Familienunternehmen holen Eigenkapitalgeber ins Boot, um Wachstum, Nachfolge oder einen Gesellschafterausstieg zu finanzieren. Obwohl das Unternehmen erfolgreich und strategisch gut aufgestellt ist, kaufen sie die
Anteile Jahre später wieder vollständig zurück. Warum?

Wenn Familienunternehmer Andreas Kraut über den Unternehmensrückkauf spricht, sprudeln die Worte nur so aus ihm raus. Fragen braucht man ihm keine mehr stellen, denn er taucht ein in eine lange Geschichte aus Schicksalsschlägen, unternehmerischen Pfaden und großen Entscheidungen. Nur bei der Frage nach dem wahren Grund des Rückkaufs muss der Unternehmer innehalten und einige Atemzüge lang in die Stille hineinhören.

Einen strategischen Grund, sich vom Investor zu trennen, kann Andreas Kraut flugs nicht nennen. „Unsere Unternehmensstrategie bei Bizerba war vor, während und nach den Fremdinvestoren immer gleich ausgerichtet,“ sagt der Geschäftsführende Gesellschafter des Herstellers für Schneidemaschinen.

Andreas Kraut stieg als CEO der US-Tochtergesellschaft bei Bizerba ein.

Foto: Bizerba

Die Gefühle nach dem Unternehmensrückkauf versucht Kraut dann mit den Worten „es endlich geschafft zu haben“ zu beschreiben. Es sei darum gegangen, ein Zeichen zu setzen, sagt er und kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. Denn dass er den Unternehmensrückkauf im Jahr des 150-jährigen Bestehens kommunizieren konnte, sei kein Zufall gewesen. Wer der Vorgeschichte Krauts zum Unternehmensrückkauf aufmerksam lauscht, dem erscheint es so, als sei die Transaktion der Abschluss des größten Projekts, das die Unternehmerfamilie aus Balingen am Rande der Schwäbischen Alb jemals bewältigen musste.

Nur knapp 60 Kilometer entfernt, in Nürtingen im Süden von Stuttgart, hat eine andere Unternehmerfamilie ebenfalls den Unternehmensrückkauf gestemmt. Zwar geht Familie Heller vom gleichnamigen Werkzeugmaschinenhersteller nicht so offen mit der Geschichte um wie Familie Kraut, aber der Stellenwert der Transaktion im Jahr 2016 war zentral. Klaus Winkler, Vertrauter der Familie, familienfremder Vorstandsvorsitzender der Heller Management SE sowie CEO der HELLER Gruppe, erinnert sich: „Am Tag, an dem ich Hubert Heller den Vollzug melden konnte, sagte er, dass das einer der besten und glücklichsten Momente seiner Unternehmerkarriere sei.“

Beide Unternehmen ähneln sich nicht nur, weil sie ihren Sitz in Schwaben haben. Heller und Bizerba spielen auch beim Umsatz in der gleichen Liga: HELLER mit knapp 2.800 Mitarbeitern und einem Umsatz von 724 Millionen Euro, Bizerba mit rund 4.300 Mitarbeitern und einem Umsatz von 729 Millionen Umsatz. HELLER wurde 1894 gegründet, Bizerba 1866. Und: Bei beiden Unternehmen gab es jahrelang eine geteilte Eigentümerschaft – zwischen Familie und Private-Equity-Investoren. Familie ist hier das entscheidende Stichwort, denn der Unternehmensrückkauf hatte in beiden Fällen nichts mit strategischen oder wirtschaftlichen Gründen zu tun, sondern mit dem tief verankerten Selbstverständnis einer Unternehmerfamilie – wie sie sich gibt, wie sich selbst definiert –, die die Vergangenheit hinter sich lassen will.

Von drei Familienstämmen auf einen

Die Vorzeichen, unter denen die Hellers und Krauts sich einst Investoren ins Haus holten, waren unterschiedlich. Die Gründe für den Anteilsverkauf von Bizerba liegen in den Anfängen der neunziger Jahre, als das Unternehmen in vierter Generation von Andreas’ Vater Günter Kraut geführt wurde. Drei Familienstämme waren an Bizerba beteiligt – zwei davon operativ im Unternehmen vertreten, ein Stamm als passiver Anteilseigner. Dieser wollte aussteigen. Um das zu finanzieren, veräußerte Familie Kraut 1994 an die Beteiligungsgesellschaft BWK 20 Prozent der Anteile. Die Unternehmerfamilie wollte nach dem Ausscheiden des Stammes die Eigenkapitalquote stabil halten – und die Wachstumspläne sollten durch den Gesellschafterausstieg nicht in Mitleidenschaft gezogen werden.

