Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell ist Alleinerbe des Vermögens, das seine Familie in 25 Generationen erwirtschaftet hat. Das gibt ihm aber nicht die Freiheit, allein zu entscheiden. Die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze der Familie geben einen engen Rahmen vor, doch er selbst empfindet das gar nicht so.

Castell in Unterfranken an einem kalten Märzvormittag. In den engen Gässchen und auf den gepflasterten Straßen des malerischen Örtchens unterhalb des Schlossberges am Rande des Steigerwaldes ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Auch das spätbarocke Schloss, das Domizil der Fürstenfamilie Castell-Castell, nur wenige Schritte von der Ortsmitte entfernt, wirkt wie im Dornröschenschlaf. Die Castells waren eigentlich schon immer hier. Die Geschichte des Adelsgeschlechts ist seit dem Jahr 1057 dokumentiert. Im Verlauf der vielen Jahrhunderte hat die Familie der gesamten Region ihren Stempel aufgedrückt. Das Fürstlich Castell’sche Domänenamt ist das größte private Weingut Bayerns, die Fürstlich Castell’sche-Bank, 1774 gegründet und seitdem im Familienbesitz, verwaltet rund 1 Milliarde Euro. Auch der größte Teil der umliegenden Felder und Wälder gehört den Castells und wird nach wie vor bewirtschaftet. Bis vor 30 Jahren übte die Familie sogar noch das Kirchenpatronat in der Gemeinde Castell aus.

Auch im Schloss scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Dicke Frauen in schweren Kleidern und Männer mit Spitzbart und Pumphosen schauen aus ihren goldenen Rahmen auf die Besucher herab. Dann erscheint Erbgraf Ferdinand, rotwangig, mit Brille, im dunkelblauen Anzug, und rückt die Szene augenblicklich in die Gegenwart.

Erziehung zum Verzicht

Erbgraf Ferdinand zu Castell-Castell vertritt die 26. Generation seines Geschlechts. Er ist der Alleinerbe, obwohl er zahlreiche Geschwister hat. Seit Urzeiten vermachen die Castells ihren gesamten Besitz nur einem Erben. „Es ist ungerecht“, steht im Vorwort der Castell’schen Chronik, „aber dadurch sind der Erhalt und das Fortbestehen des Familienvermögens als Wirtschaftsunternehmen gesichert“. Wie selbstverständlich unterwerfen sich alle Familienmitglieder dieser Regel, denn das Erbe zu erhalten, zu mehren und an die nächste Generation weiterzugeben ist die oberste Prämisse.

Bis 1918 war das Fürstentum von der gesetzlichen Erbrechtsregelung ausgenommen. Doch seit drei Generationen haben alle Geschwister und Ehefrauen auf ihren Pflichtteilsanspruch verzichtet. „Hätten nicht alle verzichtet, gäbe es uns heute in der Form nicht mehr. Unser Vermögen hätte sich atomisiert“, ist sich Erbgraf Ferdinand sicher. „Wir waren uns in der Familie nicht immer in allen Fragen einig, aber dass nur einer in jeder Generation und in jedem Familienstamm das Erbe antritt mit der Verpflichtung, unsere Tradition fortzusetzen, darüber gibt es wenig Diskussion“, sagt Erbgraf Ferdinand. Eher werde darüber diskutiert, wer der Erbe sein soll und ob nicht auch Frauen als Erben in Frage kommen sollen. Denn erben dürfen nach einem ungeschriebenen Hausgesetz nur männliche Nachkommen. Seit vielen Jahrhunderten erbte immer der älteste Sohn das Vermögen. In Ferdinands Fall – er ist der jüngste Sohn mit drei Brüdern und vier Schwestern – wurde zum ersten Mal von dieser Regel abgewichen.

