Materialien kritisch überprüfen, Produkte zurücknehmen, Kreisläufe ermöglichen – Familienunternehmen wie die Lindner-Gruppe, Schwan-STABILO und Strähle Raum-Systeme haben sich des Cradle-to-Cradle-Prinzips angenommen. Eine gemeinsame Erkenntnis: Der Impuls nach innen ist größer als die Außenwirkung. Und: Man kann das Thema nur konsequent verfolgen, wenn die Gesellschafterfamilie dahintersteht, weil die Kosten höher sind als der finanzielle Nutzen.

Ein Baum kennt keinen Müll. Er produziert Sauerstoff für die Lebewesen um ihn herum, seine Früchte dienen als Nahrung, Krone und Rinde als Wohnraum. Selbst wenn er seine Blätter abwirft, werden sie von Tieren als Schutz genutzt und dienen später als Kompost für die Erde. Was wäre, wenn alles so funktionierte? Wenn jedes Produkt und jeder Prozess so gestaltet wäre, dass seine Bestandteile später zur Basis für ein neues Produkt oder einen Prozess werden? Wenn es einfach keinen Müll mehr gäbe? Diese Vision des perfekten Kreislaufs hat der deutsche Chemiker und Verfahrenstechniker Michael Braungart bereits Anfang der neunziger Jahre ausgearbeitet und unter dem Namen „Cradle to Cradle“, kurz C2C, bekanntgemacht – auch bei immer mehr Familienunternehmen, die sich der Idee annehmen und ihre Produkte nach C2C zertifizieren lassen. Was war ihre Motivation? Und wie bewerten sie ihre Bemühungen? Einblicke in drei Unternehmensbeispiele, die die Utopie in die Praxis bringen wollen.

Die Lieferkette hinterfragen: Strähle Raum-Systeme

Ausbauelemente flexibel gestalten und über die Zeit auch an neue Nutzungszwecke anpassen – das ist die Idee hinter modularen Trennwandsystemen, wie sie die Strähle Raum-Systeme GmbH anbietet. Das Familienunternehmen in vierter Generation mit Stammsitz in Waiblingen und rund 45 Millionen Euro Umsatz wird heute von den Brüdern Paul und Florian Strähle gemeinsam mit Vater Werner geführt. „Die Grundidee der Systemwand, wie sie mein Vater seit den sechziger Jahren entwickelt hat, ist per se nachhaltig“, sagt Florian Strähle. „Anders als eine Gipskartonwand kann ich eine Systemwand umbauen, Wände versetzen, Türen versetzen, und das alles mit bestehendem Material.“ Entsprechend nahe habe für die Gesellschafter und das Familienunternehmen gelegen, tiefer in das Thema „Cradle to Cradle“ einzusteigen, nachdem Paul Stähle erstmals 2016 auf einer Messe damit in Kontakt kam. „Alle drei Gesellschafter waren schnell überzeugt, dass die Kreislaufidee genau zur Grundidee unseres Produktes passt“, sagt Florian Strähle.

Tobias Strähle von Strähle Raum-Systeme setzt im Familienunternehmen auf Cradle-to-Cradle.

Foto: KD Busch

Allerdings wurde ausgerechnet der Modulcharakter zum Problem: Denn die Grundlage für die Zertifizierung ist eine lückenlose Dokumentation über die Unbedenklichkeit und Schadstofffreiheit der Bestandteile. Anders als eine Gipskartonwand ist eine Systemwand ein komplexes Produkt aus verschiedenen Komponenten und Zulieferteilen wie Glas, Stahl, Schaumstoff und Klebstoffe. „Unsere größte Herausforderung war, alle Inhaltsstoffe offenzulegen“, sagt Florian Strähle. Gerade bei kleineren Zulieferern sei die Transparenz über die Materialien nicht immer gegeben. Für Glas habe die Firma zunächst überhaupt nur einen Zulieferer gefunden, der die Kriterien erfüllte. Die bis dato verwendeten PVC-Dichtungen mussten komplett gestrichen werden, da das Material bei der C2C-Zertifizierung auf der Roten Liste steht. „Man lernt sehr viel über die eigene Lieferkette“, resümiert Strähle. „Unsere Produkte werden wenn möglich schon so entwickelt, dass die Materialien nach der Nutzung getrennt und wiederverwertet werden können.“

Heute sind zwei der insgesamt sechs Strähle-Wandsysteme in einer Cradle-to-Cradle-zertifizierten Variante erhältlich. Zwar übertrage man die Learnings über Materialien und Lieferketten so weit wie möglich auch auf andere Produkte, weitere Zertifizierungen werde es aber wohl nicht geben, sagt Florian Strähle. Neben den reinen Zertifizierungskosten sei auch der interne Aufwand zur Entwicklung und Betreuung des Themas höher als zunächst angenommen. Bei einer Erstzertifizierung kämen so schnell Kosten nahe dem sechsstelligen Bereich, für die Re-Zertifizierung alle zwei Jahre noch mal Beträge im fünfstelligen Bereich zusammen. „Für ein kleines Unternehmen wie uns sind das enorme Summen“, sagt Strähle.

