Sicherheit und Gesundheit sind auch für Mitglieder großer Unternehmerfamilien keine Selbstverständlichkeit. Das hat auch Röchling-Gesellschafterin Annunziata von Hoensbroech erfahren. Seit einem folgenschweren Unfall ihres Sohnes Caspar setzt sie sich für das Thema Vorsorgevollmacht ein. Wie hat die Erfahrung ihre Sicht auf die Absicherung der Unternehmerfamilie und den Austausch zwischen den Generationen verändert?

Annunziata von Hoensbroech, Ihr Sohn Caspar wurde 2016 als junger Erwachsener in Barcelona von einem Taxi erfasst und lag acht Wochen lang im Koma. Sie konnten sich in der Folge für seine medizinische Versorgung einsetzen – dank einer Vorsorgevollmacht, die Ihr Sohn Ihnen zuvor ausgestellt hatte. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie im Besitz dieses Dokuments waren?

Ein dreiviertel Jahr vor dem Unfall sind Caspar und sein Zwillingsbruder zu einer abenteuerlichen Motorradreise aufgebrochen. Sie waren rund 22.000 Kilometer unterwegs, fuhren unter anderem fast rund ums Schwarze Meer, durch den Iran, an die Grenze von Syrien und über Russland wieder nach Deutschland. Ich war gegen diese Reise, aber wenn die Kinder Mitte 20 sind, ist man über Verbieten oder Erlauben längst hinaus. Also habe ich mich entschlossen, die Fahrt konstruktiv zu begleiten: Was könnte die Sicherheit der Zwillinge erhöhen? Dazu gehörte unter anderem ein Sicherheitstraining mit den Motorrädern – und ein rechtlich bindendes Dokument, das sicherstellt, dass die Familie handlungsfähig ist, wenn etwas passiert. Das war die Vorsorgevollmacht.

Hatten Sie zu diesem Zeitpunkt selbst so ein Dokument?

Nein, aber ich hatte schon länger den Wunsch, das für mich selbst zu regeln. Zugleich weiß ich noch, dass ich fast ein bisschen beleidigt war, nach dem Motto: „So alt bin ich ja auch noch nicht. Außerdem bin ich ja nicht die Einzige, der hier etwas passieren kann.“ Jedem von uns kann der berühmte Dachziegel auf den Kopf fallen. Die Reise der Zwillinge haben wir zum Anlass genommen und uns zu fünft zusammengesetzt. Seitdem habe ich eine Vorsorgevollmacht für jedes der vier Kinder, und sie haben eine für mich.

Welche Bedeutung hatte es, dass Sie im Besitz solch einer Vorsorgevollmacht waren?

Die erste und wichtigste Auswirkung ist: Die Vollmacht legt eine legale, nicht anfechtbare Gesprächsbasis, in meinem Fall zum Beispiel zwischen dem Klinikpersonal und mir. Ärzte unterliegen der Schweigepflicht und nehmen diese Verpflichtung auch sehr ernst – völlig zu Recht –, es sei denn, der Patient hat es anders festgelegt. Ein Arzt muss grundsätzlich davon ausgehen, dass ein mündiger Patient es schriftlich niedergelegt hätte, wenn eine Person, ein Familienmitglied, im Notfall für ihn die Entscheidung treffen soll. Caspar lag acht Wochen im Koma. Durch die Vorsorgevollmacht war ich die erste Ansprechpartnerin für therapeutische Vorgehensweisen, aber auch juristische Aspekte, Versicherungen, die Wahl der Rehaklinik, den Rücktransport nach Deutschland und so weiter. Hier hat sich auch bewährt, dass wir nicht nur Patientenverfügungen aufgesetzt haben: In einer solchen Krise hat man es schnell mit Dingen zu tun, die über medizinische Fragen hinaus gehen. Die Vorsorgevollmacht berührt jeden Aspekt des Lebens.

Haben Sie den Austausch mit Ihren Kindern heute in irgendeiner Form institutionalisiert?