Info

Geschichte der Familie Castell

Als ältester bekannter Träger des Namens wird Rupreth de Castello 1091 genannt. Seit 1205 führt die Familie Castell den Grafentitel. Sie zählt zu den ältesten Adelsgeschlechtern Deutschlands. 1398 verleiht König Wenzel in Prag dem Grafen Wilhelm I. zu Castell das Münzrecht. Münzstätte wird die Castell’sche Stadt Volkach. Mitte des 16. Jahrhunderts wird die Reformation in der Grafschaft Castell eingeführt. 1806 ging die reichsständische Grafschaft im Königreich Bayern auf. Die seit 1803 bestehenden Linien Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen wurden 1901 in den Fürstenstand erhoben. Mit der Familie Faber-Castell bestehen seit 1896 verwandtschaftliche Beziehungen.

Als der älteste Bruder 1974 tödlich verunglückte, schickte sich der zweitälteste Bruder Alexander an, die Nachfolge anzutreten. Doch der Vater entschied sich für Ferdinand. Über die Gründe möchte der Erbgraf nicht sprechen, das sei Angelegenheit der Familie. Mit der Entscheidung des Vaters waren nicht alle glücklich. Es gab viele Diskussionen – für die gesamte Familie eine schwere Zeit. „Heute sind alle einverstanden, dass ich die Erbfolge angetreten habe“, versichert der Erbgraf. Auch wenn Ferdinand einmal Fürst ist, wird sein Sohn erben, die drei Töchter sollen verzichten. Dass dies alle Kinder für selbstverständlich halten, dafür sorge die entsprechende Erziehung.

Konsens als Grundprinzip

Das Erbe unter seinen vier Kindern aufzuteilen ist für den 44-Jährigen undenkbar. „Ich habe mir das hier nicht selbst erarbeitet, daher kann ich darüber auch nicht frei verfügen. Ich sehe mich eher als Verwalter unseres Familienvermögens. Meine Aufgabe ist es, den Besitz, der mir anvertraut wurde, zu entwickeln und weiterzugeben.“ Als Last habe er diese Verantwortung nie empfunden und auch eingeengt fühle er sich nicht, versichert er. Vor Selbstmitleid helfe zudem ein Blick in die Geschichte, sagt der Erbgraf tapfer. „Die früheren Generationen hatten es viel schwerer als ich.“

Neben dem Schloss und dem angrenzenden Park umfasst das Vermögen vier Unternehmenszweige: die Privatbank, die landwirtschaftliche Meierei, die Forstverwaltung und das Domänenamt. Alle vier Bereiche verdienen ihr Geld in Marktnischen und wirtschaften rentabel, wie Erbgraf Ferdinand versichert. Gewinne werden nach dem Begleichen der Steuerschuld überwiegend wieder in die Unternehmen investiert. Obwohl Ferdinand Alleinerbe ist, kann er fast nichts allein entscheiden. Immer stimmt er sich ab, sucht den Konsens. Denn an drei von vier Betrieben ist sein Vetter zweiten Grades, Johann-Friedrich Fürst zu Castell-Rüdenhausen, zur Hälfte beteiligt.

Die Linie Castell-Rüdenhausen wurde vor 200 Jahren begründet. Seitdem üben sich die Casteller im Konsens. Während der landwirtschaftliche Betrieb – der kleinste der vier Bereiche – wie ein gemeinsames Unternehmen geführt wird, ist die Forstwirtschaft real geteilt.

Der Wald wird vom gemeinsamen Personal bewirtschaftet, viele Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, aber es werden zwei Jahresabschlüsse erstellt. Das kommt nicht von ungefähr: Der Wald ist die Liquiditätsreserve der Fürstenfamilien. Würde das Geld einmal knapp, könnte darauf zurückgegriffen werden. Außerdem sei das Forstgeschäft ein sehr langfristiges, mit einem Anlagehorizont von zwei bis drei Generationen. Da sei es nicht so einfach, sich zu einigen, erklärt der Erbgraf. Im Bankgeschäft – dem ertragsstärksten Bereich – geht das wohl einfacher.

Die Bank hat drei Aktionäre: Erbgraf Ferdinand, seinen Vater Albrecht Fürst zu Castell-Castell und Vetter Johann-Friedrich Fürst zu Castell-Rüdenhausen. Erbgraf Ferdinand und Fürst Johann-Friedrich sitzen beide im Aufsichtsrat. Den Vorsitz hält ein Familienfremder – als neutrale Instanz.

