Wenn es in Unternehmen um nachhaltige Projekte geht, wird selten an die Finanzabteilung gedacht. MANN+HUMMEL und Voith setzen auf grüne Finanzierungsmethoden. Wer diesen Weg geht, muss zwar zeitliche und personelle Ressourcen investieren, kann aber auch Geld sparen.

„Wenn du den Wert des Geldes kennenlernen willst, versuche, dir welches zu borgen“, soll einst Benjamin Franklin gesagt haben. Der Gründervater der Vereinigten Staaten war als selbständiger Drucker und Verleger tätig. 1729 übernahm er die „Pennsylvania Gazette“ und stieg in die Zeitungsbranche ein. Fast 300 Jahre später funktionieren Wachstumsstrategien von Unternehmern weiterhin nach diesem Prinzip: aufkaufen, was zum Unternehmen passt, und integrieren. Nur die Finanzierung einer solchen Transaktion hat sich gewandelt. Es gibt viele Quellen, die sich anzapfen lassen. Ein im Mittelstand etabliertes Modell hierfür ist beispielsweise der Schuldschein. Aber es geht noch weiter. Green Finance ist das Stichwort.

Über einen klassischen Schuldschein refinanzierte das Filtrationsunternehmen MANN+HUMMEL im Jahr 2015 die größte Transaktion der Unternehmensgeschichte. Für 1,4 Milliarden Euro schluckte das 1941 gegründete Familienunternehmen die Filter-Sparte des US-Konzerns Affinia, der zur Private-Equity-Gesellschaft Cypress gehörte. Es war das erste Mal, dass das Unternehmen Schulden machte. Um wieder auf Kapital zurückgreifen zu können, vermarktete die Gruppe einen Schuldschein mit einem ursprünglichen Volumen von 400 Millionen Euro. Die Transaktion war am Ende dreifach überzeichnet. MANN+HUMMEL entschied sich im Rahmen des Schuldscheins, 1,1 Milliarden Euro von rund 160 Investoren aufzunehmen – damals der drittgrößte deutsche Schuldschein aller Zeiten und der erste eines Automobilzulieferers. Damit war der Affinia-Deal fast komplett refinanziert und das Familienunter-nehmen wieder mit Kapital ausgestattet. Abgeschlossen wurde das Projekt durch die Stellvertretende Vorsitzende der Geschäftsführung und CFO Emese Weissenbacher, die 2015 diese Rolle übernommen hatte. Auf den Weg gebracht worden war das Projekt von ihrem Vorgänger Frank Jehle.

Ein solcher Jumbo-Schuldschein, wie er aufgrund seiner Größe bezeichnet wurde, wird oftmals durch spätere Transaktionen refinanziert. Ein ganz normaler Prozess, sagt Weissenbacher, deren Team eine Chance sah, die Finanzierungskosten durch eine weitere Schuldscheinplatzierung im Herbst 2017 zu senken. Der neue Schuldschein sollte unter anderem sämtliche variablen Tranchen aus dem zwei Jahre zuvor platzierten Rekord-Schuldschein vorzeitig refinanzieren. Die große Besonderheit dabei war, dass sich das Unternehmen gegen einen klassischen Schuldschein entschied und ein bis dato kaum genutztes Finanzierungsmittel platzierte: einen grünen Schuldschein.

Nur wenige Unternehmen hatten damals überhaupt eine grüne Finanzierung abgeschlossen. Denn der Markt für Green Finance war zu diesem Zeitpunkt jung und wurde kaum in Betracht gezogen. Auf monetärer Seite ging der Plan auf. Die Platzierung von 250 Millionen Euro war überzeichnet und MANN+HUMMEL sammelte 400 Millionen Euro ein. Aber warum wurde das Familienunternehmen zu einem der Vorreiter in Sachen grüner Finanzierung?

