Horst-Otto Gerberding verkauft in dritter Generation das Unternehmen, das im börsennotierten Symrise-Konzern aufgeht. Arbeitsplätze gehen in der Kleinstadt verloren, die Familie wird beschimpft. Sie bleibt trotzdem. Warum?

Totenstille in der großen Halle. Horst-Otto Gerberding hatte seiner Belegschaft eben verkündet, dass er sich aus dem Unternehmen zurückziehen und es in andere Hände geben wird. Um die Zukunft des Unternehmens zu sichern. Nach kurzer Zeit, die endlos erschien, erhob sich ein Mitarbeiter und klatschte langsam in die Hände. Ein weiterer folgte, dann immer mehr. Schließlich gab es Standing Ovation. Wie er sich in diesem Moment gefühlt habe? „Es war für mich ein sehr emotional bewegender Moment“, erinnert sich Horst-Otto Gerberding. „Die Mitarbeiter waren von der Information der zukünftigen Fusion total überrascht. Sie hatten damit nicht gerechnet.“ Die spontane Reaktion der 2.000 Mitarbeiter zeigt: Sie vertrauen ihrem Chef. Der Chef wird schon wissen, was richtig ist für uns und für Dragoco, das Unternehmen, das Duftund Geschmacksstoffe herstellt und es weltweit zur Nummer sieben schaffte. Der Finanzinvestor EQT, der zur schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg gehört, fusionierte Dragoco mit der benachbarten, viel größeren Bayer-Tochter Haarmann & Reimer und firmierte die beiden in Symrise um.

Das war im Jahr 2003. Heute, acht Jahre später, sitzen HorstOtto Gerberding und seine Frau Kirsten sich in einem Büro in Holzminden gegenüber. Das Büro hat sich Horst-Otto Gerberding im ehemaligen Haus seiner Großeltern eingerichtet, nachdem er aus der operativen Geschäftsführung ein Jahr nach der Fusion ausgeschieden war. „Ich brauchte schnell einen festen Rahmen.“ In diesem Büro diskutieren die beiden Projekte ihrer Stiftung, die sie gemeinsam gegründet haben: „Courage! Die Gerberding Stiftung“. Von diesem Büro aus organisiert Horst-Otto Gerberding seine Aktivitäten. Seit Hauptberuf heute: Beirat. Er arbeitet in Beiräten von vier Familienunternehmen.

Ängste abbauen

Holzminden ist für die Gerberdings Lebensmittelpunkt geblieben. Andere wären vielleicht weggezogen in eine pulsierende Großstadt, wo sie auf der Straße niemand erkennt. Denn das Leben hatte sich verändert. Nachdem die Nachricht über die Fusion gesackt war, verbreitete sich Unsicherheit in dem 22.000-Seelen-Städtchen. Wer würde seinen Job behalten, wer nicht? Horst-Otto Gerberding war abgetaucht im Unternehmen, arbeitete rund um die Uhr, damit die Integration beider Unternehmen gelingt. Er führte viele Gespräche, um alle Mitarbeiter zu überzeugen, dass die Fusion richtig ist. Die Gerberdings luden auch Mitarbeiter nach Hause ein. Das hatten sie schon immer getan. Aber in dieser schwierigen Zeit ging es vor allem darum, Ängste abzubauen.

Kirsten Gerberding kämpfte währenddessen an anderen Fronten. Spaziergänge durch die Stadt vermied sie. Beim Einkaufen trafen sie Blicke und Kommentare ins Mark. „Wirklich schlimm empfand ich, als mir Menschen den Mittelfinger zeigten“, erinnert sie sich. Kirsten Gerberding wirft den Menschen aber nichts vor. „Ihr Verhalten zeigte Angst und Unsicherheit. Zu Recht. Viele haben ja auch ihre Arbeit verloren.“ Es waren ungefähr 950 von den insgesamt weltweit 5.800 Mitarbeitern, die Haarmann & Reimer und Dragoco im Jahr 2003 beschäftigten – ein Großteil davon in Deutschland.

Aber die Gerberdings blieben. „Holzminden ist unsere Heimat.“ Kirsten Gerberding spricht viel von Wurzeln und Verbundenheit. Holzminden hat eine lange Tradition als Region, in der sich bereits im vorigen Jahrhundert viele Dufthersteller ansiedelten. Horst-Otto Gerberdings Großvater gründete Dragoco im Jahr 1919, Haarmann & Reimer gab es bereits seit 1874. Horst-Otto Gerberding besuchte wie sein Vater und Onkel das Landschulheim Holzminden. Auch seine drei Kinder, heute 22, 27, und 29 Jahre alt, gingen dort zur Schule.