Offiziell ist Vater Albrecht schon vor Jahren aus dem Aufsichtsrat der Bank ausgeschieden, faktisch nimmt der 84-Jährige jedoch nach wie vor als Ehrenvorsitzender an jeder Sitzung teil.

Für Erbgraf Ferdinand ist es selbstverständlich, dass er sich bei wichtigen Fragen im Vorfeld mit seinem Vater abstimmt, bevor er mit seinem gleichberechtigten Vetter diskutiert. „Der Zusammenhalt ist in unserer Familie ganz wichtig – vielleicht sogar das Wichtigste überhaupt.

Keiner von uns hat das letzte Wort. Wir müssen immer einen Konsens finden und dürfen uns nicht streiten. Falls wir doch mal unterschiedlicher Meinung sind, sorgen wir dafür, dass der Dissens nicht nach außen getragen wird“, sagt der Erbgraf.

Info

Das Gesamtunternehmen der Fürsten und Erbgrafen Castell-Rüdenhausen und Castell-Castell

Die Fürstlich Castell’sche Bank, Credit Casse AG wurde 1774 gegründet und ist die älteste Bank Bayerns. Sie ist das wichtigste Standbein der Casteller Unternehmen. Die Privatbank ist mit 16 Filialen und 280 Mitarbeitern in Franken, in der Region Heilbronn und im Raum Mannheim- Ludwigshafen vertreten und verwaltet ein Vermögen von rund 1 Milliarde Euro. Neben der Vermögensberatung und -verwaltung für gehobene Privatkundschaft ist die Bank auf das Firmenkundengeschäft mit mittelständischen Unternehmen spezialisiert. Sie ist zu 100 Prozent in Familienbesitz, je zur Hälfte in Händen der Linien Castell-Rüdenhausen und Castell-Castell. Das Fürstlich Castell’sche Domänenamt ist eines der ältesten Weingüter Deutschlands und gehört laut Gault Millau zu den renommiertesten Weingütern Frankens. Die sieben Weinbergslagen, unmittelbar um den alten Stammsitz der Familie auf dem Schlossberg gelegen, bilden den Kern des 70 Hektar großen Weinguts. Der Silvaner besetzt mit fast 40 Hektar die Mehrheit der Rebfläche, weitere Sorten sind Riesling, Weißburgunder und Spätburgunder. Die landwirtschaftlichen Betriebe (Fürstlich Castell’sche Meierei) betreiben reinen Ackerbau mit Getreide und Ölfrüchten. Zwei Mitarbeiter bewirtschaften rund 450 Hektar Land. Zur Fürstlich Castell’schen Forstverwaltung gehören rund 4.500 Hektar Wald, aufgeteilt auf sechs Reviere in Franken und eines in Thüringen. Die Forstverwaltung ist in den vergangenen Jahren dazu übergegangen, den Fichten bestand, der 28 Prozent des Baumbestandes ausmacht, durch Edellaubholz zu ersetzen.

Erfolgsrezept Fremdmanagement

Erst wenn die Familie sich einig ist, werden die Angestellten einbezogen. Die Bank wie auch die anderen Unternehmen werden komplett fremdgemanaget. Kein Mitglied der Fürstenfamilie war je operativ tätig. Der Erbgraf liebäugelte einmal damit, mit dieser Tradition zu brechen und operativ ins Bankgeschäft einzusteigen, ließ es dann aber lieber bleiben. „Es hätte die Balance mit meinem Vetter gestört“, sagt er. Seine wichtigste Aufgabe sei es nun, Menschen zu finden, die besser sind als er.

Heute gefällt sich der Erbgraf in der Rolle des Unternehmers. Dabei mag er nicht sagen, welchen Hut – den des Winzers, des Forst- und Landwirtes oder den des Privatbankiers – er am liebsten trägt. „Alle Betriebe faszinieren mich immer wieder neu“, sagt er diplomatisch. „Ich bin dankbar, ein so abwechslungsreiches Unternehmen zu führen.“ Doch seine Augen leuchten, wenn Erbgraf Ferdinand über den Weinbau spricht. Vielleicht weil er sich dort seine Freiräume geschaffen hat, in denen er alleine entscheiden und auch mal etwas Neues ausprobieren kann.

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