Nein. Wir sehen uns relativ häufig alle zusammen. Außerdem bin ich der Meinung, dass man nicht jedes Vierteljahr wieder ein tränenreiches Gespräch über letzte Dinge führen muss. Man kennt seine Liebsten. Natürlich wird es irgendwann Änderungen oder Aktualisierungsbedarf geben, zum Beispiel wenn eines der Kinder heiratet. Aber auch da bin ich als Vollmachtgeber ja ganz frei: Ich kann eine, zwei oder auch fünf Personen aufschreiben, eine Reihenfolge festlegen, ganz wie ich es mir vorstelle.

Hat die Verantwortung als Vollmachtinhaberin Sie belastet?

Nein, denn ich übernehme nicht die Verantwortung für den Menschen. Ich übernehme Verantwortung dafür, dass Entscheidungen so getroffen werden, wie dieser Mensch es sich für sich und sein Leben vorstellt. Das entspricht eher der Leistung eines Dolmetschers: In Kenntnis der Person weiß und kommuniziere ich, was sie gern möchte. Ich bin quasi ein Erfüllungsgehilfe für diese Wünsche. Daher trage nicht ich die Verantwortung für die Entscheidungen, gerade wenn es zum Letzten kommt. Das ist etwas sehr Entlastendes. Ich glaube, das Ganze klingt schwerer, als es eigentlich ist. Ich sehe das Thema Vollmachten eher mit Dankbarkeit und Freude: Es ist der größte gegenseitige Vertrauensbeweis.

Um im Sinne des Vollmachtgebers zu entscheiden, müssen Sie seine Wünsche allerdings erst mal kennen.

Das stimmt, es setzt zwingend das Gespräch voraus. Das dauert mehr als eine Stunde am Nachmittag. In unserem Fall war das ein intensiver Gesprächsprozess über etwa anderthalb Wochen, begleitet von einem Notar. Es gab Entwürfe, die haben wir gelesen und besprochen: Was denkt ihr eigentlich darüber? Dann kamen Formulierungsvorschläge, die wieder zurückgeschickt und individuell angepasst wurden. Es gibt aber auch ganz andere Wege – Hauptsache, Sie werden aktiv. Gerade die Pandemie zeigt uns, wie schnell eine Notsituation entstehen kann: Soeben ist man noch wach, der Arzt sagt, man muss intubiert werden – und schon ist man nicht mehr bei Bewusstsein und damit auch nicht mehr entscheidungsfähig. Für diesen Fall muss jeder vorsorgen können. Deswegen stelle ich auf meiner Webseite für den deutschsprachigen Raum Musterexemplare zum freien Download zur Verfügung, die einmal im Jahr auf Aktualität geprüft werden. Jeder kann einem Menschen, der ihm nahesteht, eine General- oder Vorsorgevollmacht geben, auch ohne Anwalt oder finanzielle Mittel.r

Sie sind Gesellschafterin der Röchling SE & Co. KG und gehören zum siebenköpfigen Gesellschafterausschuss. Bei 200 Gesellschaftern potenziert sich auch das Risiko für schwere individuelle Notlagen. Wie gehen Sie damit um?

Wir geben unseren Gesellschafterinnen und Gesellschaftern verschiedene Empfehlungen an die Hand: vom Ehevertrag bis zur Absicherung für die minderjährigen Familienmitglieder, die eventuell schon Anteile haben. Es ist extrem wichtig zu organisieren: Wer nimmt die Rechte für die Kinder, die schon Gesellschafter sind, wahr, wenn die Eltern das selbst plötzlich nicht mehr können?

Ihr Sohn Caspar war allerdings schon volljährig.

Nicht nur das, er war auch schon Gesellschafter. Ohne die Vollmacht wäre wahrscheinlich ein gesetzlich bestellter Betreuer eingesetzt worden. Das ist in Krankenhäusern ein alltäglicher Schritt. Nach meiner Erfahrung ist es eher die Ausnahme, dass Angehörige von jungen erwachsenen Patienten eine Vollmacht vorlegen können. Ein gesetzlicher Betreuer ist in seiner Tätigkeit unbeschränkt. In Caspars Fall hätte er auch in der Gesellschafterversammlung sitzen und dort beispielsweise die Entlastung des Vorstands oder andere Entscheidung blockieren können. Ich bin überzeugt, dass es viele gute und ehrenhafte Betreuer gibt – aber für eine Firma kann das zu einem Risiko werden.

