Die Unternehmensnachfolge bei Dachser folgt drei festen Regeln: ein mehrheitlich familienextern besetzter Verwaltungsrat, das „Up-or-out“-Prinzip für Familienmitglieder in der Führung und eine Altersgrenze von 60 Jahren für alle Leitungskräfte, Familienmitglieder eingeschlossen. Den Generationenwechsel von Gründerenkel Bernhard Simon zu Fremdmanager Burkhard Eling plante Bernhard Simon über acht Jahre. Ende 2020 übergab er das CEO-Amt.
Was macht die Unternehmensnachfolge bei Dachser einzigartig?
Die Unternehmensnachfolge bei Dachser ist in der deutschen Familienunternehmenslandschaft ein vielbeachtetes Modell: Das Unternehmen ist zu 100 Prozent in Familienbesitz, aber die Familie hat sich in die Gremien und aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen.
Der Logistiker wurde 1930 von Thomas Dachser in Kempten im Allgäu gegründet – zunächst als Transportunternehmen für Allgäuer Käse ins Rheinland, mit Metallprodukten auf dem Rückweg. Bereits der Gründer besetzte seine Standorte mit externen Persönlichkeiten, die er auf seinen Wertekompass prüfte und denen er, wenn es passte, freie Hand ließ, schrieb Johannes Sill im Artikel über die Unternehmensnachfolge bei Dachser.
Heute beschäftigt Dachser rund 37.500 Mitarbeiter an 433 Standorten in 43 Ländern und erzielte 2025 einen Umsatz von 8,3 Milliarden Euro – ein Rekord in der Unternehmensgeschichte.
Drei strukturelle Pfeiler tragen das Nachfolgemodell:
1. Externer Verwaltungsrat mit echter Macht. Familienmitglieder dürfen nicht die Mehrheit im Verwaltungsrat stellen. Die Familie darf nicht gleichzeitig den Vorsitz des Verwaltungsrats übernehmen und im operativen Geschäft führend tätig sein. Bewusst besetzt Dachser das Gremium mit Unternehmern und Wirtschaftsexperten – nicht mit Bankern, Anwälten oder Beratern, die stets auch eigene Interessen verfolgen würden. Heute ist Gesellschafter Bernhard Simon Vorsitzender des Verwaltungsrates, nachdem er die Rollen als CEO und Sprecher des Vorstandes abgegeben hat.
2. „Up-or-out” für Familienmitglieder. Ein Familienmitglied darf ausschließlich an der operativen Spitze stehen. Bewährt es sich nicht, verlässt es das Unternehmen. Halbpositionen ohne klare Hierarchie sind für Familienmitglieder ausgeschlossen.
3. Altersgrenze 60 für alle. Die Regel gilt ausnahmslos für externe Manager und Familienmitglieder gleichermaßen.
Wie hat Dachser die Nachfolgeregelung über drei Generationen aufgebaut?
Familienverfassungen entstehen nicht an einem Tag. Regelungen zur Unternehmensnachfolge erst recht nicht. Bei Dachser haben drei Generationen an der Nachfolgeregelung gearbeitet. Jede mit anderen Prioritäten, aber mit demselben Ziel: Das Unternehmen vor den Interessen einzelner Gesellschafter zu schützen.
Erste Generation bei Dachser.
Thomas Dachser, geboren im Jahr 1906, starb 1979. Sein Lebenswerk erbten seine Töchter Christa Rohde-Dachser und Annemarie Simon zu gleichen Teilen. Die operative Führung übergaben beide Gesellschafterinnen dem externen Management-Team, das ihrem Vater jahrelang zur Seite gestanden hatte.
Zweite Generation bei Dachser.
Christa Rohde-Dachser – heute Professorin für Psychoanalyse – wollte die Unternehmenszukunft nicht vom Zufall der Eignung unter den insgesamt sechs Kindern beider Familienzweige abhängig machen. Gemeinsam mit Ulrich Weiss, einem langjährigen Dachser-Geschäftsführer der ersten Generation, arbeitete sie 1986 eine erweiterte Version des Gesellschaftervertrages aus. Der Kern: ein Verwaltungsrat mit mehrheitlich familienfremden Mitgliedern und echter Entscheidungsmacht über Investitionen und Führungsbesetzungen.
Dritte Generation bei Dachser.
