jährlich zwischen 90 und 100 Millionen Euro – muss in Bildung und Wissenschaft investiert werden, und zwar ausschließlich in Schweden. So schreibt es die Satzung vor. Das ist Mäzenatentum mit strategischem Hintersinn. Im Lauf der Jahrzehnte kamen so Milliardenbeträge zusammen. Ebenso wichtig: Die seit Jahrzehnten mit geringen Unterbrechungen regierenden Sozialdemokraten – derzeit legen sie gerade als Opposition eine Pause ein – sind zufrieden und lassen die Milliardärsfamilie machen.
Man weiß in Schweden, was man an „der Familie“ hat, und die Familie weiß, was sie am schwedischen Staat hat. Ihre wirtschaftliche Dominanz bewahrt bei aller Globalisierung das Land davor, dass wesentliche Teile der Wirtschaft in die Hände ausländischer Investoren fallen. Das Beispiel „3“ zeigt, wie das subtile Zusammenspiel funktioniert: Der Kommunikationskonzern gehört mehrheitlich den Wallenbergs. Sie bauten fast alle Sender für die Mobiltelefonie in Schweden. Die Regierung erwartete diese teure Vorleistung. Im Gegenzug wird die Regierung stillhalten, wenn die Familie auch noch den Mobilmarkt des Landes kontrollieren wird. Das Spiel über die Bande funktioniert aber nur, wenn es beiden Seiten nützt. Diese wohl einmalige Symbiose zwischen Großkapital und sozialdemokratisch geprägtem Staat lässt sich auf allen Gebieten beobachten, in denen die Wallenbergs aktiv sind.
Familie Wallenberg und die Schweden
Dennoch bleibt das Verhältnis der schwedischen Öffentlichkeit zur Familie unterkühlt. Kein Denkmal, kein Park, kein Platz ist nach einem Wallenberg benannt. Nur ein winziges Straßenschild im Zentrum Stockholms erinnert an einen Wallenberg, auch noch an einen aus der Linie geschlagenen: Raoul. Der junge Diplomat aus einem Seitentrieb der Familie rettete im Zweiten Weltkrieg in Buda pest mit der eigenmächtigen Ausgabe von Schutzpässen Tausenden Juden das Leben. Er starb „während eines Verhörs“ 1947 im Gefängnis der berüchtigten Moskauer Lubjanka, dem Sitz des KGB. Ob durch Gewalt oder eines natürlichen Todes, ist bis heute nicht geklärt. Ungarische Nazikollaborateure hatten Raoul fälschlicherweise als Spion denunziert. Raouls Halbnichte Nane Maria ist übrigens die Ehefrau des ehemaligen Uno-Generalsekretärs Kofi Annan.
Als sich 1971 der 47-jährge „Kronprinz“ Marc Wallenberg, „Boy- Boy“ genannt (der Vater von Marcus III.), in einem verschneiten Wald bei Stockholm ins Herz schoss, ließ die Familie Tage verstreichen, bis sie den Tod bekanntgab. Man war auch deswegen wie gelähmt, weil kein Thronfolger bereitstand. Der vom despotischen Vater Marcus II. erzeugte Erwartungsdruck war schuld am Suizid. So sieht es heute auch die Familie. Der familiäre Umgang wird von einem Kenner als „rau, selbstgewiss und furchtlos“ geschildert – „the material to produce great dynasties“. Die jüngeren Wallenbergs wirken vergleichsweise „easy going“. Einmal im Jahr und immer am 29. Mai (es ist der Geburtstag von Urmutter Amalia, die 19 Kinder gebar) lädt die Familie 70 Gäste auf Täcke Udden zum Dinner. Über Jahrzehnte waren diese Treffen von Diskretion und Mysterien umhüllt. Vor zwei Jahren durfte erstmals ein TV-Team drehen. So erfuhr man, dass die zahlreichen Nachkommen unehelicher Halbgeschwister nie eingeladen werden, aber auch längst nicht alle „politisch korrekt geborenen“ Verwandten.
Nur nach Geburt wird bei den Wallenbergs keiner Nummer eins. Vor zwanzig Jahren haben sich die zwei jahrelang rivalisierenden Stammhalter der fünften Generation, Jacob II. und Marcus III., auf einen Waffenstillstand verständigt. „Wir sind sehr gute Freunde geworden und gehen gemeinsam auf die Jagd“, beteuert Jacob. Es klingt wie: Wir schießen nicht mehr aufeinander. Haben sie schon mit ihren Kindern – jeder hat drei im Alter von 14 bis 20 Jahren – über die Erbfolge gesprochen? „Nein.“ Den Fight um die Topposition muss der Nachwuchs selbst ausfechten. Das wird vom Haus Wallenberg so erwartet.
Info
Beherrscht wird das Vermögen über ein komplexes System gemeinnütziger Stiftungen, in deren unauffälligster – Thisbe – letztlich die alles entscheidenden Fäden zusammenlaufen. Thisbe wird vom Grandseigneur der Familie, dem 82-jährigen Peter Wallenberg, geführt. Einen wesentlichen Schub erhielt das Wallenberg-Vermögen in den frühen dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts durch die Übernahme eines Teils der Konkursmasse des Großspekulanten Ivar Kreuger, der 1932 Selbstmord beging. Zentrales Element von dessen Geschäften war die Svenska Tändsticks AB, ein weltumspannender Monopolkonzern der Zündholzindustrie. Swedish Match ist bis heute im Besitz der Wallenbergs.