Grüne Finanzierung ist aufwendig

Ein Jahr zuvor hatte MANN+HUMMEL seine Unternehmensvision überarbeitet. Die Filtration sollte dabei im Mittelpunkt stehen. Die Mission „Das Nützliche vom Schädlichen trennen“ wurde in alle Unternehmensbereiche getragen. Das nachhaltige Verständnis, das sich das Unternehmen aus Ludwigsburg auf die Fahne geschrieben hatte, wollten auch die Mitglieder der Finanzabteilung an den Tag legen, sagt Weissenbacher. Jegliche Art von grüner Finanzierung bringt aber einen Mehraufwand mit sich, denn die Nachhaltigkeit muss vom Unternehmen nachgewiesen werden. Das bedeutet zusätzliche Aufgaben für die Finanzabteilung.

Emese Weissenbacher hat bei MANN+HUMMEL auf das Green Finance Mittel des grünen Schuldscheins gesetzt.

Foto: MANN+HUMMEL

Demnach reagierte Weissenbacher zunächst etwas skeptisch auf den Vorschlag: „‚Wollen wir wirklich der erste Automobilzulieferer sein, der diesen Weg beschreitet?‘, habe ich mich gefragt.“ Aber wenn man vorangehen und konsequent nachhaltig sein will, dann soll das im ganzen Unternehmen gelten, sagt die CFO. Erste Anlaufstelle seien in einem solchen Prozess die Hausbanken, sagt Weissenbacher. Für eine neue Form der Finanzierung müsse man auf die Banken zugehen, die das Geschäftsmodell eines Unternehmens längst verstanden haben, auf bereits vorliegende Transaktionen zurückgreifen können und bereit sind, einen solchen neuen Weg mitzugehen.

Die grünen Schuldscheine gehören zu einer der beiden Säulen der Green-Finance-Instrumente. Auch Förderkredite, Green Bonds sowie Green Loans fallen darunter. Sie zeichnen sich alle dadurch aus, dass konkret festgelegte nachhaltige Projekte im Unternehmen finanziert oder refinanziert werden. Bei MANN+HUMMEL war das der Fall. Denn das Unternehmen nutzte das gesammelte Geld, um nachhaltige Projekte, die bereits vollzogen wurden, zu refinanzieren: beispielsweise Luft- und Wasserfiltration oder Projekte, die zur Verbesserung der Energieeffizienz in der Produktion auf den Weg gebracht wurden.
Der zweite Bereich der grünen Finanzierung beinhaltet Methoden, bei denen die Finanzierungskosten an die Nachhaltigkeitsperformance des gesamten Unternehmens gekoppelt sind. Dadurch können die finanziellen Mittel für alle Unternehmenszwecke genutzt werden und sind nicht projektgebunden. Hier spricht man von ESG-linked Loans, ESG-linked Schuldscheinen oder ESG-linked Bonds.

Die Voith Group hat solche Finanzierungen durchgeführt. Der Technologiekonzern schloss 2019 beispielsweise einen Kredit mit Nachhaltigkeitskomponente ab. Der Positive Incentive Loan von Voith ist eine Avalkreditlinie, deren Provision davon abhängig ist, wie sich das Nachhaltigkeitsrating des Unternehmens entwickelt. Wenn das Unternehmen seine Nachhaltigkeitsziele erreicht und sein Rating verbessert, sinken die Gebühren für herauszulegende Avale unter dieser Kreditlinie. Damit kann der Positive Incentive Loan von Voith den ESG-linked Loans zugeordnet werden.

„Im Vergleich zu einer zweckgebundenen setzt diese Art der Finanzierung nicht auf einzelne Projekte, sondern auf die gesamte Nachhaltigkeitsperformance des Unternehmens“, erklärt Michael Hannig, Senior Vice President Corporate Finance von Voith. Das heißt aber auch, wenn nicht alle Unternehmensbereiche mitziehen und der Konzern seine Nachhaltigkeitsziele verfehlt, entfallen die Vergünstigungen. Erreicht Voith hingegen seine Nachhaltigkeitsziele, führt das – bezogen auf alle zwischenzeitlich verhandelten Avalkreditlinien – zu jährlichen Einsparungen im sechsstelligen Bereich, sagt Hannig.