Die Kinder sind genauso verwurzelt in Holzminden wie ihre Eltern. Sie überkam vor acht Jahren auch die Angst vor der Ungewissheit. Kirsten Gerberding erinnert sich an ihre Fragen. „Was sollen wir denn jetzt sagen, wenn wir gefragt werden, welche Arbeit Papa jetzt hat? Verdient er jetzt kein Geld mehr?“ Kirsten Gerberding tröstete, beschwichtigte und vor allem erklärte sie. „Ich habe versucht, das Vertrauen der Kinder in ihren Vater zu stärken. ‚Es ist richtig, was Euer Papa da macht‘, habe ich immer wieder gesagt.“ Erschöpft und überfordert habe sie sich damals gefühlt. Denn sie hatte noch ihren eigenen Beruf als Coach – neben dem Beruf der Familienunternehmer-Ehegattin und Familienzusammenhalterin. „Dass wir als Familie heil da rausgekommen sind, ist das größte Geschenk. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Nach dem Rückzug aus Dragoco stellten sich die Gerberdings eine Grundsatzfrage: Welche Rolle wollen wir in Holzminden besetzen? Das Ehepaar war kein klassisches Familienunternehmerpaar mehr. Es war sich bei der Stiftungsgründung über Zweck und Ausrichtung noch nicht ganz klar. Nur eines stand von vorneherein fest: „Wir wollten uns nicht in Afrika oder sonstwo engagieren, sondern hier in Holzminden“, sagt Kirsten Gerberding. Die Stiftung unterstützt unter anderem Musik- und Leseprojekte in dem Städtchen.

Info

In den vergangenen Jahren fand unter den Herstellern von Duft- und Aromastoffen ein Konzentrationsprozess statt. Der schwedische Finanzinvestor EQT fusionierte im Jahr 2003 das Familienunternehmen Dragoco GmbH & Co. KG (weltweit Nummer sieben) mit der BayerTochter Haarmann & Reimer (Nummer fünf) zu Symrise. Dragoco war mit einem Umsatz von etwa 370 Millionen Euro zu jener Zeit der kleinere Partner. Haarmann & Reimers Umsatz lag bei gut 870 Millionen Euro. Beide Unternehmen haben ihre Wurzeln in Holzminden zwischen Kassel und Hannover. Horst-Otto Gerberding, Enkel des Dragoco-Gründers, arbeitete noch ein Jahr als Geschäftsführer von Symrise, um die beiden ehemaligen Wettbewerber zusammenzuführen. Mit 22 Prozent war er noch Anteilseigner. Im Jahr 2006 folgte der Börsengang. Die Gerberding Vermögensverwaltung hält heute knapp 6 Prozent an Symrise, der Rest befindet sich in Streubesitz. Die Symrise AG ist in 35 Ländern vertreten, beschäftigt 5.300 Mitarbeiter und setzte im Jahr 2010 knapp 1,6 Milliarden Euro um.

Immer noch für die Holzmindener kämpfen

In Holzminden laufen die Fäden zusammen. Holzminden ist immer noch Hauptsitz von Symrise, mittlerweile im MDAX notiert mit einem Umsatz von 1,5 Milliarden Euro. Zweimal gab es den Versuch, Holzminden den Rücken zu kehren. Einmal wollte Großeigner EQT die Produktion nach Polen verlegen. Ein anderes Mal versuchte der Vorstand, immer mehr Verwaltungsfunktionen nach Frankfurt am Main zu verlegen. Beides fanden Horst-Otto Gerberding, die Belegschaft und die Gewerkschaft nicht gut. Beides ist vom Tisch. Gerberding ist mit 6 Prozent Aktienanteil einziger Einzelaktionär und sitzt im Aufsichtsrat. Wenn es um seine Heimat und seine (Ex-) Mitarbeiter geht, nutzt er seinen Einfluss. Schon zu Zeiten der Fusion hatte Gerberding Gespräche mit Sigmar Gabriel und Hubertus Schmoldt geführt, damals niedersächsischer Ministerpräsident bzw. Chef der IG Bergbau, Chemie, Energie.

