Erick Yong und Thomas Festerling investieren gemeinsam in Start-ups in Afrika. Der eine hat den Blick für Finanzen, der andere für Innovationen. Gründerspirit sehen sie immer mehr, vom Goldrausch interessierter Investoren ist der Kontinent aber weit entfernt. Dabei ist die Start-up-Szene gereift und die Technologieaffinität hoch.

Treffen sich ein Diplomatensohn und ein Fondsmanager: So beginnt die Gründungsgeschichte des Investors GreenTec Capital Partners in Frankfurt. Wer an höhere Mächte glaubt, erfreut sich an dem Umstand, dass beide Founding-Partner der Investmentfirma im gleichen Krankenhaus in Bonn geboren wurden, wenn auch mit einem Abstand von vier Jahren. Ihre Wege kreuzten sich allerdings erst Dekaden später. Da hatte der eine – Erick Yong, damals 39, dessen kamerunische Eltern als Vertreter ihres Landes in Bonn arbeiteten – bereits ein Studium in Frankreich sowie ein Engagement als Berater für Unternehmensbeteiligungen in Luxemburg hinter sich. Der andere – Thomas Festerling, damals 35 – arbeitete für die Fondsgesellschaft DWS.

Daneben war Festerling seinerzeit pro bono für junge Unternehmen aus Schwellenländern tätig und versuchte, ihnen unter die Arme zu greifen – beispielsweise Kontakte zu Investoren zu vermitteln. Eine der Firmen suchte damals einen passenden Geschäftsführer und war auf Erick Yong aufmerksam geworden.

Aus Bonn in die weite Welt

Das Unternehmen und Yong passten nicht zusammen. Zwischen den beiden in Bonn geborenen Männern passte die Chemie dagegen umso besser. Festerling, der sich, wie er sagt, bei der Deutschen Bank eher wie ein kleines Zahnrad im großen Getriebe fühlte, hatte Gefallen daran gefunden, junge Unternehmen zu finanzieren und zu begleiten. Er konnte sich seine Zukunft eher im Start-up-Umfeld vorstellen als im großen Finanzkonzern. Yong hatte seinerseits Erfahrung beim Aufbau von Geschäftsmodellen und war dem afrikanischen Kontinent verbunden. Er hatte dort seit seiner Jugend und vor seinem Studium in Frankreich immer wieder Zeit verbracht.

Im Jahr 2015 gründeten die beiden die GreenTec Capital GmbH. Ihr Ziel ist es, als Kapitalgeber eine Nische in Afrika zu bedienen. Ihre Recherchen hatten ergeben, dass es in den frühen Phasen der Entwicklung dortiger Start-ups über den gesamten Kontinent verteilt lediglich rund 500 Investoren gibt, die eine Strategie mit Minderheitsbeteiligung sowie operativer Unterstützung fahren. „Bei – je nach Definition – rund 55 Ländern kein großer Pool an Konkurrenz“, erklärt Thomas Festerling.

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Knapp 20 Portfoliounternehmen aus zwölf afrikanischen Ländern hat GreenTec in den vergangenen sieben Jahren finanziert, die laut GreenTec einen konsolidierten Wert von über 50 Millionen Euro ausmachen. Jedes davon soll sich zumindest einem der 17 sogenannten Sustainable Development Goals (SDGs) der Vereinigten Nationen widmen, sagen die Kapitalgeber, deren Team aus ungefähr 20 Mitarbeitern besteht. Über 1.000 Unternehmen hat GreenTec bis dato zumindest vorbewertet. Eine Finanzierung erhielt beispielsweise ein nigerianisches Start-up, das aus Papier, Holz und landwirtschaftlichen Nebenprodukten Pellets herstellt, die umweltschonendes Kochen versprechen. Der Herd ist zudem in der Lage, mit überschüssig produziertem Strom über USB Handys aufzuladen. Neben solch greifbaren Lösungen findet sich im GreenTec-Portfolio eine kenianische Web- und Online-Plattform, die mehr Transparenz in den Logistiksektor des Kontinents bringen soll, der fragmentiert ist und auf Mittelsmänner setzt.

