Martin Viessmann, Geschäftsführender Gesellschafer des Heiztechnik-Spezialisten Viessmann Werke, tritt früher zurück als geplant und ernennt seinen Sohn Maximilian zum Chief Digital Officer. Warum?

Die Nachricht geht in den ersten Tages des Jahres 2014 über die Ticker: Google kauft Nest Labs für 3,2 Milliarden US-Dollar. Der Internetkonzern tätigt die bis dahin zweitgrößte Akquisition in seiner Geschichte, um eine gerade mal vier Jahre zuvor gegründete Firma aus dem Silicon Valley zu erwerben, die vor allem mit intelligenten Thermostaten auf dem Markt ist.

Für die Heiz- und Klimatechnikbranche weltweit ist das ein Warnsignal – ungefähr vergleichbar mit der Vorstellung des ersten Google-Autos wenige Monate später und der damit verbundenen Botschaft an die Automobilindustrie: Neue Player rollen den Markt auf, die Grenzen zwischen den Branchen verschwimmen. Eine kritische Größe und Jahrzehnte des Erfolgs in der Vergangenheit sind keine Zukunftsgaranten mehr. Jederzeit kann ein cleveres Start-up das eigene Geschäftsmodell über den Haufen werfen.

Generationenwechsel bei Viessmann früher als geplant

Wie kommt nun der Geschäftsführende Gesellschafter eines bekannten deutschen Heiztechnikherstellers, der Viessmann GmbH & Co. KG, ausgerechnet in dieser Situation auf den Gedanken, den Generationenwechsel vorzuverlegen und seinen Sohn in die Verantwortung zu holen? Das ist eher die Ausnahme als die Regel. In den meisten Fällen wirft der Senior die Pläne für die baldige Unternehmensnachfolge im Familienunternehmen über den Haufen, wenn er eine Krise aufziehen sieht. Er will den Junior in schwierigem Fahrwasser nicht alleinlassen, hält seine Erfahrungen im Umgang mit Krisen für unersetzlich und fühlt sich verpflichtet zu bleiben, bis sich die Wogen einigermaßen geglättet haben. Gerade während der Finanzkrise ab 2008 gab es viele solcher Beispiele, und auch angesichts der Digitalisierung meint so mancher Unternehmer, das Steuer doch nicht loslassen zu können.

Bei Viessmann ist es genau umgekehrt: Eigentlich hatte Senior Prof. Dr. Martin Viessmann (63) geplant, den Generationenwechsel im Jahr 2017 einzuleiten. Doch die anstehenden Herausforderungen und nicht zuletzt Googles Nest-Akquisition bewegen ihn dazu, umzudenken und den Prozess zu beschleunigen: Ein Jahr früher als geplant zieht sich Martin Viessmann im Juni 2016 aus der operativen Unternehmensführung zurück und konzentriert sich seitdem auf seine Rolle als Präsident des Verwaltungsrates. Zeitgleich übernimmt sein Sohn Maximilian (27) die Funktion des Chief Digital Officers (CDO). Die Stelle hatte zuvor Joachim Janssen inne, Martin Viessmanns bisheriger Stellvertreter, der nun an die Spitze des Vorstands rückt.

Neue Generation, neue Qualifikation

Für diesen ungewöhnlichen Schritt hatte Martin Viessmann gute Argumente. Das wohl wichtigste war: Wenn es um die Herausforderungen der Digitalisierung geht, ist die jüngere Viessmann-Generation vom Fach. Maximilian Viessmann hat Wirtschaftsingenieurwesen mit den Schwerpunkten Energietechnik und Unternehmensführung studiert und war unter anderem bei der Boston Consulting Group tätig. Seit Jahren beschäftigt er sich mit digitalen Geschäftsmodellen und engagiert sich als Investor und Innovation-Partner bei verschiedenen Venture-Capital- und Business-Angel-Plattformen. In dieser Szene scheint er sich zu bewegen wie ein Fisch im Wasser. Seine Qualifikation wird für den Vater zur Steilvorlage. „Wenn unser Geschäftsmodell schon angegriffen wird, dann am liebsten aus der eigenen Familie“, fasst Viessmann Senior anlässlich seiner Auszeichnung zum „Unternehmer des Jahres 2016“ seine Entscheidung zusammen, dem Sohn die Verantwortung für die digitale Erneuerung zu übertragen. Dabei legt er Wert darauf, dass er seine Kinder nicht in das Unternehmen gedrängt habe. „Meinen Kindern habe ich immer gesagt, sie sollen das machen, was ihnen Spaß macht und worin sie gut sind“, sagt er. Zudem habe er festgestellt, dass er sich zunehmend für das interessierte, was sein Sohn sowohl von seiner Arbeit in der Unternehmensberatung als auch von der Gründerszene erzählte. „Und ich merkte, dass die Herausforderung unserer Unterhaltungen nicht darin lag, dass er meine Augenhöhe suchte, sondern umgekehrt.“