Nicht jedes Projekt kann finanziert werden

Was alle Arten der Green Finance verbindet: Eine dritte Partei muss zwangsläufig Teil des Prozesses sein. Denn wer prüft, ob die Projekte, die durch einen grünen Schuldschein oder durch Green Bonds finanziert werden sollen, wirklich nachhaltig sind? Oder anders gefragt: Wer entscheidet, ob ein Unternehmen über einen gewissen Zeitraum wirklich nachhaltiger geworden ist? Diese Rolle übernehmen Ratingagenturen, die sich auf das neue Feld “Green Finance” spezialisiert haben.

Im Rahmen der Zusammenarbeit mit der Ratingagentur bei MANN+HUMMEL musste ermittelt werden, ob ein Projekt im Unternehmen den Kriterien entspricht, um dort die monetären Mittel aus dem grünen Schuldschein für die Refinanzierung zur Verfügung zu stellen. Um das plakativ darzustellen, wählt Weissenbacher ein Beispiel: „Würden wir Filtrationslösungen für Ölraffinerien anbieten, wäre dies im Einklang mit unserer Mission, das Nützliche vom Schädlichen zu trennen.

Seit 2019 Treasury-Chef bei MANN+HUMMEL: Dominik Paschinger.

Foto: MANN+HUMMEL

Diese Projekte aber durch einen grünen Schuldschein zu finanzieren würde nicht funktionieren. Sie würden durch die Agentur womöglich nicht als nachhaltig zertifiziert werden.“ Um das künftig finanzierbare Volumen eruieren zu können, muss ein großer Teil der Organisation im Vorfeld der Transaktion einbezogen werden. Denn der Prozess erfordert mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Unternehmensbereichen und ein höheres Maß an Projektmanagement-Know-how innerhalb der Treasury-Abteilung, als dies bei der Platzierung eines klassischen Schuldscheins üblich ist.

Das müsse gelernt werden, sagt Dominik Paschinger, Vice President Group Treasury bei MANN+HUMMEL. Helfen würde die Möglichkeit, bereits durchgeführte grüne Projekte mit den Finanzmitteln aus dem grünen Schuldschein zu refinanzieren. „Die Belege für die Mittelverwendung sind hier bereits vorhanden, und man weiß, in welche Projekte wie viel Geld geflossen ist und welchen Impact diese haben“, erklärt der Treasurer. Die nachgelagerte Refinanzierung mache die Projektdokumentation und das Controlling einfacher.

Dass grüne Schuldscheine auch für zukünftige Projekte genutzt werden können, zeigt ein großer Automobilhersteller. Porsche platzierte 2019 einen grünen Schuldschein in Höhe von 1 Milliarde Euro. Die Mittel werden ausschließlich zur Finanzierung des Fahrzeugprojekts „Porsche Taycan“ genutzt, des ersten rein batterieelektrischen Porsche. „Aus Sicht des Controllings ist ein grüner Schuldschein, der zukünftige Projekte finanzieren soll, deutlich komplexer. Denn das gesamte Geld muss wirklich in neuen, nachhaltigen Projekten landen. Die geplanten Kosten sollten dabei natürlich nicht zu weit von den tatsächlich realisierten Aufwendungen abweichen, um das Finanzierungsvolumen entsprechend einzuhalten“, erläutert Paschinger die Herausforderungen.