Dass die Zeit reif ist für den Kontinent als Landungsplatz für Investoren aller Art, da sind sich die beiden Investoren und ihr Team sicher. Denn der Gründergeist in Afrika wird erwachsen: Die Professionalität der Start-ups nimmt zu, wenn man Yong glaubt. Der Investor beobachtet, dass viele Afrikaner, die in den USA oder in Europa studiert und teilweise sogar erfolgreich gegründet haben, in ihre Heimat zurückkehren und die Entwicklung als Business-Angels mit ihrem gesammelten Wissen sowie Eigenkapital vorantreiben. Das schlägt sich in den Zahlen nieder. Der „Africa Tech Venture Capital Report“ des VC-Unternehmens Partech von 2020 zählte 359 Equity-Deals auf dem afrikanischen Kontinent, was einer Steigerung von 44 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entsprach. Allerdings sank das eingesetzte Kapital im gleichen Zeitraum um 29 Prozent auf 1,4 Milliarden US-Dollar. Die Schlussfolgerung, die Yong zieht: Es gibt mehr junge Unternehmen, in deren Ideen vertraut wird, aber die Investoren ergreifen nur mit kleinem Geld Opportunitäten im Markt.

Technologisch auf Augenhöhe

Erick Youn glaubt, dass mehr und mehr Investoren jungen Unternehmen auf dem Kontinent auch deshalb vertrauen, weil technologische Lösungen und Geschäftsmodelle ein neues Level erreicht haben. Bis vor ein paar Jahren hätten Gründer auf immer ähnliche Prinzipien, Geschäftsmodelle und lokal verfügbare technische Lösungen gesetzt. Zum Beispiel im Bereich Energie: Eine große Anzahl an Start-ups habe kleine Hardware wie Mini-Solarzellen oder Windräder angeboten. Die Bezahlmethode sei fast immer eine „Pay as you go“-Lösung gewesen, bei der die Energiedienstleistungen nur bezahlt werden mussten, wenn sie wirklich genutzt wurden.

Jetzt – mit fortschreitender Digitalisierung – seien die jungen Unternehmen des Kontinents in vielen Belangen auf demselben Level wie ihre Counterparts aus den entwickelten Industrieländern. „Die Founder aus Afrika können mit ihren Lösungen durchaus auf dem Weltmarkt mithalten. Im Bereich Mobile Payments sind sie sogar überlegen“, behauptet Yong.

Ein Städtemarkt mit bodenständigen Gründern

Auf globale Chancen würden die Gründer aber nicht immer schauen, sagt Festerling. Die jungen afrikanischen Unternehmen hätten allgemein ein gesünderes Verhältnis zu Fundraising und Business-Strategien als Initiatoren aus den entwickelten Ländern. Das habe verschiedene Gründe. Zum einen würden sich die afrikanischen Gründer im Vergleich zu Gründern in den USA oder Europa weniger Investoren gegenübersehen – und viel weniger Kapital. Dieser Umstand führe dazu, dass sie kleinere Brötchen bei Forderungen und Planungen backen, findet Festerling. Zudem hätten die afrikanischen Gründer einen sicheren Zugang zum Markt und handfeste Produkte im Blick, die nachhaltig funktionieren könnten. Und: „In Afrika haben die Gründer mehr Drive, etwas verändern zu wollen und zu helfen. Die gehen Probleme an, die wirklich vorhanden sind und sich sofort in der Praxis umsetzen lassen“, stellt Festerling fest.

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Warum gibt es in frühen Start-up-Phasen nicht mehr Investoren auf dem afrikanischen Kontinent? Informationsfluss, sagt Erick Yong. Der fehle in beide Richtungen. Zum einen würden afrikanische Start-ups kaum eine Möglichkeit haben, beispielsweise mit europäischen Investoren ernsthaften Kontakt aufzunehmen. Andersherum sei es oft so, dass Kapitalgeber aus einer Fehlinvestition in einem Land auf alle weiteren Länder und Start-ups des Kontinents schließen würden. Außerdem lasse Angst vor der politischen Lage eines Landes das Interesse schwinden, auch mangelnde Quellentransparenz und fehlende Informationen über Start-ups erschwerten die Kontaktaufnahme. Mit seiner über sechs Jahre gesammelten Erfahrung will GreenTec hier unterstützen und vermitteln. Das Unternehmen will eine Plattform aufsetzen, die Transparenz ermöglichen soll und beispielsweise vertrauenswürdige Quellen zusammenfasst, die über Start-ups berichten.

Indes zieht die Politik auf dem Kontinent mit. Einige Länder und Regierungen wollen Gründungen aktiv unterstützen – beispielsweise mit Steuervergünstigungen und Budgets für digitale Infrastrukturen. Denn bis dato sei Investieren in Afrika nicht einmal ein Ländermarkt, sondern ein Städtemarkt, sagt Yong. „In den Hotspots wie Lagos, Nairobi oder Kapstadt werden die meisten Unternehmen gegründet. Abseits davon ist also noch viel Potential.“ Nigeria hat ein Ministerium für Start-ups aufgesetzt, das sich teilweise an den Investmentrechtsprechungen des Vereinigten Königreichs orientiert, um sicheres und transparentes internationales Finanzieren zu gewährleisten. Auch kleinere Länder wie beispielsweise Ruanda gehen einen solchen Weg. Dort finden sich rechtliche Ansätze der Investitionslandschaft Singapurs in der Judikative wieder.

