Vom Geschichtsstudenten zum Investor: Benedict Rodenstock ist Gründer und Geschäftsführer des Kapitalgebers ASTUTIA, der in Frühphasen von Start-ups investiert. Jetzt geht er einen Schritt weiter und legt einen Fonds auf. Wie gut muss man dafür die Start-up-Szene kennen?

Benedict Rodenstock, ein Unternehmen, das Brillengläser und -fassungen herstellt, gehörte Ihrer Familie und trägt noch heute Ihren Nachnamen. Wie haben Sie das Familienunternehmen in Ihrer Jugend wahrgenommen?

Wie viele Unternehmerkinder war ich ab und zu im Büro bei meinem Vater, später dann als Student im Unternehmen als Nebenjobber dabei. In den siebziger Jahren ging es dem Unternehmen sehr gut, und so bin ich recht beschützt und mit Wohlstand aufgewachsen. Das weiß ich heute sehr zu schätzen. Natürlich schwang das Unternehmen immer mit, mein Vater hat mir unternehmerisch schon einiges vermittelt, vor allem war er ja auch außerhalb des Unternehmens der Wirtschaft verschrieben – beispielsweise durch seine Ehrenämter beim BDI. Da mein Vater schon etwas älter war und ich zu jung, war aber auch immer klar, dass mein älterer Bruder ins Unternehmen einsteigen wird. Und ganz ehrlich – ich wollte immer etwas anderes machen.

2003 schlitterte das Unternehmen Rodenstock in eine große Krise. 49 Prozent der Anteile wurden von Ihrer Familie an eine britische Private-Equity-Gesellschaft verkauft. Im Jahr darauf stockte die Investorengruppe Permira Holdings Limited auf und Ihre Familie hielt nur noch 10 Prozent am eigenen Unternehmen. Wie sehen Sie heute den Verkauf von Rodenstock?

Wirtschaftlich stand das Unternehmen nicht mehr ganz so gut da. Die einzig richtige Entscheidung war, die Unternehmensanteile zu verkaufen. Finanziell wäre in der Konstellation, wie wir sie vor dem Verkauf hatten, für uns als Eigentümerfamilie nichts mehr rausgesprungen. Also haben wir die Chance wahrgenommen und das Familienvermögen liquide gemacht. Das war natürlich ein harter Schritt, und mir wäre es lieber, wenn uns das Unternehmen immer noch gehören würde, aber das war zum damaligen Zeitpunkt die beste Alternative.

Sie wollten beruflich eigentlich eine andere Richtung einschlagen. Nach der Schule haben Sie Geschichte studiert, sind aber heute doch in der Wirtschaft gelandet und haben die ASTUTIA Ventures GmbH ins Leben gerufen. Wie wird man vom Studenten der Historie zum Investor?

Ich hatte keinen großen Druck, Karriere zu machen, weil ich in sicheren Verhältnissen aufgewachsen bin und immer eine Art Polster im Hintergrund hatte, als ich jung war. Und die Geschichte, das größere Verständnis dadurch für die heutige Zeit, hat mich immer fasziniert. Also habe ich in Bologna eben das studiert, obwohl mir mein Vater irgendwann auf diesem Weg mitgegeben hat, dass ich etwas „Richtiges“ machen sollte, etwas mit Wirtschaft. Mein Studienende hat er leider nicht mehr erlebt und somit auch nicht, dass ich dann doch in die Wirtschaft gegangen bin und bei Roland Berger in der Unternehmensberatung angefangen habe. Ein Sprung ins kalte Wasser für mich damals.

Also eher vom Berater zum Investor?

Ich habe eine Zeit lang in New York gelebt und mich an der New York University in Internettechnologien weitergebildet, abends nach der Arbeit für vier Stunden, das war intensiv. Aber es war meine Eintrittskarte in die Welt der neuen Technologien, weil die Tech-Firmen und Start-ups sehr offen waren für Quereinsteiger wie mich. Ich habe dann noch einen MBA in St. Gallen gemacht und dadurch gelernt, wie man Direktinvestments professionell aufziehen kann. Und mit dem Wissen und dem Spaß, die ich aus der Arbeit mit Internet-Start-ups mitgenommen habe, habe ich dann ASTUTIA aufgebaut.

