Unternehmerfamilien sind gefordert. Täglich müssen sie sich mit diversen Fragen auseinandersetzen: über die Zukunftsstrategie des Unternehmens, die Entscheidungsfähigkeit der Gesellschafterfamilie und die Vermögensnachfolge. Welche Themenkomplexe in welcher Reihenfolge oder welcher Intensität angepackt werden, hängt von den Herausforderungen ab, die jede Familie für sich selbst und ihr Unternehmen priorisiert. Welche Fragen sich mit Blick auf die Zukunft stellen, darüber sprach die „wir“-Redaktion aus dem F.A.Z.-Fachverlag bei ihrem jährlichen Treffen der Mitherausgeber, zu der auch drei Gesellschafter aus Unternehmerfamilien geladen waren: Gastgeber des Mitherausgebertreffens war Dr. Bernard große Broermann, Gründer und Inhaber der Asklepios-Kliniken und Inhaber der Dr. Broermann Hotels & Residences GmbH, zu der u.a. die Villa Rothschild Kempinski gehört. Weitere Gesprächsteilnehmer waren Dr. Helmut Rothenberger, Vorsitzender der Geschäftsleitung der Rothenberger Holding GmbH, und Dr. Sandra Rothenberger, Mitglied der Geschäftsleitung der Rothenberger Holding GmbH sowie 1. Vorsitzende der Tools for Life Foundation.

Mit den großen Fragen der Zukunft beschäftigt sich Helmut Rothenberger schon seit vielen Jahren. Als Folge der eigenen, persönlichen Familiengeschichte hat er sich reiflich überlegt, wie er seine beiden Töchter Sandra und Sabine in die Nachfolge führt. Er selbst ist mit drei Brüdern groß geworden, die sich, wie er, alle für das Unternehmen für Rohrwerkzeuge und Werkzeugmaschinen interessierten, das der Vater 1949 in Frankfurt am Main gegründet hatte. In den neunziger Jahren kam es zur Realteilung. Helmut Rothenberger möchte seine Holding, die heute mehr als 6.000 Mitarbeiter beschäftigt, auch in Zukunft zusammenhalten und langfristig vor Konflikten und Zugriffen von außen schützen. Daher hat er für die Nachfolge die Stiftungslösung gewählt – nach österreichischem Recht, den Sitz der Holding hat er nach Salzburg verlegt. „Ich wollte – bildlich gesprochen – dem Baum, also unserem Unternehmen, feste, starke Wurzeln geben und sichergehen, dass meine Nachfahren den Baum so nähren und pflegen, dass sie wiederum sicher sein können, dass die Ernte jedes Jahr reichhaltig sein wird.“

Die optimale Struktur hat Helmut Rothenberger in der Stiftung gefunden, weil er überzeugt ist, dass Führung und Eigentum getrennt werden sollten, je größer die Gesellschafterfamilie wird. Das musste er freilich seinen Töchtern erklären. „Anfangs haben wir das nicht ganz verstanden, wir waren ja noch jünger, als unser Vater uns in diese Thematik einführte“, erinnert sich Sandra Rothenberger. „Aber wir haben darauf vertraut, dass er schon das Richtige tun wird. Obwohl wir physisch dem Unternehmen fern waren, fühlten wir uns dennoch immer nah.“ Schon längst sind Sandra Rothenberger und ihre Schwester Sabine in die Stiftungsstruktur und in die Verantwortung hineingewachsen. Als Mitglieder der Geschäftsleitung sind sie an allen strategischen Entscheidungen der Rothenberger Holding beteiligt.
Familien- und Strategietage finden regelmäßig statt. „Da sind wir nicht immer alle derselben Meinung. Aber in der respektvollen und sachlichen Auseinandersetzung miteinander sind wir bisher immer zu guten Lösungen gekommen“, sagt Sandra Rothenberger dem Panel der wir-Mitherausgeber. Ihr Vater lässt diese Workshop- und Seminartage bewusst von einem Familienexternen moderieren. „Um Neutralität und Disziplin zu wahren, fair miteinander umzugehen und Ergebnisse professionell festzuhalten.“
Es ist aber nicht so, dass Helmut Rothenberger sich nur mit Familienthemen beschäftigt. Gerade ist er zurückgekehrt aus Boston, wo er einige Tage an der Harvard Business School an Seminaren teilgenommen hat. Neue Impulse gibt er gern an das Management weiter. Und dann beginnt er von China zu sprechen. „So viele junge motivierte Menschen! Schauen Sie sich all die hungrigen Ingenieure an! Ich bin mir nicht sicher, ob wir bald noch zu den stärksten Wirtschaftsnationen gehören werden. Wir müssen uns gehörig anstrengen“, sagt Rothenberger. Auch Broermann ist skeptisch. Der Vormarsch einzelner Länder mit zunehmend nationalistischem Denken, populistische Entscheidungen in der Gesundheitsbranche – das lässt auch ihn in einigen Bereichen nicht gerade optimistisch in die Zukunft blicken

Petra Gessner ist Diplom-Volkswirtin und seit 2015 Chefredakteurin des wir-Magazins. Ihr akademischer Weg führte sie von Freiburg im Breisgau in die USA und nach Chile, wo sie sich mit der Wirtschaftsgeschichte Lateinamerikas auseinandersetzte. Seit 2000 arbeitet sie in der F.A.Z.-Verlagsgruppe und ist Gründungsmitglied des Corporate Finance Magazins „FINANCE“, wo sie die Themen M&A und Private Equity verantwortete.