Als Bernhard Simon 2005 Sprecher der Geschäftsführung wurde, erlaubte der alte Vertrag aus dem Jahr 1986 noch je einen Vertreter beider Familienzweige in der Führung. Simon einigte sich mit den Gesellschaftern darauf, dass ausschließlich ein Familienmitglied eines Stammes im Vorstand vertreten sein darf. Zudem führte die Unternehmerfamilie das „Up or-out”-Prinzip ein. 2007 folgte ein neuer Gesellschaftervertrag, der auch die Anteilsübertragung von der zweiten auf die dritte und vierte Generation regelte, erarbeitet gemeinsam mit dem Münchner Managementprofessor Werner Kirsch.
Was für eine gelungene Unternehmensnachfolge für ihn entscheidend war, sagte Bernhard Simon 2006 dem wir-Magazin:
„Wichtig war, im Unternehmen einen Mentor zu haben, der kein Familienmitglied war.“
– Bernhard Simon
Welche Bedingungen gelten für Familienmitglieder bei der Nachfolge?
Das „Up-or-out”-Gebot macht die Unternehmensnachfolge bei Dachser für Familienmitglieder härter als es zunächst klingt. Wer als Gesellschafter in die Geschäftsführung eintritt, genießt keinerlei Herkunftsschutz. Der mehrheitlich extern besetzte Verwaltungsrat kann ihn abberufen.
Für Bernhard Simon selbst bedeutete das die klarste denkbare Ansage. Entweder er setzte sich durch oder er musste das Unternehmen verlassen. Er schildert die Herausforderung im Text aus dem Jahr 2022:
„Wenn man da nicht reflektiert und mit sich im Reinen ist, dann kommt man da nicht durch.“
– Bernhard Simon
Simon hatte seinen Weg über die klassische Route erarbeitet: Ausbildung zum Speditionskaufmann bei Dachser, BWL-Studium, Stationen im Controlling und Vertrieb, eine Auslandstochter in Frankreich. Nach dem Studium betreute er ein Jahr lang ein Entwicklungshilfeprojekt von Terre des Hommes im brasilianischen Mato Grosso. Die Zusammenarbeit inspirierte ihn dazu, die CSR-Maßnahmen bei Dachser mit Terre des Hommes zu verknüpfen. Bewusst arbeitete er aber nie direkt unter seinem Vater Thomas Simon. Sein Mentor war Jörg Tonn, der damalige Produktionschef, der kein Familienmitglied war.
„Um gute Führungskräfte im Unternehmen zu halten, muss diesen grundsätzlich die Möglichkeit offenstehen, bis ganz nach oben zu kommen – ungeachtet dessen, ob sie Familienmitglieder sind oder nicht“, betonte Simon im wir-Magazin 2006.
Die Governance-Architektur spiegelt diese Balance dynamisch wider. Führt ein Familienmitglied operativ, ist der Verwaltungsrat mehrheitlich extern besetzt. Führt ein Fremdmanager, rückt ein weiteres Familienmitglied als Gegengewicht in den Verwaltungsrat. Beide Gremien können fremdgeführt sein, aber nie beide gleichzeitig familiendominiert.
Wie verlief die Unternehmensnachfolge von Bernhard Simon an Burkhard Eling konkret?
Die Unternehmensnachfolge bei Dachser war kein schneller Entschluss. Bernhard Simon begann die Planung rund acht Jahre vor dem Vollzug, also etwa ab 2012.
2013 holte Dachser Burkhard Eling als CFO ins Unternehmen. Der erste Kontakt kam über Dr. Jürgen Schneider, damals CFO bei Bilfinger und gleichzeitig Mitglied im Dachser-Verwaltungsrat. Um Eling „Witterung für das Unternehmen aufnehmen zu lassen“, übertrug Simon ihm frühzeitig die Verantwortung für das neu geschaffene Innovationsmanagement, damit er tief in die Prozesse einsteigen und sich interne Netzwerke schaffen konnte.
Der erste Schlüsselmoment war eine Jahreskonferenz der Dachser-Top-Manager in Athen. Eling hatte seinen CFO-Vertrag unterschrieben, war aber noch nicht offiziell im Unternehmen. Dennoch moderierte er die Veranstaltung. „Wie er sich da gegeben und Dachser dargestellt hat, obwohl er noch gar nicht an Bord war, hat mir ein sehr gutes Gefühl bereitet”, erinnerte sich Simon 2022 im wir-Magazin.
Drei Jahre nach Burkhard Elings Einstieg sprach Simon seinen CFO im Jahr 2016 bei einem Morgenlauf in den USA direkt an, ob er sich vorstellen könne, sein Nachfolger zu werden. Eling sagte ja, und es folgten zwei Jahre intensiver Kontakte: zwischen Simon und den Gesellschaftern, zwischen Eling und der gesamten Eigentümerfamilie, besonders mit der vierten Generation.
