Das Konzept „Cradle to Cradle“ (C2C) ist fast 30 Jahre alt. In der Breite durchgesetzt hat es sich noch nicht. Trotzdem geben Chemiker und C2C- Mitbegründer Michael Braungart und seine Tochter Nora Griefahn, Umwelttechnikerin und Gründerin, nicht auf.

Herr Professor Michael Braungart, was ist die Kernidee von „Cradle to Cradle“? Ein unendlicher Materialkreislauf?

Michael Braungart: Nein, es geht nicht um den Kreislauf. Die eigentliche Frage ist: Wie können wir nützlich sein – nicht weniger schädlich? Die ganze Nachhaltigkeitsdiskussion dreht sich um die Frage, wie wir Menschen unseren Fußabdruck auf der Erde verringern können. Dahinter steht die Überzeugung, dass es der Erde am besten gehen würde, wenn wir gar nicht da wären. Diese Idee findet sich auch bei Fridays for Future oder beim Club of Rome, der Frauen belohnen will, die keine Kinder haben, weil sie so angeblich die Umwelt am meisten schützen. Aber was wäre, wenn wir aus unserem Fußabdruck ein Biotop machen könnten? Alles kann Nährstoff sein. Menschen sind die einzigen Lebewesen, die Abfall verursachen, alle anderen machen Nährstoffe. Das muss auch unser Ziel sein: Wir wollen den Fußabdruck feiern.

Geben Sie uns ein konkretes Beispiel.

Braungart: Wenn wir Schuhsohlen, Bremsbeläge oder Autoreifen gestalten, sollte das Ziel nicht weniger Feinstaub oder Mikroplastik sein. Die Frage ist: Wie kann der Abrieb biologisch nützlich für die Umwelt sein, zum Beispiel als Dünger für den Grünstreifen? Und warum verkaufen wir den Menschen statt einer Waschmaschine nicht einfach die Dienstleistung „3.000-mal waschen“? Dann würde das Gerät von vornherein im Besitz des Herstellers bleiben, der es nach der Nutzung zurücknehmen, zerlegen und die Materialien neu verwerten kann. Diese Idee habe ich 1994 erstmals vorgestellt – vor weniger als einem Jahr hat nun EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen „Cradle to Cradle“ genau an diesem Beispiel bei einem Interview beschrieben. Viele Familienunternehmern haben die Bedeutung von „Cradle to Cradle“ sehr viel schneller verstanden.

Nora Griefahn: Es gibt heute 11.000 C2C-zerifizierte Produkte. Unter den Interessenten für das Konzept waren schon immer viele Familienunternehmer. Das erste C2C-Produkt war ein essbarer Bezugstoff für Möbel der Firma Climatex, die zu JAB Anstoetz gehört. Inzwischen sind zahlreiche Familienunternehmen dazu gekommen, wie Trigema, die Schwarz-Gruppe, C&A oder Schwalbe. Ihr gemeinsames Interesse ist, die Zukunft des Unternehmens nicht für ein oder zwei Jahre abzusichern, sondern für die nächsten 50 oder sogar 100 Jahre. Das wird immer mehr zum Konsens.

Braungart: Der Vorstand von BMW hat bei der Bilanzkonferenz vorgestellt, dass ab 2025 alle BMW-Fahrzeuge nach „Cradle to Cradle“ gebaut werden. Und nicht nur Eigentümer wie Susanne Klatten verstehen, dass konventionelle Nachhaltigkeitsideen langfristig nicht ausreichen. Das Thema beschäftigt inzwischen schon die Banken: Sie befürchten, dass die großen Vermögen, wie es sie zum Beispiel auch in der Stahlindustrie gibt, ohne Zukunftskonzept wieder verloren gehen.

Kann „Cradle to Cradle“ auch Auswirkungen auf die Nachfolge im Familienunternehmen haben?

Griefahn: Ja, unbedingt. Eine Folge der „Fridays for Future“-Bewegung ist ja, dass sie die Diskussionen zwischen den Generationen über den Klima- und Umweltschutz stärker an den Küchentisch gebracht hat. Diese Diskussionen gibt es in Unternehmerfamilien genauso. Die Chance, das ganze System noch mal neu zu durchdenken, ist für Nachfolger sehr attraktiv, die auf der Suche nach ihrer eigenen Rolle und Bedeutung für das Unternehmen sind. Aber anders als bei Fridays for Future geht es bei C2C nicht um Verbote oder Verzicht, sondern um konkrete Gestaltungsmöglichkeiten. Braungart: Die Kinder fragen ganz konkret: Warum soll ich den Umsatz verdoppeln, wenn zugleich die Welt untergeht? Das Wichtigste ist, zu verstehen, dass der Mensch ein Nützling sein kann. Wir brauchen ein positives Ziel.