Info

Andreas Kraut stieg 2005 bei Bizerba ein, nachdem er vier Jahre lang bei der Heidelberger Druckmaschinen AG im Vertrieb gearbeitet hatte. Seit 2011 ist er Bizerba-CEO. Seine Schwester Angela Kraut leitet den Geschäftsbereich Bizerba Financial Services. Die Dritte im Bunde ist Nicole Hoffmeister-Kraut und aktuell in zweiter Legislaturperiode Wirtschaftsministerin des Bundeslandes Baden-Württemberg. Sie hat einen Platz im Beirat des Familienunternehmens.

Im Jahr darauf verstarb Günter Kraut plötzlich, Andreas Kraut studierte damals noch. Der Tod zog weitere Veränderungen innerhalb der Gesellschafterstruktur nach sich. „Jetzt wollte auch der zweite Familienstamm komplett aus dem Unternehmen raus“, erinnert sich Andreas Kraut, „und zusätzlich wollte mein Onkel, der zu unserem Stamm gehört, ebenfalls aussteigen.“

Doppelte Jubiläumsfreuden

Was bedeutete das für Andreas Kraut und seine Familie? „Die anderen haben uns geraten, auch zu verkaufen, aber das passte nicht zu unserem Selbstverständnis und zur Strategie, die unsere Familie verfolgen wollte“, sagt Kraut. Bizerba hinter sich zu lassen kam für die Witwe und die drei Kinder nicht in Frage. „Was bringt uns ein volles Bankkonto, wenn man so eine Aufgabe hat, wie ein Unternehmen zu führen?“, zitiert Kraut die Haltung seiner Familie. Sie wollte dem Unternehmen verbunden bleiben, und auf lange Sicht konnte sich Andreas Kraut vorstellen, den Posten des CEO zu übernehmen.

Kapitalseitig hielten die Witwe und die Kinder sowie BWK zu jenem Zeitpunkt jeweils 20 Prozent der Anteile. Den Kauf der restlichen 60 Prozent finanzierte die Familie in einem Kraftakt: über Kredite und im Jahr 2001 über eine Veräußerung von 10 Prozent der Gesellschafteranteile an die Deutsche Herold Versicherungsgruppe, zu jener Zeit ein Tochterunternehmen der Deutschen Bank, heute Tochter der Zurich Gruppe.

Zehn Jahre nach dem zweiten Deal – im Jahr 2011, als der Umsatz 435 Millionen Euro erreichte – wurde schließlich wieder ein Familienmitglied CEO von Bizerba. Unter Andreas Krauts Führung kaufte die Familie 2013 erst die Anteile der BWK Unternehmensbeteiligungsgesellschaft und 2016 auch die von Zurich Deutscher Herold zurück. „Der Rückkauf aller externen Konzernanteile hätte zu keinem besseren Zeitpunkt erfolgen können, denn er fällt zusammen mit unserem 150-jährigen Bestehen, das wir 2016 feiern“, freute sich Andreas Kraut in der Pressemitteilung von Bizerba damals.

Der Unternehmensrückkauf vollendete die lange Geschichte, die mit dem Ausstieg des ersten Gesellschafterstammes begonnen hatte. „Unser Familienstamm saß damals mit 20 Prozent der Unternehmensanteile da, jetzt haben wir als Familie 100 Prozent und den Umsatz das Unternehmen mehr als verdoppelt“, schließt Kraut seine Erzählung über die nahe Vergangenheit des über 150 Jahre alten Herstellers für Schneidemaschinen.

Druck durch Marktkonsolidierung

Vom Investor ins Unternehmen: Klaus Winkler wechselte die Seiten.

Foto: HELLER

Familie Kraut wusste, dass ein Nachfolger aus der Familie bereit war, das Unternehmen langfristig wieder zu übernehmen. Bei Familie Heller war genau das nicht gegeben. Um die Nachfolge zu regeln, entschied sich die schwäbische Unternehmerfamilie für einen Investor.