Info


Die Viessmann Werke GmbH & Co. KG wurde 1917 gegründet. Der Hauptsitz des Herstellers von Heiz-, Industrie- und Kühlsystemen liegt bis heute im nordhessischen Allendorf (Eder), wo auf 6.000 Einwohner 4.000 Viessmann-Mitarbeiter kommen. Insgesamt beschäftigt das Familienunternehmen weltweit 11.600 Mitarbeiter, die einen Umsatz von 2,22 Milliarden Euro erzielen – rund viermal so viel wie vor dem Antritt von Martin Viessmann als Firmenchef im Jahr 1992. Auch der Exportanteil von 56 Prozent geht auf das Konto des Familienunternehmers in dritter Generation, der die Internationalisierung des Geschäfts maßgeblich vorangetrieben hat. Für seine unternehmerische Leistung und für seine vorbildliche Nachfolgeplanung wurde er im November 2016 von der INTES Akademie für Familienunternehmen und dem Wirtschaftsmagazin „Impulse“ als „Unternehmer des Jahres 2016“ ausgezeichnet.

Noch ein weiterer Faktor ist als Treiber der Nachfolgeregelung nicht zu unterschätzen: Martin Viessmann weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer und zäh der Generationenwechsel sein kann, wenn der Senior nicht loslassen kann. Als Familienunternehmer in zweiter Generation war es sein Vater Hans Viessmann, der aus einem kleinen, 1917 gegründeten Handwerksbetrieb einen der größten Heizungshersteller in Europa machte, vielen Rückschlägen und zwei Ölkrisen zum Trotz. Fast legendär ist sein Kontrollbedürfnis, von jedem Vorgang verlangte er einen Bericht, musste überall im Verteiler stehen. Kaum eine Entscheidung, egal wie unbedeutend, konnte ohne ihn getroffen werden.

Auf diesem Kurs kollidierte der Vater auch mit Sohn Martin, der bereits in den achtziger Jahren in die Geschäftsleitung kam, aber kaum Gehör fand, geschweige denn freie Hand bekam. Beinahe hätte die Firma den Anschluss an die Konkurrenz verpasst, weil Vater Hans sich weigerte, neben den klassischen Heizkesseln auch moderne Wandheizgeräte ins Sortiment aufzunehmen. Das geschah erst, als Martin Viessmann 1992 die Leitung übernahm – parallel zu einem radikalen Wandel in der Führungskultur.

Rückblickend lassen sich die Errungenschaften von Martin Viessmann zwei großen Bereichen zuordnen: Er betrieb nachdrücklich die Internationalisierung des Geschäfts und machte die Firma, die heute 56 Prozent ihres Umsatzes im Ausland macht, unabhängiger von Schwankungen im Heimatmarkt. Und er trimmte das Sortiment auf Zukunftsfähigkeit: Bei den Energiequellen für Viessmann-Technologie stehen heute neben Öl, Gas und Strom selbstverständlich auch Biomasse, Luft- und Erdwärme und Sonnenenergie zur Auswahl. Am Standort im nordhessischen Allendorf an der Eder lebt Viessmann vor, was er verkauft: Er steigerte er den Anteil erneuerbarer Energien in der Produktion, reduzierte den Verbrauch fossiler Energien und den CO2-Ausstoß um 80 Prozent.

Strukturen für neue Wege

Zeitig erkannt hat Martin Viessmann auch die Herausforderung der Digitalisierung – gepaart mit der Idee, dass sein Sohn dafür womöglich der geeignetere Kopf sein könnte. 2015 holte er Maximilian ins Digital-Steering-Commitee der Firma, wofür der Junior bereits geplante Stationen außerhalb des Unternehmens ausfallen ließ. Vater und Sohn reisten gemeinsam ins Silicon Valley, besuchten Firmen, lernten neue Geschäftsmodelle kennen, folgten dem Gründergeist. Sie gründeten die Wagniskapitalgesellschaft Vito Ventures. Inzwischen arbeitet bei Viessmann eine dreistellige Zahl von Mitarbeitern am digitalen Wandel.

Transformation des Kerngeschäfts angesichts der Digitalisierung, Aufbau junger Unternehmen mit Nähe zum eigenen Kerngeschäft, Prüfung branchenfremder Geschäftsmodelle – mit diesem Dreiklang beschreibt Martin Viessmann die Aufgaben seines Sohnes in seiner Rolle als CDO. Offensichtlich wird auch die Bindung zum – und die Trennung vom – Unternehmen von Generation zu Generation neu definiert. Zum Vergleich: Der Wechsel von Hans zu Martin Viessmann fiel zwar spät, dafür aber radikal aus. Nachdem der Vater im Alter von 74 Jahren endlich die Leitung an den Sohn übergab, soll er das Firmengelände nie wieder betreten haben. Auch die eigentlich geplante Tätigkeit im Beirat lehnte der Senior strikt ab. Martin Viessmann seinerseits knallt keine Türen, trennt sich aber auch noch nicht so ganz vom Unternehmen. Als Präsident des Verwaltungsrates ist er immer noch aktiv, wenn auch im Hintergrund.

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