Wer ist Marlene Neckermann?

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken

Würzburg. Einen Steinwurf weit vom Dom, in der Sterngasse 3, liegt das Büro von Marlene Neckermann. Genau an der Stelle, an der das Geburtshaus ihres Vaters Walter und ihres Onkels Josef, des Versandhändlers und Dressur-Olympiasiegers, stand.

Marlene ist heute Unternehmerin. Zu Beginn der neunziger Jahre ist sie in die J.C. Neckermann GmbH eingestiegen, in ebenjene Kohlehandlung, in der die Unternehmerkarriere der beiden Neckermann-Brüder begann. Heißsporn Josef ließ sich mit 21 Jahren sein Erbteil auszahlen, um eigene Wege zu gehen. „Meinem Onkel war die Würzburger Kohlehandlung zu eng und zu klein gewesen“, sagt Marlene. Josef ging mit Verve daran, sein Kaufhaus- und Versandhandelsunternehmen aufzubauen. Ihr Vater Walter führte die heimische Kohlehandlung weiter. Im Gegensatz zum Neckermann-Imperium, das Josef Neckermann 1977 wegen finanzieller Schieflage an Karstadt verkaufen musste, ist die Kohlehandlung noch in Familienbesitz.

Die Neckermann-Frauen

Als Marlenes Vater 1972 starb, führte ihre Mutter Elsa, unterstützt von ihrem Sohn Peter, das Kohleunternehmen. Ende der achtziger Jahre stand es allerdings schlecht um die Firma. J.C. Neckermann handelte damals im Wesentlichen mit Kohle und Mineralöl. Seit dem Anschluss Würzburgs an eine Ferngasleitung ging es mit dem Geschäft rapide abwärts. Anfang der neunziger Jahre stand eine kostenintensive Sanierung des Betriebsgeländes am Würzburger Hafen an. Zu kostspielig, fand Peter. Marlenes Bruder schmiss 1992 das Handtuch. „Damals gab es viel Streit in der Familie, auch mit meiner Mutter. Gegenseitige Schuldzuweisungen. Ich denke, am Ende war meinem Bruder das finanzielle Risiko einfach zu groß.“ Marlene selbst war nie für die Nachfolge vorgesehen gewesen. „Es war immer klar, dass das mein Bruder machen würde“, sagt sie.

Marlene Neckermann „durfte“ in München Grafikdesign studieren. Sie wurde Künstlerin, stellte eigene Bilder aus und illustrierte Kinderbücher. Und sie lernte ihren heutigen Lebensgefährten Dieter Heisig kennen. Er war in München als Pressemann beim Film tätig. „Eigentlich war es Dieter, der mich überzeugte, nach Würzburg zu gehen und mich um die Firma zu kümmern. Er sagte damals: Ein Unternehmen, das zwei Weltkriege überlebt hat, das kann man nicht einfach aufgeben.“ Marlene Neckermann ist groß, auch mit 63 Jahren eine gutaussehende Frau. Sie drängt sich nicht auf im Gespräch, überlässt ihrem Lebensgefährten, wenn es um das Unternehmen geht, gerne das Wort. Hinter J.C. Neckermann steht nicht nur eine Neckermann, sondern auch ein Heisig. Dieter Heisig kannte sich zwar mit Kohle nicht aus, aber mit Marketing und PR. „Ich war überzeugt davon, dass das Potential, das im Namen Neckermann steckt, bei weitem nicht ausgeschöpft worden war“, erklärt Heisig. Aus einem PR-Fachmann wurde ein Unternehmer.

Marlene Neckermann: Auf in den Kohlehandel

Marlene Neckermann, Dieter Heisig und Sohn Philipp Neckermann ziehen von München nach Würzburg. Die Bodensanierung der Hafenanlage finanziert Marlene über ihr Vorerbe. Leichtgefallen sei ihr die Investition nicht, gibt sie zu: „Ich hätte mit dem Geld auch lieber schöne Reisen gemacht.“

Das Finanzielle war nicht die einzige Hürde. Trotz Liquiditätskrise war Elsa Neckermann 1995 mit ihren 80 Jahren noch immer nicht bereit, ihrer Tochter das Unternehmen zu überschreiben. Die Rolle der Firmeninhaberin, die sie seit dem Tod ihres Mannes innehatte, war keine, die sie abzugeben gedachte. „Wir mussten kämpfen, um die Firma von meiner Mutter zu bekommen“, erinnert sich Marlene: „Das hat mir sehr wehgetan. Meine Mutter hat zeitlebens in mir nur das 13-jährige Mädchen gesehen. Sie hatte in fast alle Menschen in ihrem Umfeld mehr Vertrauen als in ihre eigenen Kinder.“ Als Dieter Heisig und Marlene Neckermann sich an die Wiederbelebung von J.C. Neckermann machten, hatte das Unternehmen nur noch zwei Fahrer. Und die verdienten ungefähr das, was die Firma an Deckungsbeitrag einspielte.