Für Festerling, den Zahlenmenschen und CFO bei GreenTec, sprechen die 17 nachhaltigen Entwicklungsziele, die sich hierzulande viele Investoren auf die Fahne geschrieben haben, umso mehr für Targets auf dem afrikanischen Kontinent: „In entwickelten Märkten ist Impact schwer zu messen, in Afrika ist gehaltvolles Investieren wirklich sichtbar und immer leichter möglich. Wer ein diversifiziertes Portfolio aufbauen will, der muss doch Afrika dabei haben.“

Im Vergleich zu Investitionen in anderen Teilen der Erde müsse man allerdings planen, in Afrika mehr abzuschreiben als anderswo, sagt Festerling. Dafür sind die Margen, mit denen er bei Exits kalkuliert, umso ambitionierter. Denn die Höhe des eingesetzten Kapitals in frühen Phasen ist verglichen mit anderen Märkten überschaubar. Durchschnittlich setzt GreenTec zwischen 50.000 und 100.000 Euro eigenes Geld pro Transaktion ein. Zweistellig sollen die Multiples sein, wenn der Verkauf der Gesellschafteranteile von GreenTec ansteht. Den Zeithorizont für seinen Exit hält sich GreenTec offen. „Wir bleiben so lange dabei, bis wir operativ nichts mehr beisteuern können“, sagt der gelernte Banker. Die afrikanischen Counterparts erwarten indes von ihren Kapitalgebern Ähnliches wie andere Gründer weltweit: nicht nur monetäre Unterstützung, sondern auch Netzwerk und Know-how.

Wissen ist mehr wert als Geld

Netzwerke brauchten auch die beiden Investoren, um ihre ersten Targets zu finden. Erick Yong ist viel in Afrika unterwegs gewesen und hat die ersten Targets für GreenTec Capital Partners aus seinen Bekanntschaften gewonnen. Zwischen 10 und 15 Prozent der Anteile eines Startups peilten die Investoren zum Zeitpunkt der Gründung an, heute sind es eher 5 bis 10 Prozent. Immer noch genug Anteile, um aus einer solchen Risikoposition in einer volatilen Start-up-Sphäre Kapital schlagen zu können, meint Festerling. Das Modell der beiden Investoren sah in der Anfangszeit vor, dass sie die Anteile der afrikanischen Unternehmen nur übernehmen, wenn die Gründer vorher festgelegte Meilensteine erreichen. Eine Art Equity-für-Resultate-Ansatz, der dem deutschen Geldgeber zumindest teilweise das Risiko minimieren konnte. Damit waren Fehlschüsse und Abschreibungen, die GreenTec am Anfang durchaus verkraften musste, monetär auf einem überschaubaren Level. Denn Yong und Festerling setzten viel Zeit und andere Ressourcen ein statt Geld. Die afrikanischen Start-up-Gründer sollten dadurch motiviert werden, die unternehmerische Richtung zu halten, damit mit dem Kapital von GreenTec die weiteren Entwicklungsschritte gegangen werden.

Diversifiziert, aber nie passiv

Heute ist GreenTec in seinen Investments weiterhin nicht nur finanziell, sondern auch operativ tätig. Die Finanzierungsoptionen sind indes vielschichtiger geworden. Die Gründerköpfe des Kapitalgebers arbeiten nun mit verschiedenen Investmentvehikeln – von einem großen Fonds bis hin zu speziellen Angeboten für Family Offices oder Investoren mit Interesse an einem Co-Investment. Die Finanzierungsgrößen sind zudem gewachsen. Bei dem in Planung befindlichen zweiten Fonds sind beispielsweise Investitionen von 1 Million Euro und mehr vorgesehen.

Trotz dieser Entwicklungen hin zu einem Investor, der unterschiedliche Möglichkeiten der Finanzierung anbietet, will GreenTec Capital Partners seinem operativen Ansatz weiterhin treu bleiben. „Wir bringen Unterstützung im Tagesgeschäft mit, ob das bei der Performance des Start-ups ist, beim Aufsetzen von Governance-Strukturen oder als allgemeiner Sparringspartner in unternehmerischen Fragen“, sagt Yong. Eine Rolle als passiver Beirat sei bei jungen afrikanischen Start-ups niemals richtig – weder für die jungen Unternehmen noch für das Modell von GreenTec, schließt Yong. Ein ebenfalls passendes Modell für Investments auf anderen Kontinenten.

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