Das war 2006. Ein Jahr später wurde mit Mister Spex ein Online-Händler für Brillen gegründet, in den sie investiert haben. Ein Start-up aus dem Bereich, in dem Ihr Familienunternehmen tätig war. Zufall?

Meine Investmentthese bei der Gründung von ASTUTIA war, dass sich das Digitale durchsetzen würde. „Software eats the world“ sozusagen, nach Marc Andreessen. Ich war fasziniert von der Idee, dass junge Leute mit ihren Laptops in ihrem Wohnzimmer sitzen können und kurze Zeit später durch eine Idee ein Unternehmen entstehen kann. Und die Idee, Brillen online zu verkaufen, war so eine, von der nur wenige dachten, dass sie klappen könnte. Dass die Gründer uns dann in ihren Investorenkreis aufgenommen haben – last minute –, ging wirklich auf unsere Erfahrung aus der Branche zurück. Die Firma Rodenstock selbst wollte nicht als Unternehmen einsteigen. Also haben wir gesagt, dass wir – und ich als Vertreter der ehemaligen Eigentümerfamilie – die Idee für gelungen und für zukunftsfähig halten. So ist ASTUTIA Investor geworden.

2013 sind Sie ausgestiegen. In einem anderen Interview haben Sie als Grund genannt, dass Mister Spex zu groß geworden sei. Was meinen Sie damit?

Wir sehen uns als frühphasiger Investor. Dort liegt unsere Expertise. Unsere Exits passieren somit meistens als Secondary Deals, in denen wir in einer geplanten neuen Finanzierungsrunde des Start-ups unsere Minderheitsanteile an spezialisierte Finanzinvestoren abgeben. Wenn man als Frühphaseninvestor wie wir früher als geplant Gewinne realisieren kann, dann macht man das gern. Denn es müssen natürlich immer zwei Parteien bei einer solchen Transaktion beiderseitig Vorteile sehen, und die Capitalization-Table muss stimmen. Das ist nicht immer der Fall.

Wie lange dauert es denn, bis sich eine solche Opportunität in der Regel entwickelt?

Also in unserer Sphäre – sprich: vor der Series-A-Finanzierungsphase – muss man schon einen langen Atem beweisen. Mit fünf bis sieben Jahren sollte man rechnen, um in den Bereich hoher Wertzuwächse zu kommen. Natürlich muss man auch stärker streuen, um Risiken auszugleichen. 20 bis 25 Beteiligungen sollte man schon einplanen.

Sie sind seit 2006 im Start-up-Markt unterwegs. Was hat sich verändert?

Bis vor 15 Jahren war der Venture-Capital-Markt ein ganz klarer Käufermarkt. Es war wenig Geld da, und viele junge Unternehmen hatten Schwierigkeiten, an Geld zu kommen. Mittlerweile ist das Gegenteil der Fall. Es ist viel Geld im Markt, Gründer sind anspruchsvoller geworden. Investoren und Cases sind zudem technologischer geworden. Es ist ein Verkäufermarkt geworden, in dem sich die Start-ups mittlerweile die Investoren aussuchen können.

Kommen denn überhaupt noch Start-ups auf Investoren zu?

Wir bekommen unverändert viele Anfragen. Wir sind eigentlich auf Europa fixiert, aber hin und wieder bekommen wir Anfragen von Start-ups aus den Vereinigten Staaten, die nach einem Geldgeber suchen. Da schaut man schon skeptisch hin. Dort ist die Liquidität der Investoren noch höher. Dass dann ein Team in Europa nach einem Geldgeber sucht, ist kein wirklich gutes Zeichen für seine Idee, wenn es das Startup in den Staaten nicht geschafft hat, einen Investor zu finden. Da werden wir uns mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch nicht beteiligen.

Im US-amerikanischen Markt sind die Bewertungen auch weitaus höher als bei uns in Europa. Eine generelle Frage: Sind die Bewertungen zu hoch?

Es wird eine Korrektur im Markt geben. Die Einstiegsbewertungen gehen immer weiter nach oben. Das geht nicht für ewig so weiter. Doch die Korrektur wird auch Vorteile bringen. Early-Stage-Investoren wie wir zum Beispiel kommen dann für weniger Geld an bessere Targets.

Wie international ist das Start-up-Investment heute?