Aber auch hier erst ein Schritt zurück: In den sechziger Jahren starb Hermann Heller unerwartet. Seine Söhne Hubert und Berndt Heller übernahmen in dritter Generation die Führung. Die vier Kinder jedoch, die die vierte Generation hätten vertreten können, schlugen andere Berufswege ein. Wenn sich folglich Eigentum und Führung trennen würden, dann – so die Auffassung der Familie Heller – solle der Wechsel lieber mit einem Partner passieren, der mit eigenem Risiko in das Unternehmen einsteigt. Hubert und Berndt Heller brachen nun teilweise mit dem, was ihr Vater ihnen mit auf den Weg gegeben hatte: Es sei die oberste Pflicht, dass das Maschinenbauunternehmen in Familienhand bleibe. Doch im Jahr 1995 veräußerte die Familie 36 Prozent der Anteile an die Beteiligungsgesellschaft BWK.

Ein weiterer Grund für diese Transaktion war, dass HELLER Kapital für das Wachstum im Ausland brauchte. Der Bau von neuen Werken in Troy im Bundesstaat Michigan in den USA und im englischen Redditch musste finanziert werden. Das wollten die Geschäftsführenden Gesellschafter nicht mit Bankschulden machen, sondern mit Kapital aus der eigenen Bilanz, das für eine solche Sprunginvestition allerdings nicht ausreichend vorhanden war.

Ausstieg mit Hürden

In den Reihen des Investors fanden die Gebrüder Heller auch ihre Nachfolger. Klaus Winkler wechselte im Jahr 2003 von BWK ins Management von HELLER und leitet dort als CEO auch heute noch die Geschicke zusammen mit seinem Kollegen Manfred Maier. Dass Winklers alter Arbeit- und Kapitalgeber mehr als 20 Jahre lang an Bord bleiben würde, damit hatte jedoch niemand gerechnet. Der Grund: Die wirtschaftliche Lage machte Rückkauf-Szenarien immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Im Werkzeugmaschinenbau fand in den Jahren von 2003 bis 2006 eine Konsolidierung unter den Herstellern statt. Für einen Ausstieg eines Gesellschafters keine gute Zeit. Und als sich die Marktsituation gerade wieder stabilisiert hatte, brach im Jahr 2009 die Finanz- und Wirtschaftskrise in die Märkte hinein und bremste Verkaufspläne jäh aus. 2016 passte der Zeitpunkt schließlich: Über eine Mischfinanzierung aus privaten Mitteln und Kapital aus dem Unternehmen holte sich die Familie ihre kompletten Anteile wieder von BWK zurück.

Info

Berndt Heller, dritte Generation von HELLER, ist seit 2007 Aufsichtsratsvorsitzender. Die Familie ist nicht operativ tätig und wirkt über den zwölfköpfigen Aufsichtsrat, dem auch ein Mitglied der vierten Generation sowie sechs Arbeitnehmervertreter angehören. Der Aufsichtsrat ist somit mehrheitlich mit familienfremden Mitgliedern besetzt. Das Gremium wurde 1994 mit dem Einstieg des Eigenkapitalinvestors geschaffen.

Am Ende war es eine emotionale Entscheidung, die aus dem Inneren der Unternehmerfamilie kam. „Die Gründe für einen Unternehmensrückkauf lassen sich auf unternehmerischer Ebene nur bedingt erklären“, sagt Winkler. Dass die Hellers das Unternehmen HELLER als Eigentümer an die nächste Generation so übergeben, wie sie es von der vorherigen bekommen haben – zu 100 Prozent in Familienbesitz –, gebe der Familie ein gutes Gefühl, beobachtet Winkler. Die Geschichte von Bizerba und BWK habe er natürlich auch verfolgt, sagt der frühere Chef der Beteiligungsgesellschaft. Kaufen Schwaben also eher zurück als andere? Winkler kann sich vorstellen, dass die süddeutsche Mentalität eine Rolle spielen könnte. Belegen kann er diese Vermutung aber nicht. Es sei nur so ein Gefühl. Da spricht er schon wie ein Familienunternehmer, der versucht zu erklären, warum die Private-Equity-Anteile zurückgekauft werden müssen.

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