Frau Griefahn, Sie sind Jahrgang 1992, Ihre Mutter ist die SPD-Politikerin Monika Griefahn, die 1980 Greenpeace Deutschland mitgegründet hat und Umweltministerin von Niedersachsen war. Wie haben Sie die Gespräche über Umweltthemen zu Hause wahrgenommen?

Griefahn: Als kleines Kind habe ich lange gar nicht verstanden, was meine Eltern eigentlich genau machen. Was aber von Beginn an eine Rolle gespielt hat, war, logisch zu schlussfolgern und Dinge kritisch zu hinterfragen. Im Studium der Umweltwissenschaften habe ich dann alle möglichen Spielarten der Nachhaltigkeit kennengelernt – und auch verstanden, dass das nicht die Lösung sein kann. Natürlich ist es schön, mit einem Jutebeutel einkaufen zu gehen. Aber es löst das Problem genau so wenig, wie Plastikstrohhalme zu verbieten. Das 1,5-Grad-Ziel bedeutet nur, dass sich der Planet eine Generation später zerstören wird. Wobei es genau genommen nicht um die Zerstörung des Planeten geht, der kommt gut ohne uns zurecht. Wenn der Mensch auf der Erde nicht mehr leben kann, dann ist unsere Art eben weg. Es geht darum, nicht alles zu zerstören, was uns Menschen auszeichnet.

Braungart: Nachhaltigkeit ist eine moralische Frage – und sie macht den Kunden zum Feind. Wenn ein Produkt nur weniger schlecht ist, müsste ich den Kunden eigentlich fragen: Musst du das wirklich haben? Kannst du nicht noch warten? Wenn das Produkt nützlich ist, kann ich sagen: Lieber Kunde, je mehr du kaufst, umso schneller schaffen wir das mit der Rettung der Erde. „Cradle to Cradle“ ist nicht moralisch, sondern clever. Die moralische Frage fällt weg, stattdessen haben wir eine Innovationschance.

Herr Braungart, zur Umsetzung Ihrer Ziele haben Sie 1987 die EPEA – Internationale Umweltforschung in Hamburg gegründet. 2019 haben Sie die Mehrheit der Anteile an das Planungs- und Beratungsbüro Drees & Sommer verkauft. Warum?

Braungart: Ich habe für mich selbst begriffen: Ich muss die wissenschaftlichen Grundlagen noch verbessern und mich ausschließlich darauf konzentrieren. Zugleich soll „Cradle to Cradle“ kommerziell vervielfältigt werden, vor allem die breite Zertifizierung muss ermöglicht und professionalisiert werden. Das kann ein größeres Unternehmen mit entsprechenden Ressourcen besser leisten.

Frau Griefahn, Sie haben 2012 mit 20 Jahren den heutigen Verein C2C NGO mitgegründet. Was war ihre Motivation?

Griefahn: Es ging uns gar nicht so sehr darum, unbedingt unser eigenes Ding zu machen. Es war eher so etwas wie die Weiterentwicklung unseres studentischen Engagements für das Thema. Mein Vater hat durch seine Arbeit eine Grundlage geschaffen, und es gibt inzwischen auch viele konkrete Produkte, die man braucht, um die Idee sichtbar zu machen. Der nächste Schritt ist für mich, das Thema in die Breite zu tragen. Das ist unsere Aufgabe bei C2C NGO. Wir erstellen Material für Bildungseinrichtungen, sprechen mit Städten, Gemeinden und politischen Entscheidungsträgern, machen Öffentlichkeitsarbeit und führen Veranstaltungen und Kongresse zum Thema durch. Das ist ja genau die Herausforderung: Wir wollen nicht nur Unternehmer oder Wissenschaftler erreichen, sondern die ganze Gesellschaft.

Info

Materialien kritisch überprüfen, Produkte zurücknehmen, Kreisläufe ermöglichen – Familienunternehmen wie die Lindner-Gruppe, Schwan-STABILO und Strähle Raum-Systeme haben sich des Cradle-to-Cradle-Prinzips angenommen. Eine gemeinsame Erkenntnis: Der Impuls nach innen ist größer als die Außenwirkung. Hier geht es zum Artikel: Cradle to Cradle in Familienunternehmen: Arbeiten an der Utopie

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