„Den Finanzvorstand in die CEO-Rolle zu heben war immer ein möglicher Plan. In dieser Position hat man die Zahlen im Blick, steht der Familie nah und handelt von Anfang an in deren Sinn.“
– Bernhard Simon
Ende 2020 übergab Simon offiziell das CEO-Amt. Die Pandemie durchkreuzte die geplante Kommunikation: 70 Prozent der geplanten persönlichen Besuche in Dachser-Niederlassungen mussten virtuell stattfinden. „Eigentlich hatten wir eine große, emotionale Geschichte zu erzählen”, sagte Simon. Ab dem 1. Januar 2021 war Burkhard Eling CEO.
Simon verlegte sein Büro in ein Stadtbüro in der Kemptener Altstadt, bewusst weit weg vom Firmensitz, hinter einem anderen Namen auf dem Klingelschild. Ein wichtiger Punkt, denn viele Unternehmensnachfolgen scheitern, weil der Vorgänger weiter auf dem Gelände oder dem Unternehmenssitz sein Büro hat.
Wie bleibt Dachser nach der Nachfolge ein Familienunternehmen?
Mit dem Wechsel zu einem rein extern besetzten Vorstand stellt sich für jedes Familienunternehmen dieselbe Grundfrage: Was hält den Familiencharakter aufrecht, wenn kein Familienmitglied mehr operativ führt?
Dachsers Antwort ist die wertebasierte Unternehmenssteuerung. Bernhard Simon beschrieb das Prinzip 2014 im wir-Magazin: Dachser führt dezentral nach einem kybernetischen Ansatz, einem Regelwerk, das sich an neue Rahmenbedingungen selbst anpasst. Die Kerngrundsätze: Ehrlichkeit und Integrität. Und das Prinzip der „Integrierten Verantwortung“: Wer einen Auftrag annimmt, muss den Prozess bis zur Auslieferung zu Ende denken.
Burkhard Eling setzte das fort. Sein Leitspruch für den Vorstandsantritt fand sich in der Überschrift einer der ersten offiziellen Pressemitteilungen wieder: „Das Gute bewahren, die Agilität erhöhen.“
„Meine Familie war in der Architektur tätig. Dass man am Tisch über die Arbeit im Familienunternehmen spricht, ist mir bekannt“, sagte Eling 2022 im wir-Magazin. Eine wertebasierte Strategie mit der Familie abzustimmen sei ihm lieber, als Shareholdern eine Story zu verkaufen und ad hoc Dinge kommunizieren zu müssen.
Bernhard Simon wiederum bleibt als Verwaltungsratsvorsitzender präsent und trifft Eling regelmäßig – einmal wöchentlich, teils für mehrere Stunden, dazu Verwaltungsratssitzungen, Strategietagungen und Gesellschaftertreffen. Alle zwei Wochen gibt es Telefonkonferenzen mit allen Gesellschaftern.
Für Simon und Eling ist das Spannungsverhältnis zwischen Kontinuität und Neuerung kein Defekt, sondern das Funktionsprinzip. „Reibung erzeugt Wärme”, formulierte Eling 2022. Unstimmigkeiten seien kein Zeichen von Schwäche, sondern Ausdruck des Ringens um den besten Zukunftsplan im Sinne von Vorstand, Gremien und Gesellschafter.
Häufig gestellte Fragen zur Unternehmensnachfolge bei Dachser
Was bedeutet das „Up-or-out“-Prinzip bei der Nachfolge bei Dachser?
„Up-or-out” bei Dachser bedeutet: Nur ein Familienmitglied darf operativ an der Unternehmensspitze stehen. Wer führt, hat keine Garantie durch seine Herkunft, denn der mehrheitlich familienexterne Verwaltungsrat kann ihn oder sie abberufen. Halbpositionen ohne klare Hierarchie sind für Familienmitglieder ausgeschlossen. Das Prinzip wurde 2005 mit dem Eintritt von Bernhard Simon eingeführt und ersetzte die Regelung von 1986, die noch je einen Vertreter beider Familienzweige in der Führung erlaubte.
Wann hat Dachser seinen Gesellschaftervertrag zur Nachfolgeregelung reformiert?