Auf der anderen Seite sei die Nachfrage bisher nicht groß genug bzw. die Bereitschaft der Kunden, einen Mehrpreis für eine zertifizierte Wand zu bezahlen, zu gering. „Wir haben noch nicht wirklich einen großen Anteil an C2C-Projekten in den Markt gebracht“, resümiert Strähle den Fortschritt im Familienunternehmen. Das sei das große Fragezeichen bei allen Zertifikaten: Eine Marktdurchdringung könne nur stattfinden, wenn es erschwinglich sei. Wenn die finanzielle Hürde zu groß sei, könnten sich viele kleine und mittlere Unternehmen diese Kosten definitiv nicht leisten. „Sollten wir uns jemals gegen die Zertifizierung entscheiden, dann nur aus Kostengründen.“ Dass Strähles noch dabei sind, hat vor allem mit der Überzeugung der Familie zu tun. „Nachhaltigkeit ist in der Baubranche ein Riesenthema. Wir stehen hinter der Idee und hoffen, dass wir uns dadurch langfristig vom Wettbewerb absetzen können.“

Aus Alt Neu machen: die Lindner-Grupp

Dass gerade der Baubranche mehr Nachhaltigkeit gut zu Gesicht stehen würde, ist auch Veronika Lindner bewusst. „Ungefähr 40 Prozent an Müll und Energieverbrauch kommen aus dem Bausektor, wenn man Bau und Betrieb zusammenrechnet“, sagt sie. Die 45-Jährige ist Vorsitzende des Verwaltungsrats der Lindner-Gruppe mit zuletzt 7.500 Mitarbeitern und 1,1 Milliarden Euro Umsatz, deren größte Tochtergesellschaft, die Lindner SE, Decken-, Boden- und Trennwandsysteme herstellt. Ihr Vater, der Unternehmensgründer Hans Lindner, ist mit 80 Jahren nach wie vor persönlich haftender Gesellschafter, derweil gemeinsam mit seiner Tochter.

Veronika Lindner von der Lindner-Gruppe setzt "nennenswerte Beträge" für Cradle-to-Cradle ein.

Foto: www.lindner-group.com

Wie es zum ersten Kontakt mit Michael Braungart und der Cradle-to-Cradle-Idee kam, weiß Veronika Lindner heute nicht mehr genau. Allerdings beschäftigt sich die Führungsmannschaft bei Lindner schon seit langem mit den Themen Ressourcenschonung und Wiederverwertung. „In der Baubranche wird viel Gips benötigt – und Naturgips ist ja eine endliche Ressource“, sagt Lindner. Ihr Unternehmen habe schon vor 35 Jahren die erste Doppelbodenplatte hergestellt, die zu 99 Prozent aus Recyclingmaterial bestehe. Vor fünf Jahren wurde das erste Produkt im Familienunternehmen nach „Cradle to Cradle“ zertifiziert. Die Entscheidung für diesen Kurs war einvernehmlich, sagt Veronika Lindner: „Da musste niemand überzeugt werden. Die Zertifizierung gab uns die Chance, das Thema intern strukturiert anzugehen und auch nach außen sichtbar zu machen.“

Ähnlich wie bei Strähle war der erste Schritt, die Lieferketten und Inhaltsstoffe zu überprüfen, um Schadstofffreiheit und Unbedenklichkeit zu garantieren. Zugleich war den Gesellschaftern auch bewusst, dass es nicht reicht, nur auf Produktebene zu denken, wenn echte Kreisläufe in Gang kommen sollen. „Das Thema Rückbau hat für uns seit vielen Jahren eine große Bedeutung“, sagt Veronika Lindner. So hat das Familienunternehmen etwa 2009 die Revitalisierung der Zwillingstürme der Deutschen Bank in Frankfurt am Main verantwortet. „Wir haben die ganze Inneneinrichtung, also zum Beispiel Wände und Waschbecken rückgebaut, zu unserer Stiftung nach Rumänien gebracht und dort eins zu eins wieder in sozialen Projekten verbaut“, sagt Lindner.