Auch Kirsten Gerberding lässt das Band zu ihren Holzmindenern nicht abreißen – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Projekt der gemeinsamen Stiftung ist das „Gelbe Band“, das die Verbundenheit der Bürger mit ihren Soldaten in Afghanistan symbolisiert. Kirsten Gerberding hat in der Zeitung ein Interview mit einem deutschen Soldat in Afghanistan gelesen, in dem er sagte, er wünsche sich nichts sehnlicher, als sein drei Wochen altes Baby in den Armen zu halten. „Das hat mich sehr bewegt“, sagt Kirsten Gerberding, und daraufhin habe sie überlegt, wie man den Soldaten Rückhalt geben und zeigen könne, dass man an sie denkt. Warum nicht die Bürger fragen, eine persönliche Botschaft an das Holzmindener Bataillon auf ein gelbes Band zu schreiben, das nach Afghanistan geschickt wird? „Diese Idee ist so fix geworden, dass ich schlaflose Nächte hatte.“

Widerstände war sie gewohnt. Dass sie von einigen als Kriegstreiberin beschimpft wurde, hielt sie nicht davon ab, dieses Projekt Schritt für Schritt voranzutreiben. Mit großem Erfolg. Die Tagesthemen zeigten Bilder von den bewegten Soldaten, die das Gelbe Band aus ihrer Heimat um sich legten. „Das Projekt ist nicht politisch getrieben. Es ist die Verbundenheit zwischen Menschen, die auch hilft, Ängste zu überwinden.“

Horst-Otto Gerberding: Nachfolgesorgen auch ohne Unternehmen

Auch sein Arbeitsleben sei bunter geworden, sagt Horst-Otto Gerberding. Es mache ihm Spaß, in den Beiräten über Strategie-, Nachfolge- oder Finanzierungsthemen zu diskutieren. Und zum Telefonhörer zu greifen, um Expertise und Erfahrung aus seinem alten Netzwerk einzubinden. Unterwegs ist er auch viel. Langeweile hat Horst-Otto Gerberding gewiss nicht. Im Gegenteil: Als Verwalter des eigenen Vermögens – er macht das ganz allein in enger Zusammenarbeit mit einer Bank – beschäftigen ihn essentielle Fragen: Ab wann und in welcher Form sollen die Kinder in die Anlageentscheidung eingebunden werden? Und in welcher Form und in welchen Schritten wird das Vermögen auf die nächste Generation übertragen? Vor allem: Wie vermeiden wir Streit innerhalb der Familie bei strittigen Investitionsentscheidungen?

Horst-Otto Gerberding ist ein zufriedener Mensch. Seine Frau sagt: „Letztens hast du zu mir gesagt: ‚Im Fusionsprozess hatte ich das Gefühl, unter der Welle zu schwimmen, getrieben zu sein. Heute schwimme ich auf der Welle.‘“ Ihr Mann nickt. „Ich fühle mich freier.“ Die Verantwortung zu tragen für viele Mitarbeiter und ihre Familien sei schön, gleichzeitig aber auch belastend gewesen. Die Verbindung zu seinen Leuten spürt er trotzdem noch. Immer noch ist er stolz auf sie. „Die Fluktuation in der Führung war in der Fusionsphase hoch. Trotzdem blieb das Schiff irgendwie auf Kurs. Also war die Mannschaft verdammt gut.“ Und seine Mannschaft trägt ihm scheinbar nichts nach. An seinem letzten Arbeitstag marschierte die Werksfeuerwehr auf, begleitet von einem Musikzug, um ihn zu verabschieden.

Und obwohl Horst-Otto Gerberding zufrieden ist und sich ausgelastet fühlt, überlegt er: „Soll ich ein Unternehmen kaufen?“ Zwei innere Stimmen höre er. „Die eine sagt: ‚Nein, sonst bist du schnell wieder drin in der Mühle.‘ Die andere sagt: ‚Ja, vielleicht hat mein Sohn ja Lust, dort mal was zu machen?‘“ Aber da ist noch etwas anderes. „Ich vermisse das Zugehörigkeitsgefühl, das kameradschaftliche Miteinander der Mitarbeiter. Das fehlt mir.“ Die Verbundenheit zum eigenen Unternehmen und seinen Leuten – das hat Gerberding bis heute nicht wiedergefunden. Es gibt eine Aufzeichnung der Ereignisse in der Halle. Damals, als Horst-Otto Gerberding seiner Mannschaft offenbarte, dass er sich zurückzieht. Er hat sich bis heute diese Aufzeichnung nicht angeschaut.

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