Den ersten umfassenden Gesellschaftervertrag erarbeitete Christa Rohde-Dachser gemeinsam mit Ulrich Weiss im Jahr 1986. Eine zweite Reform folgte 2005 bis 2007, als das „Up-or-out”-Prinzip eingeführt wurde und ein neuer Vertrag die Anteilsübertragung auf die dritte und vierte Generation regelte.
Warum wählte Dachser bei der Unternehmensnachfolge keinen Familiennachfolger für Bernhard Simon?
Der Gesellschaftervertrag schließt eine erneute Familienführung nicht aus. Sie muss sich aber durch Leistung ergeben, nicht durch Herkunft. Bernhard Simon entschied sich 2020 bewusst für CFO Burkhard Eling, weil dieser über acht Jahre die Familienkultur verinnerlicht und das Vertrauen aller Gesellschafter gewonnen hatte. Simon dazu im wir-Magazin 2022: „Den Finanzvorstand in die CEO-Rolle zu heben war immer ein möglicher Plan. In dieser Position hat man die Zahlen im Blick, steht der Familie nah und handelt von Anfang an in deren Sinn.“
Wie lange dauerte die Nachfolgeplanung bei Dachser?
Rund acht Jahre. Bernhard Simon begann circa 2012 mit der aktiven Planung. 2013 trat Eling als CFO ein, 2016 stellte Simon seinem CFO Eling die Nachfolgefrage bei einem Morgenlauf in den USA, in den Jahren 2018 und 2019 folgten formelle Kontakte mit allen Gesellschaftern und der vierten Generation. Ende 2020 erfolgte die Amtsübergabe, zum 1. Januar 2021 übernahm Eling offiziell den CEO-Posten.
Wer führt Dachser heute und wie groß ist das Unternehmen?
CEO und Vorstandssprecher ist seit dem 1. Januar 2021 Burkhard Eling. Bernhard Simon ist Vorsitzender des Verwaltungsrats. Dachser ist zu 100 Prozent im Familienbesitz, erzielte im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatz von 8,3 Milliarden Euro und beschäftigt rund 37.500 Mitarbeiter an 433 Standorten in 43 Ländern weltweit (Stand: Geschäftsjahr 2025).
Wo finde ich Informationen und Einblicke von Unternehmern wie Bernhard Simon, die ihre Nachfolge geregelt haben und offen darüber sprechen?
Das wir-Magazin begleitet Unternehmerfamilien und ihre Nachfolgeentscheidungen seit über 20 Jahren journalistisch – mit exklusiven Gesprächen und Recherchen. Aktuelle Berichte, Analysen und Porträts zur Unternehmensnachfolge in Familienunternehmen erscheinen fortlaufend auf der Themenseite Unternehmensnachfolge.
Wer den Austausch mit Unternehmern und Führungskräften sucht, die offen über ihre Erfahrungen sprechen, findet ihn auf den wir-Tagen Nachfolge & Führung: Auf den wir-Tagen 2022 in Stuttgart sprachen beispielsweise Bernhard Simon, damals frisch aus der operativen Führung ausgeschieden und Vorsitzender des Verwaltungsrats der DACHSER Group SE & Co. KG, und Andreas Ronken, CEO der Alfred Ritter GmbH & Co. KG (Ritter Sport), unter dem Titel „Spielmacher gesucht! Familienunternehmer und Externe in der Führung“ genau darüber: Was passiert, wenn ein Fremdmanager die Führung übernimmt – und wie verändert das die Rolle der Familie?
Für einen ersten Einblick in das Thema empfiehlt sich auch der wir-Podcast: Redakteur Johannes Sill hat für mehrere Ausgaben des wir-Magazins zu externer Führung in Familienunternehmen recherchiert und dafür unter anderem mit den Fremdmanagern Burkhard Eling (Dachser), Andreas Ronken (Alfred Ritter GmbH & Co. KG) und Mike Bucher (Schöck Group) gesprochen. Im Gespräch mit Sarah Bautz gab Johannes Sill bereits 2022 bei „wir reden mit“ einen Einblick in das Thema und die Arbeit der Redaktion – direkt auf Spotify anhören.
Hat Internationalen Journalismus in Magdeburg studiert. Schrieb schon davor für die Südwest Presse in seiner Heimat Ulm. Sammelte zudem Auslandserfahrung bei der Allgemeinen Zeitung in Windhoek, Namibia, sowie bei Kwanza TV in Daressalam, Tansania. Seit 2017 Redakteur bei F.A.Z. BUSINESS MEDIA und Mitglied im Redaktionsteam des wir-Magazins.