Benutzte Produkte als Materialquelle für neue Produkte zu verstehen ist ein essentieller Bestandteil der Cradle-to-Cradle-Idee. „Aktuell sind wir dabei, eine Anlage zum Recycling von rückgebauten Gipsplatten zu entwickeln“, sagt sie. Die sinnvollste Quelle für die Wiederverwertung ist für die Lindner SE das eigene Material – allein schon deswegen, weil dann die Inhaltsstoffe bekannt sind. „Wir bieten all unseren Kunden an, die Materialien nach Gebrauch zurückzunehmen“, sagt Veronika Lindner und beschreibt damit ein weiteres wichtiges Ziel von „Cradle to Cradle“: Denn nach Überzeugung von Manfred Braungart wollen Kunden Produkte aus dem technischen Kreislauf, also etwa Elektrogeräte oder eben Baustoffe, nicht in erster Linie besitzen, sondern vor allem nutzen. Die logische Konsequenz daraus ist die Rücknahme der Produkte nach der Nutzung, um die Materialien wieder dem Kreislauf zuzuführen. Tatsächlich hat Lindner bereits ein Leasingsystem für verschiedene Produkte entwickelt – aber auch die Erfahrung gemacht, dass Angebote wie dieses derzeit noch sehr zaghaft angenommen werden: „Da brauchen wir gar nicht in Prozent vom Umsatz zu sprechen – die Kunden kann man an zwei Händen abzählen.“

Was aber passiert mit rückgebautem Material, das nicht von Lindner stammt? Ein Argument, über das eigene Unternehmen und Geschäftsmodell hinauszudenken. „Dem Nutzer oder Eigentümer fehlt oft das Wissen über die Kreislauffähigkeit eines Gebäudes“, sagt Veronika Lindner. Kreisläufe könnten aber nur ermöglicht werden, wenn das Facilitymanagement einbezogen werde und die Materialien bekannt seien. „Ich muss doch wissen: Welchen Schatz oder auch welche Schadstoffe habe ich hier vor mir?“ Daher engagiert sich das Unternehmen für das Thema digitaler Gebäudepass, etwa im Rahmen des Forschungsprojektes Gaia X und bei der niederländischen Madaster-Stiftung.

Info

Den Begriff „Cradle to Cradle“, kurz C2C, haben der Verfahrenstechniker und Chemiker Prof. Dr. Michael Braungart (hier im wir-Doppelinterview mit seiner Tochter) sowie der Architekt und Designer William McDonough gemeinsam Anfang der neunziger Jahre geprägt: Danach werden Prozesse und Produkte so gestaltet, dass idealerweise gar kein Müll im heutigen Sinne mehr anfällt („Cradle to Grave“). Stattdessen sollen alle Inhaltsstoffe „unbedenklich und kreislauffähig sein“ und nach Gebrauch zu nutzbaren Nährstoffen für weitere Prozesse werden.

Dabei unterscheidet Cradle to Cradle zwischen Ver- und Gebrauchsgütern: Verbrauchsgüter wie zum Beispiel Textilien aus Naturfasern, Reinigungs- und Waschmittel werden kompostierbar gestaltet und bleiben so der sogenannten „Biosphäre“ erhalten. Gebrauchsgüter wie Elektrogeräte, Autoteile oder Baumaterial werden so gestaltet, dass sie nach der Nutzung in ihre Einzelteile zerlegt und innerhalb der „Technosphäre“ einer neuen Nutzung zugeführt werden können. Bis heute haben Familienunternehmen verschiedener Branchen die Idee von „Cradle to Cradle“ aufgegriffen, darunter etwa Werner & Mertz, die Schwarz-Gruppe, C&A und Trigema.

Lohnt sich der Aufwand? „Natürlich setzen wir für die Kreislauffähigkeit nennenswerte Beträge ein“, sagt Veronika Lindner. „Aber nicht nur um nachhaltig zu werden, sondern auch weil es ökonomisch sinnvoll ist.“ Dabei sieht sie den monetären Vorteil nicht so sehr im erhöhten Absatz, sondern auch bei der Ressourcenbeschaffung und der langfristigen Sicherung des Geschäftsmodells. „Alles was ökologisch sinnvoll ist, ist auch ökonomisch wertvoll“, zitiert Lindner ihren Vater Hans. Zwar sei es nicht der Plan, alle Produkte zertifizieren zu lassen, doch natürlich wolle Lindner die Erfahrungen aus der Zertifizierung auch in das breitere Sortiment tragen. „Es werden immer mehr Produkte in die C2C-Kriterien passen, und dann werden wir sie auch zertifizieren lassen“, sagt Lindner. Das unabhängige „Zeugnis“ der Zertifizierung ist für Lindner wichtig. „Es reicht ja auch nicht zu sagen: Natürlich bin ich bio – aber ich will mir die Zertifizierung nicht leisten.“