Im globalen Geschäft um gute Start-ups weltweit kämpfen nur wenige große Venture Capitalists, eine Handvoll vielleicht. Die Geographie und der Zugang zu den Gründerteams sind sehr wichtig. Wir sind zu 80 Prozent in der DACH-Region unterwegs, und die anderen 20 Prozent entfallen auf das restliche Europa. Andere Sphären können wir nicht abbilden, und das würde sich angesichts unserer momentanen Aufstellung auch nicht lohnen.

Heißt im Umkehrschluss, dass in Europa gute Targets zu finden sind – auch für „kleinere“ Investoren? Hat Europa also aufgeholt?

Ja, definitiv. Vor allem im Clean-Tech- und Industrial-Tech-Bereich sind wir in Europa sogar führend.

Holen denn auch die Familienunternehmen auf, wenn es um Start-ups geht?

Viele haben eingesehen, dass Investments und eine Zusammenarbeit mit Start-ups Vorteile bringen können. Sich zu digitalisieren, das kann in Verbindung mit einem Start-up klappen. Man kann sich das auch teuer mit Beratungsfirmen einkaufen. Dass es gute Targets und auch Start-ups im Bereich Industrial Technology gibt, an denen man nicht vorbeikommt, das steht außer Frage. Und dort sind viele Familienunternehmen, die ein B2B-Geschäftsmodell haben, unterwegs. Man muss sich nur fragen: Brauche ich lediglich die Technologie, um mein Unternehmen auf Kurs zu halten, oder will ich mit einem Investment mehr erreichen?

Sie haben sich auch in eine neue Sphäre bewegt und mit Arviq Capital Partners einen Fonds aufgelegt. Warum?

Wir haben mit ASTUTIA unser eigenes Geld investiert und dazu Co-Investments des European Angels Fund des Europäischen Investitionsfonds (EIF) mit aufgenommen. Der Angel-Fonds verdoppelt das, was wir investieren. Das soll die Frühphaseninvestments in der EU fördern. Mit diesem partnerschaftlichen Modell haben wir gute Erfahrungen gemacht und gehen mit Arviq Capital Partners nun den nächsten Schritt. Der eigene Fonds ist eine Krönung für uns. Dass Dritte unsere Expertise und unseren Track-Record zu schätzen wissen und uns ihr Geld anvertrauen ist phantastisch.

Wird es für Sie anders sein, Geld von anderen zu investieren?

In einer Hinsicht ja, denn die Verantwortung für unser Team wächst damit natürlich. Aber wir vertrauen dem, was wir schon vorher gemacht haben. In der Pre-Series-A-Finanzierung haben wir unseren Sweet-Spot ausgemacht und dort bleiben wir, weil wir hier das größte Potential sehen. Und da der Markt langfristig weiterwächst und die Tickets immer größer werden, haben wir mit einem Fonds einen Hebel, um unsere Strategie optimal umzusetzen und bei Top-Teams zu investieren.

Sie beschäftigen sich auch mit Kunst, sind Mitgründer der Plattform UNPAINTED für digitale Kunst und investieren in diesen Bereich. In welchen Aspekten ähneln sich das Kunst- und das Start-up-Investment?

Beide Bereiche sind mehr oder weniger spekulativ, und man braucht Kontakte und Insiderwissen. Bei Start-ups wie in der Kunst kann man bei geringerem Risiko in eher etablierte Player investieren, dann aber zu hohen Einstiegspreisen. Ein Warhol oder Rothko ist eine sichere Bank. Denn bei deren Bildern ist fast sicher, dass durch ihre Berühmtheit die Werke beliebt und wertvoll bleiben. Auf der anderen Seite kann man sowohl in der Kunst als auch bei jungen Unternehmen spekulativ und risikoreich investieren, wenn man früher einsteigt – dann ist die potentielle Wertsteigerung höher, aber das Ausfallrisiko auch.

Also an einem gewissen Risiko kommt man in beiden Bereichen nicht vorbei?

Am Ende ist alles, was unternehmerisch ist – und dazu gehört das Investieren in egal welchem Bereich –, Risiko. Bei Kunst oder Start-ups, die als risikobehafteter gelten wie auch bei konservativen Anlagen wie Aktien oder Immobilien. Selbst bei Immobilien, die als relativ sicher gelten, kann es mal eine Korrektur geben. Alles ist Risiko, weil man nicht in die Zukunft blicken kann. So einfach ist das. Doch ohne Risiko kein Gewinn.

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