Green Finance: Das Image der Ratingagenturen

Auch die Reputation und die Marktbedeutung der Ratingagentur sind wichtige Faktoren für die grüne Finanzierung, sagt Michael Hannig von Voith. Denn eine Agentur, die nicht zu den führenden Anbietern gehöre, helfe wenig im Prozess, denn ihr fehle das Standing, das für Kreditgeber bei ihren internen Bewertungs- und Entscheidungsprozessen entscheidend sei, wenn sie entsprechend vergünstigte Darlehen ausreichen wollen. Bei Voith ist der Bereich Nachhaltigkeit in einem speziellen Team gebündelt. „Die Nachhaltigkeit sollte in der DNA des Unternehmens verortet sein und gelebt werden, wenn man auf ein Nachhaltigkeitsranking setzen möchte. Das kann ein aufwendiger Prozess sein, weil Ratingagenturen bei ihren Bewertungen eindeutig aufzeigen, was an Kriterien fehlt“, sagt Hannig. Für das Nachhaltigkeitsteam bei Voith bedeutet das, die Aktivitäten im Nachhaltigkeitsbericht transparent darzustellen. Denn die Finanzierungskosten sind untrennbar mit der Nachhaltigkeit des Unternehmens verbunden.

Ein neues Verständnis für die Finanzabteilung

Sowohl bei Voith als auch bei MANN+HUMMEL hätten die Finanzierungen ohne Nachhaltigkeitskomponenten auf den Weg gebracht werden können. Das gesamte Prozedere der Finanzierung wäre folglich mit weniger Pflichten und Aufgaben vonstatten gegangen. Weissenbacher wirbt dennoch für diesen Schritt in Richtung Nachhaltigkeit – gerade auch unter Familienunternehmen: „Wer von der Leistungsfähigkeit des eigenen Unternehmens überzeugt ist und sich gleichzeitig nachhaltigen Zielen verschrieben hat, der sollte die Möglichkeiten, die der Kapitalmarkt hierzu bereithält, auch ausschöpfen“, sagt sie.

Michael Hanning trimmt Voith auf Green Finance.

Foto: Voith

Die grüne Finanzierung sei ein sicheres Mittel, die nachhaltige Strategie nach außen glaubwürdig zu transportieren und zu stützen. Vorteile sieht sie nicht nur in der Außenwahrnehmung. Auch intern habe sich das Bewusstsein für die Finanzabteilung seit dem Aufsetzen der Schuldscheine geändert. 2019 kam ein zweiter grüner Schuldschein dazu und 2021 ein grüner Schuldschein, der zudem auch eine Nachhaltigkeitskomponente in Form eines ESG-Links hat. „Eigentlich rechnet man nicht unbedingt damit, dass die Finanzabteilung einen großen Beitrag leistet, wenn es um grüne Themen und Nachhaltigkeit geht. Bei uns hat sich das Verständnis geändert, und wir sind zu einem sichtbaren Teil der Strategie geworden“, findet die CFO.

Ihr Treasury-Chef Paschinger geht davon aus, dass die Fremdfinanzierung in Zukunft teurer wird, wenn Unternehmen keine Nachhaltigkeitskomponenten berücksichtigen. Die Bankenaufsicht habe zwar noch keine Pflichten zur Nachhaltigkeit im Zuge von Finanzierungen in die Statuen der Kreditinstitute geschrieben, jedoch legen bereits erste Banken einen verstärkten Fokus darauf, beobachtet er. Beispielsweise gilt seit März 2021 die Offenlegungs-Verordnung der Europäischen Kommission. Finanzdienstleister müssen demnach beim Vertrieb von Anlageprodukten Angaben zu ihren nachhaltigen Zielen machen. Die Beratungsgesellschaft Zeb schätzt in einer Studie, dass europäischen Banken durch die Fokussierung auf ESG-Ziele bis 2030 zusätzliche Ertragschancen von etwa 270 Milliarden Euro winken. Das wären 6 Prozent der aktuellen Gesamterträge.

Michael Hannig findet zudem, dass ein Nachhaltigkeitsrating im Unternehmen auch eine Anreizfunktion haben kann. Beispielsweise könne man Nachhaltigkeitsziele auch eindeutig in die Gesamtperformance von Familienunternehmen integrieren, ist er überzeugt. Damit würde Green Finance eine ganz neue Komponente bekommen.

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