Haben die Erfahrungen Ihrer Kernfamilie sich auch auf die Arbeit mit dem Gesellschafterkreis ausgewirkt?

Ja, absolut. Auch wenn wir viele sind, verstehen wir uns trotzdem als Familie. Die Familie hat großen Anteil an unserer Situation genommen und uns unterstützt – dafür bin ich sehr dankbar. Umgekehrt habe ich natürlich auch meine Erfahrungen in den Kreis hineingegeben, um das Bewusstsein zu stärken, wie viel Unvorhergesehenes passieren kann. Wir haben in der Vergangenheit mit der siebten Generation in intensiven Gesprächen die Gesellschafterverträge weiterentwickelt und eine Familiencharta neu aufgesetzt. Nun arbeiten wir an Instrumenten, um einzelnen Gesellschaftern, die in existentielle Not geraten sind, beizustehen. Wir wollen eine Solidargemeinschaft sein.

Der Vorsitzende des Röchling-Beirats, Johannes Freiherr von Salmuth, beschreibt den breiten Gesellschafterkreis von Röchling als „Stabilitätsanker“ für das Unternehmen. Das setzt allerdings voraus, dass alle Beteiligten ihre Rolle ernst nehmen und für die Ausübung qualifiziert sind. Wie funktioniert das bei Röchling?

Sich weiterzubilden und neue Kompetenzen zu erwerben spielt in der Gesellschafterarbeit eine wichtige Rolle. Dafür gibt es bei Röchling ein umfangreiches Weiterbildungsprogramm und vor allem einen intensiven Gesprächsfaden mit der jüngeren Generation, zum Beispiel in Form von regelmäßigen Jugendtagungen. In jedem neuen Gesellschafter steckt eine Chance. Ab einem Alter von 13 oder 14 beginnt die Firma mit regelmäßigen Einladungen an die jugendlichen Mitglieder der Unternehmerfamilie. Es gibt Exkursionen in Niederlassungen, Vorträge über die Geschichte, später auch zu betriebswirtschaftlichen Themen und Vorträge, die sich konkret mit den „Dos und Don’ts“ für Gesellschafter befassen. Solche Bemühungen gab es auch in meiner Jugend schon, aber längst nicht in dem Umfang. Wir haben das in den letzten Jahren sehr verstärkt.

Wie haben Sie persönlich die Kinder auf die Übertragung der Anteile vorbereitet?

Ich habe meine Kinder überhaupt nicht gefragt. Als sie geboren wurden, haben sie von mir gewisse Anteile übertragen bekommen. Zunächst habe ich sie als unmündige Gesellschafter vertreten, mit der Volljährigkeit haben sie die Aufgabe selbst übernommen. Sie sind als Gesellschafter aufgewachsen.

Warum war Ihnen das wichtig?

Ich wollte sie dabeihaben. Ich glaube, es ist einfacher, wenn man in etwas hineinwächst, als wenn es den einen Tag oder Initiationsritus gibt, wo sich alles ändert. Man entwickelt eine größere Selbstverständlichkeit. Ich fand das folgerichtig: Auch die Gesellschafterarbeit wird bei uns unter „Familie“ subsummiert. Und zur Familie gehört man von Anfang an.

Info


Annunziata von Hoensbroech (58) ist Mitglied des Gesellschafterausschusses der Röchling SE & Co. KG und Vorsitzende des Kuratoriums der Röchling Stiftung. Die Erfahrungen im Zusammenhang mit dem Unfall ihres Sohnes bilden die Grundlage für ihr Buch „Schicksalsschlag. Der Weg zurück ist kein Spaziergang“, das 2019 im Herder-Verlag erschienen ist.

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