Gesellschafter hier, Kunden da: Schwan-STABILO

Wie wichtig die Rückendeckung durch die Gesellschafterfamilie ist, zeigt auch das Beispiel des Nürnberger Herstellers von Schreibgeräten und Kosmetikprodukten Schwan-STABILO. An der Spitze der Schwanhäußer Industrie Holding GmbH & Co. KG, die zuletzt mit 4.520 Mitarbeitern einen Umsatz von 609,8 Millionen Euro machte und zu der auch die Marke STABILO gehört, steht CEO Sebastian Schwanhäußer als Familienunternehmer in fünfter Generation. 2010 brachte das Familienunternehmen den ersten Cradle-to-Cradle-zertifizierten STABILO-Stift auf den Markt. Der Impuls, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, kam von Schwanhäuser selbst, der damals bereits Chef der Schreibgerätesparte war – ein entscheidender Vorteil angesichts der Komplexität einer Produktneuentwicklung. „Auch ein kleiner Stift wird ja nicht im stillen Kämmerlein von einer Einzelperson gemacht“, sagt Nils Rosenbaum, der im Board of Management von Stabilo International für die Themen Global Supply Network und Sustainability zuständig ist. „Man braucht Entwickler, Einkauf, Produktion, Marketing.“

Gebündelte Cradle-to-Cradle-Erfahrung: Nils Rosenbaum von STABILO International.

Foto: STABILO

Die Rückendeckung der Gesellschafter erleichtere das. Zudem sei der Prozess langwierig: Zwischen dem ersten Kontakt mit Michael Braungart im Jahr 2007 und der ersten Zertifizierung lagen fast vier Jahre. Das habe auch damit zu tun, dass man ganz bewusst kein Ökoprodukt machen wollte, sagt Rosenbaum. „Wir sind davon überzeugt, dass unsere Kunden, von denen ja auch viele zur Fridays-for-Future-Generation gehören, ein hohes ökologisches Bewusstsein haben. Aber sie wollen keine Abstriche machen: Der Stift soll genauso aussehen und funktionieren, wie sie es gewohnt sind, nur eben zertifiziert.“

In der Entwicklung sei das eine Herausforderung, da sich zertifizierte Materialien wie zum Beispiel Kunststoff aus Rezyklat bei der Verarbeitung ganz anders verhalten, es mussten ganz neue Konstruktionsansätze entwickelt werden, um ein vergleichbares Produkt zu erhalten. Der Vorteil: Wie Lindner und Strähle kann STABILO die Erkenntnisse aus dem Prozess für weitere Produktgruppen nutzen und so zum Beispiel den Anteil an Rezyklaten für die Produktion erhöhen. Im Jahr 2012, also kurz nach der ersten Zertifizierung, wurden pro Jahr 24 Tonnen an recyceltem Kunststoff verwendet. Heute sind es 150 Tonnen, und es soll noch mehr werden. Eine umfassende Zertifizierung sei allerdings nicht das Ziel. „Für uns ist es nachhaltiger, möglichst viele unserer Produkte um 80 Prozent besser zu machen, als bei wenigen Produkten um die letzten 20 Prozent zu kämpfen, die für eine Zertifizierung notwendig wären“, sagt Rosenbaum.

Zudem sieht er auch die Absatzmöglichkeiten und die Preissensibilität der Kunden realistisch: „Die Zertifizierung hilft nicht dabei, Umsatz zu machen. Die Kosten, die man in die Cradle-to-Cradle-Zertifizierung steckt, über einen höheren Preis oder gesteigerte Umsatzzahlen wieder reinzubekommen, ist für das Familienunternehmen unrealistisch.“ Was bleibt, ist die Wirkung nach innen. „Und das war ja auch ein sehr wichtiges Ziel“, so Rosenbaum. Womit wir wieder bei den Gesellschaftern sind. Denn so einen Kurs zieht eine Organisation nur durch, wenn sie weiß, dass er von den Eigentümern langfristig gewollt ist.

Aktuelle Beiträge

So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen
Whitepaper sichern »
Whitepaper sichern »
So sichern Unternehmer­familien ihr Vermögen