Als „bio“ noch nicht sexy war

Relativ schnell stieg Dieter Heisig in den Handel mit Biodiesel ein. Das Unternehmen gewann den prestigeträchtigen Auftrag für die Belieferung der Biodieselanlage im neu gebauten Berliner Reichstag. Dieter sah schnell, dass das Geld nicht im Handel, sondern in der Herstellung zu verdienen war. Um im größeren Stil eine Produktion aufzubauen, führte das Paar zahlreiche Bankgespräche. Zwar öffnete der Name Neckermann tatsächlich viele Türen, und er tut das auch noch heute. „Aber Ende der neunziger Jahre war das Thema erneuerbare Energie eher etwas für Ökofreaks“, sagt Heisig. Nur die österreichische Hypo- Alpe-Adria-Bank war bereit, ein solches Projekt zu finanzieren.

2005 wurde in Halle eine Biodieselanlage mit einer Produktionskapazität von 60.000 Tonnen Biodiesel und 10.000 Tonnen Pharmaglycerin pro Jahr in Betrieb genommen. Die Finanzierung des Baus der Anlagen mit einem Mix aus Fördermitteln, Bankkrediten und Eigenkapital war eine Sache. Die Finanzierung des laufenden Betriebs eine andere. Der Erfolg des Geschäfts hängt wesentlich davon ab, Rapsöl günstig einzukaufen. Um drei Anlagen in dieser Größenordnung zu betreiben, muss man ein beträchtliches Einkaufsvolumen finanzieren und das Risiko stark schwankender Preise abfedern können. „Das war für die Banken dann doch eine Nummer zu groß“, berichtet Heisig. Die Suche nach Eigenkapitalgebern begann.

Zum Biobörsenaspiranten aufgestiegen

Mit Fortune Management Inc. fanden die Neckermanns schließlich amerikanische Investoren, mit deren Unterstützung sie den Betrieb der bestehenden Anlage in Halle und den Erwerb und den Bau weiterer Biodieselanlagen und Mühlen finanziert haben. In der ersten Jahreshälfte 2007 werden die beiden neuen Anlagen in Wittenberg und im österreichischen Enns mit Biodieselkapazitäten von 200.000 bzw. 100.000 Tonnen den Betrieb aufnehmen. Die Familie Neckermann brachte ihre gesamten Biodieselaktivitäten in die neu gegründete Gesellschaft G.A.T.E ein, an der Fortune Management 65 Prozent hält und die Familie Neckermann 35 Prozent. Fortune Management ist mehr als nur Kapitalgeber. Mit dem Einstieg von Fortune wurde auch das Managementteam von G.A.T.E verstärkt. Dieter Heisig steht ein Co-CEO zur Seite. Noch für dieses Jahr ist der Börsengang geplant, um weiteres Wachstum zu finanzieren. Unter anderem ist geplant, zur Belieferung der österreichischen Anlage donauabwärts eine Ölmühle in Ungarn zu kaufen oder zu bauen.

Kapital und Know-how von Fortune Management sind für einen Teil der Wachstumsgeschichte verantwortlich, Dieter Heisig für den anderen: „Heisig hat sehr früh zwei sehr wichtige strategische Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als erfolgsentscheidend erwiesen haben“, sagt René Müller, CEO von Fortune Management: „Er hat erkannt, dass der Markt nur den qualitativ hochwertigsten Biodiesel aufnimmt, und er hat erkannt, dass man nur als integrierter Anbieter, der die gesamte Wertschöpfungskette abdeckt, erfolgreich sein kann.“

Von null auf hundert in drei Jahren: Eine buntere Wachstumsgeschichte hätte wahrscheinlich auch der Neue Markt nicht schreiben können. Geld verdienen soll G.A.T.E bereits Ende 2007, wenn die beiden Anlagen in Enns und Wittenberg voll in Betrieb sind. Die aktuelle Steuerdebatte, die vielen Biodieselherstellern das Leben schwermacht, trifft G.A.T.E im Wettbewerbsvergleich weniger stark. Durch die Besteuerung von Biodiesel war der Abstand zwischen Bio- und Normaldiesel auf 5 bis 6 Cent geschmolzen. Weil Biodiesel weniger Leistung bringt, muss die Differenz aber rund 10 Cent betragen, bevor vor allem Großabnehmer wie Spediteure auf Biodiesel umstellen. „Wir beliefern nur die großen Rohölkonzerne, die ja weiterhin die Beimischungsquote erfüllen müssen. Da Neckermann traditionell mit den Rohölkonzernen im Geschäft war, konnten wir bestehende Beziehungen nutzen, um langfristige Verträge über die Abnahme von Biodiesel zu schließen“, erklärt Heisig.

