Wenn der Patriarch über seine Nachfolge entscheidet und die Familie außen vor bleibt, führt das häufig zu Streit. Lis Ripke, Gründerin und Leiterin des Heidelberger Instituts für Mediation, und Werner Born, Mediator und Rechtsanwalt bei Rittershaus Rechtsanwälte, über die Notwendigkeit, alle Familienmitglieder an einen Tisch zu bringen.

Herr Dr. Born, was ist ein mediationsanaloger Beratungsprozess?

Born: In der rechtlichen Beratung vertritt der Anwalt grundsätzlich die Position seines Mandanten. Die rechtlichen Ergebnisse wie Testamente, Eheverträge, Gesellschaftsverträge oder Familienverfassungen sind daher meist an dem Interesse eines Familienmitglieds ausgerichtet, obwohl doch alle wissen, dass am Ende alle Familienmitglieder von diesen Regelungen betroffen sein werden. Um eine rechtliche Vereinbarung nach der mediationsanalogen Methode aufzusetzen, ist es erforderlich, dass sich alle Familienmitglieder zusammenfinden und gemeinsam an einer Regelung arbeiten, und zwar unabhängig davon, ob sie operativ tätig oder bereits Gesellschafter sind.

Wie funktioniert so ein Prozess?

Ripke: Am Anfang steht, wie bei einer Mediation, ein Arbeitsbündnis, auf das sich alle Beteiligten einigen. Das bedeutet, es geht nicht gleich um inhaltliche Fragen, sondern es werden zunächst die Modalitäten der Zusammenarbeit besprochen. Es wird festgelegt, wie die Familie zusammenarbeitet und Entscheidungen treffen will. Außerdem werden die Motivation und die Rolle jedes einzelnen Familienmitglieds besprochen. Jeder Schritt wird dokumentiert und visualisiert. Erst wenn das Arbeitsbündnis steht, beginnen wir mit den inhaltlichen Themen.

Born: Das Ergebnis der mediationsanalogen Beratung, also zum Beispiel der Inhalt einer Familiencharta, ist offen, so dass jeder Teilnehmer Einfluss nehmen kann, unabhängig von seiner Stellung im Unternehmen und in der Familie. Die Zusammenarbeit der Familie kann nur erfolgreich sein, wenn alle mitarbeiten und sagen, was ihnen wichtig ist.

Wie groß ist die Gefahr, dass Konflikte an die Oberfläche kommen und eskalieren?

Ripke: Konflikte können an die Oberfläche kommen. Es gehört sogar zu unserer Aufgabe, die emotional relevanten Themen anzusprechen und konstruktiv zu bearbeiten. Konflikte zeigen uns, wo die Veränderung ansetzen muss, um eine tragfähige Lösung zu finden. Wir gehen diesbezüglich aber sehr behutsam vor. Persönliche Kritik der Familienmitglieder untereinander übersetzen Mediatoren beispielsweise in einen Wunsch oder in eine positive Botschaft.

Wenn das Arbeitsbündnis steht: Was folgt?

Ripke: Es werden die Aspekte, die besprochen werden sollen, gesammelt. Jeder Teilnehmer erfährt, welches Thema den anderen wichtig ist. Im Konsens wird vereinbart, welche Themen bearbeitet werden sollen. Idealerweise würden wir alle Themen besprechen. Manchmal ist aber die Angst zu groß, bestimmte Streitpunkte anzusprechen. Das muss man akzeptieren. Häufig nimmt das Vertrauen im Laufe des Prozesses zu, so dass dann doch die „Tabuthemen“ auf den Tisch kommen.

Born: Sind die Themen definiert, gehen wir bei jedem Thema nach derselben Methode vor: Wir sammeln die Fakten und nehmen die Interessen und persönlichen Anliegen aller Beteiligten auf und erarbeiten für jedes Thema eine Option, bei Familienverfassungen beispielsweise oft für die Gewinnverwendung und Anteilsübertragung. Um taktisches Verhandeln zu vermeiden, werden die Optionen bis zum Schluss offengehalten. Am Ende, wenn alle über dieselben Informationen verfügen, kann jeder für sich entscheiden, ob er mit der Summe aller Optionen zufrieden ist.

Viele Unternehmer sind sehr starke Persönlichkeiten, die es gewohnt sind, allein und rational zu entscheiden. Wie bringen Sie diese Patriarchen dazu, sich zurückzunehmen?

Ripke: Man braucht einen starken Mediator, der das Vertrauen des Unternehmers genießt. Wenn dies nicht vorhanden ist, nützt die beste Methode nichts. Allen zuzuhören sind viele Entscheidungsträger nicht gewohnt und müssen vom Mediator darin unterstützt werden. In der Regel sind sie jedoch hinterher bereichert, da dadurch viel Potential für die Zukunft gewonnen wird.

Wie erreichen Sie ein Ergebnis?

Born: Bei der Lösungssuche muss man kreativ sein. Um aus den festgefahrenen Bahnen auszubrechen, überlegen wir gemeinsam, was alles denkbar ist. Quantität geht hier vor Qualität. Wenn die Ideensammlung abgeschlossen ist, müssen die Vorschläge von jedem Einzelnen bewertet und priorisiert werden. Am Ende wird über jedes einzelne Thema abgestimmt. Ziel ist es, einen Konsens zu erreichen. Dafür braucht man viel Zeit und Geduld. Wir können hier immer nur so weit gehen, wie die Teilnehmer es zulassen. Falls keine Einstimmigkeit erreicht wird, muss man noch einmal einen Schritt zurückgehen.

Was passiert, wenn am Ende keine Einigung erzielt wird?

Ripke: Konsens ist die notwendige Bedingung, sonst hat die Vereinbarung keinen Bestand. Wenn nicht alle Beteiligten zum Beispiel die Erbfolge, die Nachfolge in die Gesellschaft oder in die operative Führung des Familienunternehmens mittragen, können die Dokumente wie Testamente, Gesellschaftsverträge, Schenkungen oder Familienverfassungen nicht wirksam umgesetzt werden.

Doch selbst, wenn es nicht zu einer Einigung kommt, war der Prozess nicht umsonst. Eine Klärung wird meist von allen Beteiligten als hilfreich empfunden und führt häufig zu weiteren Überlegungen. Mitunter folgt auch, dass die Stämme oder Einzelne fortan getrennte Wege gehen. Aber auch das ist ein Ergebnis.

Wie lange dauert so ein Prozess?

Born: Das ist je nach Familie unterschiedlich. Im Fall der Familie Mack, die ich bei der Erarbeitung einer Familienverfassung unterstützt habe, haben wir uns für die Dauer von einem Jahr regelmäßig getroffen, jeweils für einen halben bis ganzen Tag. Insgesamt waren es sicherlich zehn bis 15 Sitzungen.

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