Heisig ist der Mann fürs operative Geschäft. Marlene verfolgt das Geschehen aus dem Hintergrund. „Ich bin quasi dein Guido Klug“, scherzt Heisig mit Blick auf den Prokuristen, der gemeinsam mit Marlenes Großmutter zeitweise das Unternehmen geführt hatte. „Es ist schon interessant, dass es in der Familie eigentlich immer die Frauen waren, die im Hintergrund die Firma zusammengehalten haben.“ Trotz des rapide wachsenden Biodieselgeschäfts besteht die J.C. Neckermann GmbH, die hauptsächlich mit Mineralöl handelt, weiter und erzielt heute mit 5 Mitarbeitern einen Jahresumsatz zwischen 30 und 50 Millionen Euro. Dieses Geschäft ist von der Kooperation mit Fortune nicht betroffen und bleibt vollständig in Familienhand.

Die Geschichte von Marlene Neckermann lebt

Im neuen Büro von Marlene Neckermann in der Sterngasse 3, in das sie gerade erst einzieht, fehlt noch die Büroeinrichtung. Es gibt gerade einmal zwei Stühle und einen Schreibtisch. Doch die Portraits von Josef,Walter und Großvater Josef Carl Neckermann hängen schon an der Wand. Immer wieder driftet das Gespräch zum Überunternehmer Josef Neckermann. „Mein Onkel war ein Despot. Wir haben vor ihm gezittert, und wir haben ihn bewundert“, erinnert sich Marlene an die Familientreffen ihrer Kindheit: „Wenn ich als Kind einmal eine Woche nach Frankfurt durfte zum Reiten, dann war das das Größte für mich“, sagt sie. Die Leidenschaft für die Pferde teilte sie mit Olympiasieger Josef Neckermann. Als sie 16 Jahre alt war, schenkte der Onkel ihr ein ausgedientes S-Dressurpferd.

Das Ende 2006 erschienene Buch „Die Neckermanns“ hat die Emotionen noch einmal hochkochen lassen. Das Buch legt ein weit größeres Augenmerk auf Josef Neckermanns Rolle im Dritten Reich als auf den Vorzeigeunternehmer des Nachkriegsdeutschlands oder auf den Leistungssportler, der sechs olympische Medaillen gewann. Keine gelungene Darstellung, finden Marlene und Philipp.

Wie wird die Familiengeschichte weitergehen? Die Enkel und Urenkel von Josef Carl Neckermann leben zum größten Teil in den USA und Kanada. „Man trifft sich eher selten“, sagt Marlene. Es fehle die integrative Figur in der Familie, die sich für den familiären Zusammenhalt einsetzt: „Früher hat das mein Onkel gemacht. Wehe, wenn man bei einem Familienfest nicht auftauchte.“ Sie reißt die Augen beim Erzählen weit auf, als komme der Patriarch eben zur Tür herein.

Dieser Aufgabe nehme sich heute niemand an. Vielleicht noch Josef Neckermanns jüngster Sohn Johannes. Der lade ab und an zu Familienfesten ein. Auch mit dem Hedgefondsmanager Florian Homm, der aus dem Neckermann-Clan stammt (Enkel der Schwester von Walter und Josef), hat Marlene Neckermann geschäftlich wieder zu tun. Homm ist bei Fortune Management investiert, wovon die Neckermanns jedoch erst nach Unterzeichnung der Kooperation mit Fortune erfuhren.

Hat Marlene aus der Geschichte ihres Onkels Lehren gezogen für ihr eigenes unternehmerisches Tun? Die Frage überrascht sie. „Eigentlich nicht“, sagt sie. Heisig wendet ein: „Marlene ist sicherlich bei der Frage, wie schnell wir expandieren sollten, vorsichtiger, als Josef es gewesen ist.“ Bei einer Frage hat sie mit Sicherheit aus der Vergangenheit gelernt. Die Regelung der Unternehmensnachfolge trifft sie, anders als ihre Mutter, nicht erst mit 80 Jahren. Ihr 24-jähriger Sohn Philipp, der Betriebswirtschaft in Heidelberg studiert, hält heute schon Anteile an ihren Gesellschaften und auch am Börsenaspiranten G.A.T.E. Philipp Neckermanns Einstieg in die J.C. Neckermann GmbH ist nach dem Studium fest geplant. Stört es ihn nicht, dass sein Berufsweg bereits vorgezeichnet ist? „Das ist eine Riesenchance. Ich glaube, es bringt Pech fürs Leben, wenn man eine solche Chance ausschlägt.“ Ihn interessiert allerdings vor allem das Thema „erneuerbare Energie“. Das, was da gerade bei G.A.T.E passiert, findet er „extrem spannend“. Eine operative Rolle bei G.A.T.E müsste er sich allerdings genauso erarbeiten wie jeder andere. „Wir haben klare Corporate-Governance-Regeln“, erklärt René Müller.

Auf seinen berühmten Nachnamen wird Philipp eher selten angesprochen. Die Nachfahren aus den anderen Neckermann-Zweigen kennt er kaum. Es ist der Name, der ihn ins Unternehmen treibt. Es ist die Familie, die ihn zieht. Neckermann macht’s möglich.